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Meisterschaft in Dortmund: Die mit dem Hund tanzen: Zu Besuch bei einem Dogdancing-Webewerb

Wer im Dogdancing lediglich einen skurrilen Trend sieht, unterschätzt die Sache. Denn der offizielle Hundesport hat einen erstaunlichen Nebeneffekt: Selbst tierische Rabauken sind plötzlich ganz entspannt und geschmeidig.

Von Katrin Denecke

Dogdancing: Besuch bei der Deutsche Meisterschaft in Dortmund

Dogdancing ist für jeden etwas. Es kann vollkommen unabhängig von Alter, Hunderasse und Größe ausgeübt werden. 

Ganz still ist es. Die Anspannung im hinteren Bereich der Halle 3 des Dortmunder Messegeländes fast mit Händen zu greifen. Dabei sind schon rund dreißig Hunde samt ihren Menschen da, Teilnehmer an der Deutschen Meisterschaft im Dogdancing. Die Teams, die aus Deutschland, aber auch aus Nachbarländern wie Belgien und der Schweiz angereist sind, wirken hoch konzentriert. Einige drehen noch eine letzte Runde zusammen, andere sitzen einfach dicht beieinander und warten. Jeder bleibt in diesen Minuten kurz vor dem Auftritt für sich. Vor allem die Hunde sollen jetzt nicht abgelenkt werden oder noch "aufdrehen". Sie scheinen es genau zu wissen: Ob quirliger Border Collie, lebhafter Australian Shepherd oder wachsamer Schäferhund, in diesen Minuten ist jedes Tier zu hundert Prozent auf sein Frauchen oder Herrchen fixiert.

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Frauchen Charlotte und ihr Caspar, ein chinesischer Schopfhund. 

Man kann Dogdancing schnell für seltsam halten. Für einen weiteren Spleen, eher die Ausnahme als ein ernst zu nehmender Trend. Dabei wird die ursprünglich aus Großbritannien und den USA stammende Sportart mittlerweile seit etwa zehn Jahren auch bei uns in Deutschland professionell ausgetragen. Dogdance ist für jeden etwas. Es kann vollkommen unabhängig von Alter, Hunderasse und Größe ausgeübt werden. Vor allem Frauen begeistern sich dafür, Tanzschritte mit ihrem Vierbeiner einzuüben, über neunzig Prozent der zweibeinigen Teilnehmer sind weiblich. Weiterer Vorteil: Dogdancing lastet die Tiere körperlich und geistig aus und kann individuell angepasst werden. Konkret heißt das: Zu einem selbst ausgewählten Song studiert der Halter mit seinem Hund eine Choreografie ein, die vor allem aus Tempo- und Richtungswechseln sowie verschiedenen Tricks wie etwa auf den Hinterbeinen laufen, Männchen machen und "bücken" besteht. Die Anreihung und Umsetzung der Tricks muss stets fließend sein, der Hund wird dabei durch kleinste Körpersignale und verbale Kommandos gelenkt. All das erfordert viel: intensives gemeinsames Training, Kreativität, grundlegenden Hundegehorsam.

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Grundsätzlich wird Dogdancing in zwei Disziplinen ausgetragen: Freestyle und Heelwork to music, das ist Fußarbeit zur Musik. Während beim Freestyle die tänzerische Ausdruckskraft im Vordergrund steht und Elemente aus dem Hundesport, etwa Sprünge oder Apportieren, integriert werden können, besteht Heelwork to music zu 75 Prozent aus Fußarbeit. Die Fußposition ist die Basis des Ganzen, auf der alles Weitere aufbaut. Wichtigste Bedingung: Die Distanz zwischen Hund und Mensch darf maximal 50 Zentimeter betragen. So viel zur Theorie.

