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Charlotte Link "Sechs Jahre": Schmerzhafter Abschied von der krebskranken Schwester

Der Tod ihrer Schwester hat Charlotte Link den Boden unter den Füßen weggerissen. Was die Autorin und ihre Familie in sechs Jahren mit dem Krebs erleben und ertragen mussten, setzt auch dem Leser zu.

Von Susanne Baller

Franziska wollte, dass ihre Schwester ihre Leidensgeschichte aufschreibt. Charlotte Link hat ihr diesen Wunsch erfüllt und ein sehr berührendes Buch geschrieben.

Franziska wollte, dass ihre Schwester ihre Leidensgeschichte aufschreibt. Charlotte Link hat ihr diesen Wunsch erfüllt und ein sehr berührendes Buch geschrieben.

"Ich wünschte, ich könnte mit diesem Buch vermitteln, wie wichtig positive Botschaften für schwer kranke Menschen sind. Ich habe es in all den Jahren bei Franziska immer wieder erlebt, wie sehr es sowohl ihre seelische, aber auch ihre körperliche Befindlichkeit sofort verbessert hat, wenn zwischen all den richtigen und falschen Langzeitprognosen und Negativberichten plötzlich auch einmal ein Arzt auftauchte, der ihr einfach nur Mut machte."

Charlotte Link hat ihren ersten Nicht-Krimi geschrieben, ein Buch, das sich kein bisschen weniger spannend liest. In "Sechs Jahre" berichtet die Bestsellerautorin aus der turbulenten und schwierigen Zeit, in der sie und ihre Familie ihre an Krebs erkrankte Schwester Franziska begleitet und schließlich verabschiedet haben.

"Franziska erkrankte im Alter von 23 Jahren am Morbus Hodgkin, einer Form des Lymphdrüsenkrebses. Sie besiegte diese Krankheit durch eine sehr harte Chemo-/Strahlentherapie. Den Darmkrebs, an dem sie mit 41 Jahren erkrankte, hätte sie nie bekommen, wären nicht die Bestrahlungen achtzehn Jahre zuvor gewesen. Sie starb letztlich an den schweren Schäden, die die Strahlen in ihrer Lunge angerichtet hatten", erzählt Charlotte Link.

Ärzte ohne Empathie

Bei den Untersuchungen finden die Ärzte bei Franziska binnen einer Woche einen Darmtumor, der Metastasen bis in die Lunge gestreut hat. Charlotte Link googelt die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Schwester die nächsten fünf Jahre übersteht, eine Frist, die Krebspatienten auf vollständige Heilung hoffen lässt. Sie liegt bei 5 Prozent.

Die Onkologin, die Franziska ihre Diagnose überbringt, sagt ihr ungerührt

"noch ein Jahr … und die Monate bis dahin werden grauenhaft"

. Diese Frau markiert den absoluten Tiefpunkt an Begegnungen mit Ärzten, auch wenn es noch zu weiteren bitteren Momenten kommen wird. Solchen, die Link die Frage stellen lässt, warum sich diese Menschen für einen "heilenden Beruf" entschieden haben: kaltschnäuzige Ärzte, die nicht mehr den Menschen, sondern nur noch den Tumor sehen. Pfleger, die vergessen, dass ihr Patient sie hören kann, wie etwa der, der schreit: "Scheiße, ein Suizid ist das Letzte, worauf ich heute Abend noch Lust habe!"

Glücklicherweise gibt es auch andere Erfahrungen: engagierte Ärzte, die unermüdlich neue Ansätze der Behandlung suchen, liebevolle Krankenschwestern oder schlicht eine nette Putzfrau. Die sechs Jahre der Krankheit in allen Facetten zu durchleben, beinhalten nicht nur unzählige Klinikaufenthalte für Franziska und -besuche für ihre Familie. Sie erfordern auch immenses Engagement rundherum: von Internetrecherchen zu neuesten Therapien über Dauereinsätze der Großeltern bei den Enkelkindern bis hin zu dem

ewig schlechten Gewissen

, immer noch zu wenig zu tun. Unter der psychischen Belastung leidet nicht nur die Kranke, sondern auch die gesamte Familie, insbesondere die Autorin. Die innige Beziehung, die sie ihr Leben lang zu ihrer kleinen Schwester "Tschesie" hatte, wird nahezu zum Bumerang. Sie vermisst sie. Vermisst, was sie früher zusammen hatten. Vermisst die alte Unbeschwertheit. Alles dreht sich nur noch um die Krankheit und darum, möglichst lange zu überleben.

Charlotte Link     Sechs Jahre: Der Abschied von meiner Schwester     Blanvalet, 19,99 Euro

Charlotte Link
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Blanvalet, 19,99 Euro

Warum ich?

In den Phasen tiefster Depression fragt sich Franziska, wofür sie bestraft wird. Sie hat einen Sohn im Teenageralter und eine kleine Tochter, die sie brauchen. Sie will ihr Leben zurück, das sie meist draußen in der Natur, mit ihrer Familie und mit ihren vielen Tieren verbracht hat. Charlotte Link beschreibt sie als einen besonders guten Menschen: warmherzig, offen, selbstlos und mitfühlend. Sie hat sich etwa auch noch hingebungsvoll und unter Aufbietung aller Kräfte für die Rettung todgeweihter Tiere eingesetzt, als sie selbst schon schwerstkrank war.

Franziska wollte, dass ihre Schwester alles über diese Zeit aufschreibt. Sie ist am 7. Februar 2012 gestorben, ab jetzt kann man ihre Geschichte lesen. Erinnerungen, die berühren und Kraft geben, sie wirken unmittelbar auf den Leser. Nach der Lektüre erscheint vieles, über das man sich aufregen könnte, plötzlich unbedeutend. Wie dankbar kann man sein, wenn einem dieses Schicksal erspart bleibt! Und wie tröstend kann es für Betroffene sein, wenn sie Schicksalsgenossen finden, mit denen sie Erfahrungen teilen können. Wenn auch nur auf dem Papier.

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