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Notfall-Unterstützung: Erste Hilfe für den Hund – so geht's richtig

Stock im Auge, Magen verdreht, verletzte Pfote: Gut, wenn man in solchen Momenten nicht die Nerven verliert. Wie das geht, lehrt Christian Holm Hundehaltern in Erste-Hilfe-Kursen.

Von Ulrike Blieffert

Erste Hilfe für den Hund: So leistet man Hilfe für einen Vierbeiner

"Wer helfen will, braucht selbstverständlich einen Erste-Hilfe-Koffer."

Christian Holm ist kein Mann, der lange drum herum redet. Nachdem der Ausbilder beim Arbeiter-Samariter-Bund Mullbinden und Kompressen gleich körbeweise in den Konferenzraum des ASB in Hamburg-Bergedorf geschleppt hat, geht es ans Eingemachte: "Gefahrenzone Wald". "Ich habe es mit meinem eigenen Hund erleben müssen. Er kam auf mich zugelaufen und in seinem  Auge steckte ein Stock. Da war natürlich nichts mehr mit Erster Hilfe." Da war nur noch Tierarzt, aber sofort. Wer bisher geglaubt hat, so ein Spaziergang in der Natur wäre eine ganz wunderbare Sache, hat noch keinen Erste-Hilfe-Kurs am Hund mitgemacht.

Jetzt am Kiosk: die neue DOGS.

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Sechs Teilnehmerinnen und Teilnehmer winden sich auf ihren Stühlen, obwohl die Sache glimpflich ausging. Das Tier verlor ein Auge, nicht sein Leben. Eine ähnliche Situation möchte sich niemand vorstellen: Der Hund schwer verletzt und weit und breit kein Retter da außer einem selbst. Eine in der Runde ist Bettina, sie adoptierte kürzlich einen Welpen und will für jeden Ernstfall gewappnet sein. "Ich habe eine Haftpflichtversicherung für Kalli abgeschlossen, gehe einmal pro Woche mit ihm ins Welpentraining." Jetzt ist sie hier, hört zu, wie Holm von einem anderen Hund berichtet, der an seinem Ball erstickte. Bettina bleibt ruhig und sagt: "Besser man weiß, was Sache ist, als völlig hilflos zu sein, falls doch mal etwas passiert." Im Hamburger Stadtteil St. Pauli, wo Bettina mit ihrem vier Monate alten Mischling lebt, treten Hunde schnell mal auf eine Glasscherbe.

Speed-Dating statt Erste-Hilfe-Kurs

Niemanden lassen die dramatischen Anekdoten, die Christian Holm erzählt, kalt – bis auf Jule. Die schwarze Labradorhündin ist das lebende Übungsmodell und ab sofort der viel getätschelte Star im Stuhlkreis. Frauchen Anna engagiert sich ehrenamtlich bei der Hundestaffel des ASB: "Ich finde, das ist eine nützliche Aufgabe für einen Hund. Wenn zum Beispiel jemand aus einem Altenheim vermisst wird, treffen wir uns, und die Tiere nehmen die Fährte auf. Für Jule ist so ein Einsatz nichts weiter als ein aufregendes Spiel." Falls ihr dabei etwas passieren sollte, möchte Anna dem Tier aber gleich helfen können.

"Wer weiß denn, wo man beim Hund den Puls misst?", fragt Christian Holm ganz harmlos, während er sich Jule nähert. Der 36-Jährige arbeitet sonst als Ingenieur, ist Familienvater, Hundebesitzer und ASB-Ausbilder. Puls nehmen beim Hund? Wenn Holm schon so fragt, wird "An der Pfote" wohl nicht die richtige Antwort sein. "An der Innenseite des Oberschenkels", meint die Kursteilnehmerin Carolin. "Genau. Am Hals ist nämlich zu viel Fell, um etwas zu spüren", erklärt Holm. Dann muss Jule sich hinlegen und der Trainer nimmt ihren Puls an der richtigen Stelle. 70 bis 80 Schläge pro Minute sind bei ihrer Größe normal. Bei Welpen sind es 90 bis 210.

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Die vierjährige Jule ist ein freundliches Tier. Sie wirkt etwas verwundert, macht aber anstandslos alles mit. "Angenommen, ich muss einen Hund verarzten oder eben seinen Puls nehmen, er aber will das überhaupt nicht. Was mache ich dann?", fragt Carolin, daran zweifelnd, dass diese Aktion bei jedem Hund so einfach wird. Zum Beispiel weil es ein fremdes Tier ist? Oder weil die Berührung Schmerzen verursachen würde? "Gute Frage", sagt Christian Holm. "Unter Schock wird selbst der eigene Hund nicht so friedlich reagieren, wie wir das gerne hätten. Besser, man geht auf Nummer sicher." Heißt: Maulschlaufe. Einsatz für Hündin Jule. Ein Dreiecktuch – im Notfall kann es auch ein Schal sein – wird zu einer sogenannten Krawatte gefaltet. Anna legt dem Tier die schmale Stoffbahn um das Maul und bindet sie sorgfältig hinter Jules Ohren zusammen. Jule springt ihr Frauchen vorwurfsvoll an, schließlich kann sie so ja noch nicht einmal bellen. Aber die Schlaufe hält.

