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Initiative "Silbernetz": Hotline für einsame Senioren: Die gute Freundin für alle, die keine gute Freundin haben

Das Angebot der Telefon-Hotline Silbernetz wendet sich an ältere Menschen, die "einfach mal reden" wollen. Das sind durch das Coronavirus besonders viele, denn auch sonst aktive Senioren stürzen zurzeit in die Einsamkeit.

Elke Schilling von Silbernetz mit Kopfhörern am Computer

Elke Schilling ist die Gründerin des Seniorentelefons Silbernetz. Seit kurzem ist das Angebot auch bundesweit verfügbar.

Schon immer waren es gerade die älteren Menschen, die besonders von Einsamkeit betroffen sind. Doch das Coronavirus führt dazu, dass sich dieses Problem noch einmal verschärft. Nun betrifft es nicht nur die Senioren, denen schon länger die sozialen Kontakte fehlen. Auch Menschen, die eigentlich von Familie und Freunden umgeben sind, müssen sich zurückziehen. Hinzu kommt die Sorge um die Gesundheit: Besonders ältere Menschen können schwer an Covid-19 erkranken und sogar sterben.

Und so kommt es, dass das Projekt Silbernetz in diesen Wochen eine ganz neue Bedeutung bekommt. Bei der Telefon-Hotline können sich Menschen über 60 melden, die "einfach mal reden" wollen – so das Motto der Initiative.

Unter der Nummer 0800 4 70 80 90 finden sich zwischen 8 und 22 Uhr Gesprächspartner. Die meisten rufen an, weil sie "allein sind und keinen zum Reden haben", sagte Silbernetz-Gründerin Elke Schilling dem stern.

Einsame Senioren in der Corona-Krise: Der Redebedarf ist groß

"Sie möchten ein Gegenüber, um kleine Entscheidungen zu treffen oder kleine Probleme auszusprechen", erklärt Schilling. "Sozusagen das Gespräch mit einer guten Freundin, das sie normalerweise nicht bekommen, weil sie eben keine gute Freundin haben."

Gerade in einer Zeit allgemeiner Verunsicherung ist der Redebedarf groß. Deshalb haben Schilling und ihr Team das Angebot auch jetzt schon bundesweit freigeschaltet. Eigentlich war dieser Schritt erst für Herbst geplant – bisher ließ sich die Nummer nur aus Berlin erreichen.

Seit September 2018 gibt es das Angebot, davor arbeitete Schilling Jahre an der Umsetzung. Lange war sie in der Telefonseelsorge aktiv, dort habe ihr eines Tages ein 85 Jahre alter Mann von seiner Einsamkeit erzählt. "Können Sie mir sagen, warum ich eigentlich noch leben soll?", habe er gefragt, erzählt Schilling. "Das war ein Schock für mich." Wenig später wurde ihr Nachbar nach drei Monaten tot aufgefunden, offenbar hatte ihn niemand vermisst. Diese Erlebnisse brachten Elke Schilling dazu, das Seniorentelefon aufzubauen.

16 Angestellte hat ihr Team mittlerweile, "Menschen, die auf dem regulären Arbeitsmarkt kaum noch eine Chance haben". In dieser Ausnahmesituation sollen noch ehrenamtliche Helfer hinzukommen. In einem kleinen Callcenter können bis zu vier Mitarbeiter gleichzeitig in einer Schicht vier Stunden lang Dienst tun. Im Moment steht das Telefon nicht still: "Unsere Mitarbeiter legen auf und es klingelt direkt wieder. Vier Stunden Gespräche – das ist ganz schön heftig." So bald wie möglich sollen zusätzliche Kräfte aus dem Homeoffice mitwirken können.

Silbernetz braucht Spenden

Zuhören ist eine wichtige Aufgabe beim Silbernetz, doch das Projekt will auch Perspektiven aufzeigen. "Wir geben Tipps. Wenn ein alter Mensch nicht weiß, wie er seine Pflegesituation verändern kann, suchen wir ihm den Pflegestützpunkt für seinen Bezirk raus", nennt Schilling ein Beispiel. Über den einmaligen Telefonkontakt hinaus vermittelt das Projekt auch sogenannte "Silbernetz-Freund_innen", die sich einmal pro Woche telefonisch bei einer älteren Person melden, oder gibt Hinweise zu Veranstaltungen in der Nachbarschaft.

Für die Anrufer ist die Hotline kostenlos, die Initiative hingegen muss die Betriebskosten stemmen. Dafür werden Spenden gebraucht. "Gerade steigen die Gebühren rasant an. Je mehr Gespräche wir haben, desto mehr müssen wir bezahlen", berichtet Schilling.

Perspektivisch soll es das Angebot rund um die Uhr geben. Eine 24-Stunden-Hotline hat das Silbernetz-Team nämlich schon an den Weihnachtsfeiertagen ausprobiert und dabei festgestellt, dass offenbar in den Nachtstunden die Einsamkeit besonders groß ist: "Ein Fünftel der Anrufe kamen zwischen 22 und 6 Uhr."

Corona-Einkaufshilfe: So unterstützen Studenten Senioren in Krisenzeiten

Wenn Sie weitere Beispiele von Solidarität in Zeiten der Coronavirus-Krise kennen, senden Sie uns gerne eine E-Mail mit einer kurzen Beschreibung des Projekts samt Ort und Ansprechpartner an coronahilfe@stern.de.

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