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Bayern-Reihe – Corona-Tagebuch

Bei Herrmanns dahoam: Lockerung der Ausgangsbeschränkungen – ich könnte durchdrehen vor Glück!

Für den stern erzählt Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" derzeit so zugeht. Licht am Ende des Tunnels: Friseur, Blumen ... und eine größere Hose stehen auf der Einkaufsliste.

Eine Frau mit Schutzmaske und Sonnenbrille

Dankbar für kleinste Dinge: endlich Blumen kaufen! (Symbolbild)

Getty Images

Endlich! Morgen: Lockerung der Ausgangsbeschränkungen! Yippieh! Ich geh als Erstes zum Friseur, dann zum Blumengeschäft und anschließend kaufe ich mir eine neue Bluse. Und eine neue Hose – hab ein bißchen zugenommen die letzten drei Wochen. Mein Mann will sofort zum Baumarkt. Es ist wirklich sehr schön, wenn die Beschränkungen jetzt etwas gelockert werden.

Mir war zwischenzeitlich so langweilig, das ich überlegt habe, Yoga anzufangen! Ich hab noch nie so aufwendig gekocht. Ich hab schon abends Rezepte gegoogelt, was ich am nächsten Tag kochen könnte. So langweilig war mir! Aber wissen Sie was? Mein Mann kocht teileweise mit! Wir sind schon ewig ein Paar, aber das ist bis dato nicht passiert. Gibt halt immer positive und negative Seiten.

Claudia Herrmann mit Katze

Claudia Herrmann über sich: "Die Kinder sind aus dem Haus und ich bin vor der Menopause. Ich glaub, das ist die beste Zeit meines Lebens! Ich muss nur aufpassen, das ich jetzt nicht zur crazy cat lady mutiere."

Die Kinder werden so selbstständig!

Schön ist ja auch, dass jetzt so viel gesellschaftlicher Zusammenhalt gelebt wird! Wer hätte das gedacht? Mein 20-jähriger Sohn ist eigentlich nicht in der Lage, selbstständig Nudeln zu kochen. Ich bekam Whatsapp-Mitteilugen mit Inhalten wie: "Notfall! Wie geht Pizza???" (Und er meinte keine frische Pizza – sondern die aus dem Tiefkühlfach.)

Neuerdings beteiligt er sich an einem Projekt, das eine warme Mahlzeit für bedürftige Senioren kocht und ausliefert. Interessant … Letzte Woche hat er mich noch angerufen und gefragt, wer in seiner WG eigentlich den Strom bezahlt. Aber das mit dem Senioren-Projekt läuft offenbar recht unbürokratisch.

Oha, ein medizinischer Notfall!

Die ältere Schwester näht neuerdings Schutzmasken, obwohl sie daheim nicht mal 'nen Knopf annähen konnte. Gestern hat sie mich angerufen, weil sie ein großes medizinisches Problem hatte. Sie weiß nicht ein und aus und ist kurz davor, die 700 Kilometer von Köln nach Lenggries zu fahren, denn: Sie hat eine Zecke!

"Mom! Was soll ich denn jetzt machen? Da bewegen sich die Beine!!! Mom! Das ist so eklig. Was mach denn jetzt nur?" Sie ist kurz vorm Heulen.
"Du nimmst jetzt eine Pinzette, packst die scheiß Zecke nah an der Haut und ziehst sie einfach raus. Das Miststück!" Ich muss ihr den Rücken stärken, denk ich mir. "Du bist stärker als die Zecke! Kampfmodus!!"
"Ich glaub, ich werd ohnmächtig", antwortet sie schwach. Sie ist dann zum Krankenhaus gefahren, hat dort fünf Stunden gewartet, aber die Zecke war raus.

Selbst die Gesichtsmaske kann Vorteile haben!

Nicht so toll war, dass ich die letzten fünf Tage die stärkste Pollenallergie meines Lebens entwickelt habe, inklusive eines schlimmen Gesichtsausschlags. Positiv ist wiederum, dass man trotz Gesichtsausschlag einkaufen gehen kann und dank der Schutzmaske nicht blöd angeschaut wird. Insofern passt zumindest das Timing mit Corona.

Na ja, ich bin wirklich sehr positiv eingestellt. Die Neuerkrankungen gehen zurück. Alle Zahlen vom Robert Koch-Institut sind gut. Ich denke wirklich, das wird alles besser als befürchtet. We can do it!

Rosige Zukunftspläne

Mein Mann war auch gleich so positiv eingestellt, dass er fröhlich verkündet hat, er gehe jetzt jeden Tag joggen. Das war am Montag. Am Dienstag haben ihm alle Bein- und Rückenmuskeln wehgetan. Am Mittwoch das Schienbein. Donnerstag: "Ich glaub, einmal die Woche laufen reicht. Ich kann ja noch radeln!" Spricht‘s und schaltet seine aktuelle Netflix-Lieblingsserie ein. "Außerdem machen die Golfplätze wohl nächste Woche in Österreich auf! Dann kann ich mit meinen Kumpels endlich wieder Golf spielen!" Freudig strahlt er mich an. Ich denke daran, welche übergeordnete Rolle Fernsehen in unserem Leben gespielt hat und strahle freudig zurück

Ich kenne alle Kochsendungen. Mein Mann kennt alles wie: Die Baumhausprofis, die Tuningprofis, die Fertighausprofis, die Racingprofis und die Grillprofis. Anforderungen an eine Ehe! Aber wir haben's gerockt! Like a Pro! Außer, dass ich wahrscheinlich Netflix kündige ...

Schluss mit dem Lotterleben!

Ich freu mich schon auf den Friseur morgen. Hoffentlich bekomme ich einen Termin! Das ist auch wirklich notwendig. Ich bin schon ganz verlottert. Wir hatten in den letzten drei Wochen einen internen Jogginghosen-Contest. Der lief wie folgt: Derjenige, der als Erster eine Jogginghose anhatte, hat verloren. Wir haben das nie wirklich ausgesprochen, aber es ist so.
"Ich glaub ich zieh ein bequemes Hoserl an",  sagt Partner 1.
Partner 2 (innerlich): "Yeah! Strike! Ich hab´s länger ausgehalten!", um direkt anschließend raufzugehen, um auch in die Jogginghose zu schlüpfen.

Ich bin mittlerweile auch echt gechillt, habe ich festgestellt. Vorhin erreichten mich folgende Nachrichten:
Sohnemann: "Ich hab Bauchweh!" (trauriger Smiley)
Fräulein Tochter: "Ich hab mein Auto angefahren!!!!!" Ich denke an meinen Friseurtermin, die neuen Blumen, die neue Bluse und die passende Hose. Ich lass mich doch jetzt nicht verrückt machen und mach ein bisschen Spaß. Damit sie merken, dass nicht alles so ernst ist.
"Hey Leute! Ich hab ganz andere Probleme. Euer Vater hat Netflix zu Ende angeschaut! Ernsthaft. Ganz zu Ende! So sieht's aus!!!!"
Eine Minute später: "Mom, Netflix kann man nicht zu Ende anschauen", schreibt das Mädel.
"Sie hat Recht, Mom!", kommt tadelnd vom Bub.

Meine Kinder haben einfach keinen Humor.

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