Teamwork, Konzept, Choreografie und Ausführung

In Dortmund wird es ernst für das erste Team. Musik an für die Schweizerin Monika Gehrig und ihre zehnjährige Retrievermix-Hündin Chiara, das einzige Team aus der Kategorie "Senioren & Handicap", in der Hunde ab acht Jahren sowie Hunde mit körperlichen Einschränkungen angemeldet werden können. Wie eine Einheit beginnen die beiden, sich rhythmisch zur Musik zu bewegen, während die schwarze Hündin konzentriert jedem Schritt ihres Frauchens folgt. Dabei wird auch mal der Rückwärtsgang eingelegt, Männchen gemacht und sich gemeinsam gedreht, Frauchens Füße werden in Slalombewegungen umkreist. Es wirkt, als hätten die beiden nie etwas anderes gemacht. Dabei war Chiaras Start ins Leben alles andere als ein Walzer. Als Welpe eines ungeplanten Wurfs soll sie eigentlich, wie auch der Rest ihrer Geschwister, getötet werden. In letzter Sekunde wurde Chiara gerettet. Doch ihre neue Besitzerin war mit der lebhaften Hündin überfordert. Die Diagnose "nicht erziehbar" bedrohte Chiara erneut mit dem Tod: Sie sollte eingeschläfert werden. Über den Tierschutz erfuhr Monika Gehrig, die zu der Zeit bereits drei Hunde hatte, davon. Sie zögerte nicht lang, nahm Chiara in ihr Rudel auf. Dort entwickelte sich der ehemalige Angsthund zu einer echten Herzenshündin, die sich vor allem lern- und wissbegierig zeigte. Kein Wunder, dass das schwarze Fellbündel die perfekte Kandidatin für das Einstudieren der Choreografien ist – sie bewegt sich mit leichten Pfoten zur Musik.

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Es ist nicht nur der Spaß, der beim Dogdancing inklusive ist. Die Arbeit im Team stärkt auch die Bindung, wie viele Teilnehmer der Deutschen Meisterschaft versichern. "Jamie war früher ein echt problematischer Hund, mit dem ich viele Schwierigkeiten hatte", erzählt Julia Friedel, 27, über ihren siebenjährigen Australian-Shepherd-Rüden. "Dann begann ich mit Dogdancing, in den ersten Jahren lediglich als Aufgabe im Alltag, erst später begannen wir, an Turnieren teilzunehmen. Durch das regelmäßige gemeinsame Training hat sich Jamies Verhalten komplett verändert. Mittlerweile ist er richtig ausgeglichen." Dass auch nur einer der tierischen Tänzer irgendwann einmal schwierig gewesen sein soll, erscheint beim Zuschauen undenkbar, so vertraut und vereint wirken alle Teams, die von einer Jury nach Kriterien wie Teamwork, Konzept, Choreografie und Ausführung beurteilt werden.

Die Vielfalt der Hunderassen fällt noch einmal besonders auf, als die kleinste tierische Kandidatin die Showbühne betritt: Die vierjährige Papillon-Dame Bjelle tanzt schon fast ihr ganzes Leben lang mit Frauchen Britta Kalff. "Sie war schon im Welpenalter versessen darauf, neue Tricks zu lernen", erinnert sich die 44-Jährige. "Ich bin seit neun Jahren beim Dogdancing dabei. Vor Bjelle hatte ich einen Malinois, mit dem ich allerdings nicht professionell aufgetreten bin. Mittlerweile arbeite ich selbst als Trainerin."

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Es scheint, als lerne man beim Dogdancing viel über den Hund und seine Eigenschaften. "Dem Terrier wird vor allem Sturheit nachgesagt", erzählt Carmen Schmid, 56, die seit vierzehn Jahren Dogdancerin ist. "Seit ich mit meinem Cairn Terrier Yedi trainiere, kann ich diese Eigenschaft jedoch komplett widerlegen. Ich habe ihn als zielstrebigen, kooperativen Hund kennengelernt. Außerdem jagt er nicht mehr, seit wir gemeinsam trainieren." Carmen Schmid ist seit 1987 Hundetrainerin. Dogdancing hat ihren Blickwinkel auf Hunde und den Umgang mit ihnen verändert: "Ich habe seitdem die ganze Erziehung umgestellt."

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Die Jury beginnt, sich zu beraten, während die Tänzerinnen und Tänzer ihren Auftritt Revue passieren lassen und jeden kleinen Patzer analysieren. Für sie steht heute einiges auf dem Spiel: Die Deutsche Meisterschaft ist zugleich die Qualifikation für die Weltmeisterschaft im Dogdancing, die dieses Jahr vom 21. bis 24. November in Stuttgart stattfinden wird. Dann ist es endlich soweit: Die Top 5, die sich für die Weltmeisterschaft qualifiziert haben, stehen fest: Antreten werden in der Kategorie Heelwork to music die amtierende Weltmeisterin Sandra Roth mit ihrer Golden-Retriever­Dame Boogie, Uta Opel mit Miniature American Shepherd Dexter, Claudia Lamers und Border-Collie-Rüde Blues, Johanna Schmidt samt Pulirüden Benji sowie Britta Kalff mit ihrer Papillon-Hündin Bjelle als Reserveteam. Tanzen entspannt, verleiht Selbstbewusstsein, gibt Kraft, weiß man aus Studien mit Paartänzerinnnen und Paartänzern. Wie es aussieht, gilt das auch für Hunde. Also dann: Let the music play!

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