HOME

Väterbuch "Geht alles gar nicht": Familie und Karriere - Eltern können nicht alles haben

Nur eine Frage der Organisation: Der Anspruch, dass Eltern Familie und Beruf vereinen können, wenn sie sich nur anstrengen, ist weit verbreitet - auch bei den Eltern selbst. Ein Buch will das ändern.

Von Viktoria Meinholz

Sich um sein Kind kümmern, für den Chef immer erreichbar sein und dann noch die Beziehung zur eigenen Partnerin auf die Reihe kriegen: Wie soll das gehen?

Sich um sein Kind kümmern, für den Chef immer erreichbar sein und dann noch die Beziehung zur eigenen Partnerin auf die Reihe kriegen: Wie soll das gehen?

Im vergangenen Jahr legten Marc Brost und Heinrich Wefing den Finger in die Wunde: Die beiden Journalisten von der "Zeit" sorgten mit ihrem Artikel "Geht alles gar nicht" zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Gesprächsstoff. Sie sagten klar und deutlich, was wohl die meisten Eltern unterschreiben würden: Es ist einfach zu wenig Zeit, die To-do-Liste ist endlos, gelebt wird nebenbei. "Dass sich Kinder und Karriere vereinbaren lassen, ist eine Lüge. Zeit für mehr Ehrlichkeit." Mit diesen Worten beginnt ihr Text, der bald 300 mal kommentiert und von vielen anderen Medien, auch dem stern, erwähnt wurde.


Unter dem gleichen Titel bringen die beiden Journalisten nun ein Buch heraus. "Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können" steht auf dem Cover. Ihr Hauptanliegen: Es sollen endlich alle aufhören zu behaupten, wenn man sich nur genug anstrenge, könne man alles haben - ein tolles Familienleben, eine glückliche Beziehung, einen erfüllenden Job. Warum das nicht klappen kann, erklären sie ausführlich und fundiert, ergänzt durch Interviews mit anderen modernen Vätern, die auch zugeben, ihrem eigenen Ideal nicht zu entsprechen.

Denn der eigene Anspruch an sich selbst als Vater, Partner und Arbeitnehmer ist einer der Gründe, warum die Autoren mit ihrer momentanen Situation nicht zufrieden sind - das geben sie auch offen zu: "Wenn wir ehrlich sind, ganz ehrlich, wollen wir keine Abstriche machen. Wir wollen der liebevollste Vater überhaupt sein; ein Vater, der immer Zeit zum Spielen hat; der die tollsten Sachen mit Lego baut; ein Vater, der nie schimpft und schreit und niemals ärgerlich ist. Wir wollen außerdem der beste Ehemann von allen sein, ein Partner, der immer zuhört; der natürlich die Waschmaschine und den Trockner füllt, und der auch die Hemden selber bügelt; wir wollen wunderbar kochen können und morgens den schönsten Frühstückstisch überhaupt decken."

Immer zu wenig Zeit

Doch auch und besonders die Realität in den meisten deutschen Büros spricht gegen ein Gleichgewicht aus Arbeits- und Familienzeit. Noch immer sind Gleitzeit und Homeoffice die Ausnahme. Und Väter, die beruflich gerne kürzer treten und sich mehr um ihre Familie kümmern wollen, sind vielen Vorgesetzten weiterhin ein Dorn im Auge. Dass sich im Arbeitsleben etwas ändern muss, wird seit Jahren gebetsmühlenartig wiederholt. Liest und hört man Beispiele aus der Praxis, scheint das Umdenken in den deutschen Chefetagen jedoch weiterhin auf sich warten zu lassen.


Brost und Wefing sind nicht die ersten, die sich wagen, von der Vereinbarkeitslüge zu sprechen. Im vergangenen September erschien das Buch von Susanne Garsoffky und Britta Sembach: "Die Alles ist möglich-Lüge - Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind". Richtete sich dieses Buch noch primär an die Mütter, gibt es mit "Geht alles gar nicht" nun ein Pendant für Väter. Ein Aspekt, der Hoffnung macht: "Auch Männer sind traurig, wenn sie ihre Kinder kaum sehen. Auch Männer nehmen wahr, dass da etwas gründlich schiefläuft in vielen Familien. Bislang fehlte dieser Aspekt in der familienpolitischen Debatte. Jetzt wäre erstmals die Möglichkeit da, gemeinsam für Verbesserungen in den Familien zu kämpfen. Für Frauen und Männer. Und für die Kinder", schreiben Brost und Welfing in der Einleitung ihres Buches.

Was dem Buch leider fehlt, ist eine konkrete Idee. Eine Idee, wie man denn nun, trotz Dauerbelästigung durchs Smartphone, unklarer Rollenmodelle und der hohen Ansprüche an sich selbst ein glückliches Leben als berufstätiges Elternteil führen kann. Brost und Wefing hoffen, dass schon die Wahrheit über die Vereinbarkeitslüge helfen könne. Doch ist das für arbeitende Mütter und Väter wirklich etwas Neues? Und reicht das, um etwas zu verändern?

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity