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NRW-Schulministerin Löhrmann "Unsere jungen Leute sind nicht unselbstständiger als früher"


Sylvia Löhrmann freut sich über die durch einen Tweet ausgelöste Bildungsdebatte. Die NRW-Schulministerin will kein neues Fach - der Unterricht müsse aber nah an der Wirklichkeit der Schüler sein.
Von Catrin Boldebuck

Eine Kölner Gymnasiastin beschwert sich im Internet: "Ich habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherung. Aber ich kann 'ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen." Diesen Spruch twitterte Naina ohne groß darüber nachzudenken, inzwischen ist die 17-Jährige deutschlandweit bekannt. Wir sprachen mit Sylvia Löhrmann, grüne Schulministerin von Nordrhein-Westfalen, über Nainas Kritik und die Reaktionen im Netz.

Wieso löst der Tweet einer 17-Jährigen eine Bildungsdebatte aus, Frau Löhrmann?

Naina spricht ein wichtiges Thema an, nämlich die Frage, was Kinder und Jugendliche in der Schule lernen müssen. Das verdient Respekt und eine sachliche Diskussion.

Hat Sie die Diskussion überrascht?

Die Debatte gibt es immer mal wieder, und Äußerungen von Jugendlichen und anderen Beteiligten, die sich über Schule und den Lernstoff beschweren, sind so alt wie die Institution Schule selbst. Aber dass sich dieser Stoßseufzer so verbreitet, zeigt, dass sie einen Nerv getroffen hat, was durch die sozialen Medien verstärkt wurde. Die Schülerin war ja selbst offenbar erschrocken, was mit ihr passiert ist, einige der Kommentare gingen leider unter die Gürtellinie. Das bedaure ich, denn jeder Mensch hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern, solange er andere nicht verletzt.

Einige Kommentare lesen sich wie eine Bankrotterklärung des deutschen Schulsystems.

Die differenzierten Reaktionen zeigen, dass niemand unser Bildungssystem infrage stellt; die Schulen selbst im Übrigen auch nicht. Für mich zeigt die Debatte: Es ist gut, immer wieder zu diskutieren, was ist der Bildungsauftrag von Schule? Und was ist der Bildungsauftrag von Eltern? Und was trägt die gesamte Gesellschaft dazu bei?

"Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir", kritisierte einst bereits Seneca.

Schule hat die Aufgabe, ganz grundsätzlich auf die Herausforderungen des Lebens vorzubereiten und Basiskompetenzen zu vermitteln - Textverständnis zum Beispiel. Eine Konsequenz von PISA war, dass Kinder und Jugendliche vor allem Basiswissen und Kernkompetenzen lernen sollen, also auch die Fähigkeit, sich Dinge selbst zu erschließen. Es geht darum, das Lernen zu lernen. Guter Unterricht knüpft an die Lebenswirklichkeit der Schüler an. Aber bitte nicht nur reiner Nützlichkeit folgend. Es ist auch wichtig, dass Schule vermittelt, was Jugendliche sonst wohl eher nicht lernen, zum Beispiel Gedichte zu interpretieren. Gymnasiale Bildungsgänge sollen schließlich auch zu einem Studium an der Hochschule befähigen.

Was muss sich in der Schule ändern, damit sie besser auf das Leben vorbereitet?

In Nordrhein-Westfalen wollen wir die Verbraucherbildung an den Schulen und die Alltagskompetenzen junger Leute stärken, zum Beispiel den Umgang mit Geld oder auch das Thema Ernährung. Das ist aber nicht nur ein Thema für die Schule, auch die Eltern sind gefragt.

Aber wäre es dazu nicht sinnvoll, weniger Gedichte und stattdessen mehr Texte aus dem Alltag zu diskutieren?

In der KMK (Kultusministerkonferenz, Anm. d. Red.) haben die Bundesländer Empfehlungen zur Verbraucherbildung beschlossen. Wie sie diese umsetzen, bleibt ihnen überlassen: Die einen führen dazu ein neues Fach ein, Baden-Württemberg beispielsweise ab 2016 "Wirtschaft und Beruf", andere integrieren die Anforderungen in bestehende Fächer. Entscheidend ist, dass die Kompetenzen vermittelt werden. Wir müssen uns lösen von dem Denken: Hauptsache, es gibt ein Fach! Aktuelles Beispiel ist die Medienkompetenz bis hin zum Programmieren. Aber braucht man dazu ein eigenes Fach? Nicht unbedingt. Wir können den Stundenplan nicht immer weiter ausdehnen, die Kinder brauchen schließlich auch noch freie Zeit für Sport, Spiel, Theater und andere Hobbys.

Sind Jugendliche heute so pragmatisch, dass sie keinen Wert in humanistischer Bildung sehen?

Nein, so habe ich die Schülerin auch nicht verstanden. Sie hat selbst gesagt, dass sie nicht ihre Schule dafür kritisieren wolle. Laut Umfragen gehen über 80 Prozent gern zur Schule. Das zeigt die grundsätzlich hohe Akzeptanz. In Nordrhein-Westfalen und den anderen Ländern gibt es für die verschiedenen Bildungsgänge Pflichtfächer, aber auch vielfältige Wahlmöglichkeiten bis zum Abitur. Niemand muss vier Sprachen lernen, wenn er oder sie das nicht möchte.

Übertreiben es die Mütter und Väter vielleicht manchmal mit ihrer Fürsorge und nehmen ihren Kindern zu viel ab?

Sie spielen auf die Debatte um Helikoptereltern an und den neuen Kinofilm "Frau Müller muss weg", der das karikiert. Eltern und Lehrer sollten sich den Film am besten gemeinsam ansehen und diskutieren: Wo haben wir Entwicklungsbedarf? Denn ein gutes Klima ist das A und O einer Schule. Ich nehme aber keine extreme Veränderung bei den Eltern wahr. Es ist nur natürlich, dass sie das Beste für ihre Kinder wollen, einschließlich des Bildungserfolgs. Ich sehe auch überhaupt nicht, dass unsere jungen Leute heute unselbstständiger sind als früher. Hut ab, was manche auch noch in den Ferien lernen oder wie sehr sie sich für die Gesellschaft engagieren.

Wenn Sie an Ihre eigene Schulzeit zurückdenken, können Sie Nainas Frust nachvollziehen?

Ich bin immer gern zur Schule gegangen, mit allen Höhen und Tiefen. Ich habe manche Entscheidung selbst getroffen, so wollte ich nach einem Umzug unbedingt auf meiner Schule bleiben, obwohl ich danach einen sehr langen Schulweg hatte. Ich hätte gern noch in der Theater AG mitgemacht, das ließ der Fahrplan damals leider nicht zu.


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