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Charlotte Link "Die Betrogene": Der Ruf nach Gerechtigkeit

Böses Erwachen für die Londoner Polizistin Kate: Ihr Vater wurde ermordet. In ihrem Heimatort versucht sie auf eigene Faust zu ermitteln und stößt dabei auf unangenehme Tatsachen.

Erfolg programmiert: Die Krimis von Charlotte Link - garantierte Bestseller schon bevor sie auf dem Markt sind

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Wenn Charlotte Link Spuren legt, weiß der gewiefte Leser, dass diese zunächst in die Irre führen. Aber man folgt ihnen gern. Denn die erfolgreiche deutsche Krimi-Autorin, 52, hält auch in Sackgassen stets Überraschendes parat. Ihr neues Buch "Die Betrogene" macht da keine Ausnahme. Ausgangspunkt des labyrinthischen Rätselratens ist der Mord an einem pensionierten Polizisten. Und Kate, seine Tochter, sucht in diesem Irrgarten den richtigen Weg. 

Dumm nur, dass sie - selbst Detective Sergeant bei Scotland Yard in London - im heimatlichen Scalby überhaupt nichts zu sagen hat und die Ermittlungen der ortsansässigen Polizei überlassen muss. Hinzu kommt, dass Kate massiv unter Selbstzweifeln leidet und mit ihrem Vater ihre einzige Vertrauensperson verloren hat. 

Komplex angelegte Figuren

In Chief Inspector Caleb Hale, der bei der Aufklärung das Sagen hat, findet sie zunächst einen verständnisvollen Mann, der seine Londoner Kollegin über den Stand der Ermittlungen auf dem Laufenden hält - bis Kate gegen die Regeln verstößt. Und dann geschieht ein weiterer Mord. Parallel dazu weist ein anderer Handlungsstrang nach Nordengland, wo eine Familie ins Fadenkreuz eines Verbrechers gerät. 

Link führt konsequent durch den verzweigten Ablauf, wobei sie der Intuition sehr viel Platz einräumt und man als Leser mitunter das Gefühl bekommt, dass die gesamte Aufklärung mehr vom Bauchgefühl als von der Recherche abhängt. Aber sie versteht es gut, Beweggründe für jeden Schritt der Akteure und deren Verhalten herauszuarbeiten. Starkes Beispiel: Hale, der mit inneren Dämonen zu kämpfen hat. Auch Kates komplexbeladene Persönlichkeit kommt überzeugend rüber - ebenso der traumatisierte Iraker, der seine Verfolgung und sein Martyrium unter Saddam Hussein nicht verarbeiten kann. Was eine andere Hauptperson - die Polizistin Jane - betrifft, so mag es durchaus derartige Charaktere geben. 

Recht ist nicht immer gerecht

Neben den Verhaltensanalysen der Protagonisten ist es der professionelle Spannungsaufbau, der diesen Krimi lesenswert macht. Link, deren Romane mittlerweile eine Gesamtauflage von über 24 Millionen und auch international Bestsellerpotenzial erreichten, geht es in diesem neuen Werk einmal mehr um Gerechtigkeit. Die in Wiesbaden lebende Schriftstellerin studierte neben Literaturwissenschaften auch einige Semester Jura. Vermutlich aber ist es Lebenserfahrung, die sie gelehrt hat, dass Recht nicht immer Gerechtigkeit bedeutet, wie zum Beispiel in diesem Buch. Und die titelgebende Betrogene? Das könnten nahezu alle Frauen sein, die hier in Erscheinung treten. Und damit ist auch Selbstbetrug gemeint.

Frauke Kaberka, DPA

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