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Demo gegen "LSBTTIQ": Schwaben gehen auf die Palme, wenn's an die Sprache geht

Stuttgarts Landesregierung will Toleranz gegenüber sexuellen Minderheiten erzwingen. Christliche Wutbürger sind empört.

Von Ingrid Eißele

"Demo für alle" gegen den Bildungsplan der Landesregierung und ein Konzept für die Gleichstellung von Homosexuellen mit Heterosexuellen

"Demo für alle" gegen den Bildungsplan der Landesregierung und ein Konzept für die Gleichstellung von Homosexuellen mit Heterosexuellen

Drüben haben sich die linken Kinderverderber zusammengerottet. Sie tragen bunte Fahnen, schwarze Kleidung und Piercings. Auf ihren Plakaten steht: "Bunt statt blöd", "Homophobie ist heilbar", "Rechtspopulisten abtreiben".

Auf der anderen Seite des Eckensees, vor der Stuttgarter Staatsoper, protestieren die "echten Familien", wie sie sich nennen. Unter ihnen eine Nonne, ein Mann im Priesterrock, viele graue Häupter. Auf ihren Plakaten steht: "Selige Schwester Ulrika, bitte für uns." Und: "Keine sexuellen Experimente mit Dildos, Pornos, Sadomaso und Puff für alle im Schulunterricht".

Mehr Sprachsensibilität

Dazwischen der See, drei Schwäne, eine Ente. Und mehrere Hundertschaften Polizei mit Stöcken und Helmen. Es herrscht wieder Ausnahmezustand im Schlossgarten, nur geht es nicht um Stuttgart 21, sondern um Deutschland 21, so sehen es zumindest die "echten Familien", die zur Demo aufriefen.

Tatsächlich hat die grün-rote Landesregierung mit ihrem Entwurf eines "Aktionsplans für Akzeptanz und gleiche Rechte" ein Lehrstück für Regulierungswut geliefert. Das Papier listet auf acht Seiten Dutzende Vorschläge auf, wie Toleranz und Gleichbehandlung von Nicht-Heterosexuellen durchgesetzt werden könne. "Regenbogenfamilien", also gleichgeschlechtliche Paare, sollen bei gemeinsamen Adoptionen unterstützt werden. Mehr Sprachsensibilität überall, in Anträgen für Elterngeld soll bei der Geschlechtsangabe eine "dritte Option" eingeführt werden, "um die vielfältigen Lebensformen abzubilden". In Schulen, in der Justiz, bei Polizei oder Vereinen, überall sollen Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle, Intersexuelle und Queers - kurz "LSBTTIQ" - gestärkt werden. Auch auf dem Land - durch "Seelsorge für TTI-Menschen aus der Bauernschaft".

Die Angst der Rechten

Ein gefundenes Fressen für den AfD-Landesvorsitzenden Bernd Kölmel, der den christlichen Wutbürgern ein Grußwort zur Demo schickte: Die AfD stehe "als Partei des gesunden Menschenverstandes fest an Ihrer Seite". Denn "es bahnt sich ein Rundumschlag gegen die Familie an". Tatsächlich will #link;http://www.katrin-altpeter.de/;Sozialministerin Katrin Altpeter# von der SPD bundesweit für einen sensibleren Umgang mit Nicht-Heterosexuellen sorgen. Schließlich sei jeder Zweite in den vergangenen fünf Jahren Opfer von Diskriminierung geworden.

Man sei ja für Toleranz und Nächstenliebe, sagt Josef Dichgans, Vorsitzender der "Christdemokraten für das Leben". Aber doch um Himmels willen nicht für Gleichberechtigung oder die staatliche "Umerziehung" der "Normalen". Genau dies sei geplant, man wolle Menschen "ohne Vater und Mutter schaffen, ein Wesen, das weder Mann noch Frau ist", sagt eine Rednerin. Eine Krankenschwester, mit Mann und Sohn aus Hessen angereist, entrüstet sich über Sexualkunde im Kindergarten, bei der Vierjährigen Plüsch-Vaginas gezeigt würden. Allerdings in der Schweiz.

"Wir kommen wieder!", drohen die Gegner über den See. "Haut ab!", schreit es zurück. Ein Demonstrant mit Pickelhaube stürzt sich ins Wasser. Schwäne und Ente flüchten. "Hirn einschalten" steht auf seinem Plakat.

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