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Bayern-Reihe – Corona-Tagebuch

Bei Herrmanns dahoam: Schon an Tag 1 der Ausgangssperre dämmerte mir: "Das Beste draus machen" – wird schwierig

Für den stern erzählt Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" so zugeht. Schon zu Beginn der Ausgangssperre wegen der Corona-Pandemie stellt sie sich die Frage: Wie lange noch??

Ein Einkaufswagen voller frischem Gemüse

Lecker essen trotz Corona-Pandemie: Wer will schon jeden Tag Nudeln essen? Oder Mehl?

Getty Images

Am ersten Tag der Ausgangssperre machen wir High five und beteuern uns gegenseitig, dass wir das Beste draus machen wollen. Wir dürfen nämlich auch nicht zur Arbeit. Sehen wir es doch mal als Urlaub! Endlich mal Zeit für alles, was sonst liegenbleibt. Ich denke an die Wäscheberge im Keller, daran, wann ich das letzte Mal gewischt habe, an das Schuhregal und meinen Kleiderschrank. Außerdem müssten die Katzen mal konsequent gekämmt werden.

Claudia Herrmann mit Katze

Claudia Herrmann über sich: "Die Kinder sind aus dem Haus und ich bin vor der Menopause. Ich glaub, das ist die beste Zeit meines Lebens! Ich muss nur aufpassen, das ich jetzt nicht zur crazy cat lady mutiere."

Mein Mann denkt an Sachen wie: Auto aussaugen, Auto waschen und Auto polieren. Nachdem ich ihm in einer längeren Diskussion klargemacht habe, dass seine Ziele nicht für zwei Wochen reichen, hatte er eine Idee: dein Auto aussaugen, dein Auto waschen und dein Auto polieren! Mein Mann hat mich freudestrahlend angesehen, ich hab resigniert genickt und noch mal High five mit ihm gemacht. Wir wollen ja die Stimmung hochhalten.

"Kann ich eigentlich noch schnell zum Baumarkt?!"
"Der hat seit gestern zu! Hat doch der Söder angeordnet!"
Mein Mann lässt die Öhrchen hängen. Da dachte ich zum ersten Mal, dass die Ausgangssperre vielleicht lang werden könnte ...

Das ist nun wirklich kein Hamstern!

Da ich bei so was einen leichten Kontrollzwang habe, habe ich schon vor vier Wochen einen Plan mit Lebensmitteln aufgestellt (die auch verbraucht werden!) und eingekauft. Die Tiefkühltruhe ist voll. Gemüse im Glas ist im Regal und haltbare Sachen wie Kartoffeln und Zwiebeln sind im Haus. Sogar Katzenfutter für zwei Wochen!  

Das mit den Lebensmitteln ist gar nicht so einfach! Jedenfalls wenn man das Zeug auch essen will. Ich hab ja keinen Bock, zehn Tage Ravioli zu essen. Oder Bohneneintopf. Oder Nudeln. Oder Mehl.

Deswegen haben wir jetzt Sachen wie Steak, Thunfisch, Hühnchen, Erbsen, Blumenkohl und Brokkoli in der Tiefkühltruhe. Natürlich weiß ich, dass ich morgen noch einkaufen gehen könnte. Aber: Will ich das?

Das war vorausschauend!

Will ich nicht so viele soziale Kontakte wie möglich meiden? Beim Einkaufen hat man viel Kontakt mit Menschen! Ich will das nicht. Deswegen sind wir prepared. Hoffe ich mal und rechne noch mal alles durch. Ich muss sieben Tage nicht einkaufen gehen, was ich als Vorteil sehe.

Gibt halt bald keinen Rotwein mehr und meinem Mann muss ich vielleicht auch noch erklären, dass Gummibärchen und Nüsse morgen aus sind.

Aber wir sind ja bei Tag 1

Der lief folgendermaßen: Nachdem wir uns am Tag vorher ein ordentliches Sportprogramm vorgenommen hatten, machten wir: gar nix. Ist doch endlich mal Urlaub! Ich konnte mich gerade noch aufraffen, das Bad zu putzen. Mein Mann hat im Keller irgendwas erledigt. (Ich weiß wirklich nicht was). Um elf habe ich angefangen zu kochen und ab halb zwölf hat mein Mann alle zehn Minuten nachgefragt, wann es Essen gibt.

Um 11.55 Uhr gab's Mittagessen. Da dies Ausnahmezeiten sind, haben wir uns zum Mittagessen schon einen Rotwein gegönnt (Prost!) und eine Stunde später ein zweites Gläschen (Prost!!). Um 15 Uhr haben wir beide geschlafen. Was soll's! Besondere Umstände.

Diese ständigen Gelüste!

Eine gute Stunde später wurden wir vom Sohnemann geweckt, der telefonisch nachfragte, wie eigentlich Kaiserschmarrn geht. Sie hätten gerade in der WG Bock drauf. Nachdem ich im Halbschlaf das Rezept aus dem Gedächtnis durchgegeben hatte, stellte ich ein leichtes Hungergefühl fest.

Da mein Mann noch so hübsch schläft, esse ich heimlich einen ganzen Hühnerschenkel von gestern im Stehen am Kühlschrank. Eine Viertelstunde später esse ich vom zweiten Schenkel auch noch die Hälfte, um ab 17.30 Uhr mit schlechtem Gewissen auf der Couch zu sitzen.

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Wir entdecken Netflix

Mein Mann ist inzwischen wieder wach und: Yeah!, wir haben Netflix und lernen jetzt erst die ganzen Möglichkeiten kennen. Aha, so funktioniert die Suchfunktion! Wir überlegen, was wir anschauen sollen und Töchterlein mahnt per Whatsapp: "Schau mit 'm Papa nicht 'Breaking Bad' oder so was! Der hört nie mehr wieder auf!" Deswegen schlage ich Filme vor. Mein Mann nickt und stellt entzückt fest, dass ihm zwölf verschiedene Denzel-Washington-Filme zur Verfügung stehen. "Läuft!", strahlt er mich an.

Ich nicke zurück und rechne innerlich aus, wie viele Stunden eigentlich 14 Tage haben. Um 22.30 Uhr wache ich auf und sehe meinen Mann mit einer Nuss-Gummibärchen-Mischung vor mir und höre ihn fragen: "Kennst du eigentlich 'Breaking Bad'?"

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