Man könnte sich das Ganze natürlich auch etwas einfacher machen, wie andere Kursleiter das tun, und statt am lebenden Objekt an einem Dummy üben. Ein solches Exemplar liegt schlaff in einer Ecke. Würde man den Blasebalg betätigen und über einen Schlauch Luft in den Po des Gummitiers strömen lassen, hätte es sogar einen Herzschlag. Und dennoch, "lustiges Tierchen" ist alles, was Christian Holm dazu sagt. Weil er bezweifelt, dass Teilnehmer so wirklich ihre Hemmungen überwinden können. "Berührungsängste sind im Notfall immer ein Problem." Kein Wunder, jeder im Raum merkt, dass sich selbst ein simpler Verband nicht ganz so einfach anlegen lässt wie gedacht. Christian Holm begutachtet kritisch, wie eine Teilnehmerin die Mullbinde um Jules Pfote wickelt: "Jede Kralle, auch die Wolfskralle, muss separat gepolstert werden, damit die Knochen nicht aufeinandergedrückt werden", erklärt der Ausbilder. Sonst könne der Hund mit dem Verband nicht bequem laufen. Jule wird unterdessen immer lebendiger. Die Labrador-Dame muss erst mal eine Runde durch den Raum drehen, bevor es weitergehen kann. Wie erstarrt bleibt sie vor dem Dummy stehen – für sie eine undefinierbare Rasse, die entfernt an einen Schäferhund erinnert. Dass der Kunsthund nicht auf ihren nun folgenden Flirtversuch reagiert, irritiert Jule. Bellend läuft sie zurück in den Stuhlkreis und dreht sich erst aus sicherer Entfernung nach dem Ding um. "Sie kann zwischen einem echten Hund und der Attrappe nicht unterscheiden", erklärt Christian Holm. An Jules Reaktion wird aber auch klar, warum die Teilnehmer nicht einfach ihren eigenen Hund mitbringen durften: Die Veranstaltung hätte wohl eher den Charakter einer Speed-Dating-Veranstaltung für Tiere statt eines Erste-Hilfe-Kurses, bei dem sich weder Mensch noch Tier konzentrieren könnten.

Der Ausbilder deutet auf eine Liste, die er per Beamer auf eine Leinwand geworfen hat. "Wer helfen will, braucht selbstverständlich einen Erste-Hilfe-Koffer. Außer diesen Sachen auf der Liste gehört auch eine Kanüle hinein." Klingt, als wäre es vorbei mit der Entspannung. Und Zeit für ein bisschen blutige Realität, die man im Zweifel wuppen muss. Denn Sanitäter für Hunde, die man schnell anrufen könnte, gibt es im Normalfall nicht. "Wenn es also wirklich darauf ankommt, ist man selbst der Einzige, der etwas ausrichten kann", so Holm. Manchmal müsse eben sofort gehandelt werden, zum Beispiel bei einer Magendrehung, die eher bei größeren Hunden passiert als bei kleinen. Deshalb rät Holm, nach dem Fressen immer eine Stunde lang nicht mit dem Hund zu spielen. "Beim Herumkugeln auf dem Boden kann sich sonst der Magen umdrehen und das ist lebensgefährlich." Erkennen könne man die Drehung daran, dass sich das Organ deutlich sichtbar aufblähe wie ein Ball. Und jetzt kommt die zuvor erwähnte Kanüle ins Spiel: "Auf dem Weg zum Arzt muss man alle fünfzehn Minuten in diese Kugel stechen, um das Gas abzulassen." Den Teilnehmern scheint ein wenig übel zu sein. "Oh Gott, ich möchte es sicher nicht erleben, Kalli in den Magen stechen zu müssen", meint Bettina.

Beatmung über Nasenlöcher

Geübt wird so ein Eingriff im Erste-Hilfe-Kurs natürlich nicht. Dagegen scheint die Wiederbelebung eine durchaus machbare Sache zu sein, findet Christian Holm. "Wer will es ausprobieren?", fragt der Ausbilder. Überall verschränkte Arme, sechs Augenpaare richten sich auf den Fußboden. Selbst Frauchen Anna winkt ab. Jule ist zwar ein süßer Hund, aber da geht es schon los mit den Berührungsängsten. "Niemand? Na, dann muss ich das wohl selbst machen."

Was der Laie sich so unter Mund-zu-Maul-Beatmung vorstellt, lässt sich lebhaft an den Gesichtern der plötzlich sehr interessierten Teilnehmer ablesen: Lippen auf Lefzen? Nee, oder …? "Im Ernstfall sollte man den Hund ansprechen, um sicherzugehen, dass er überhaupt bewusstlos ist." Allgemeines Schmunzeln. Jule wird wachsam. Holm hält sie vorsichtig am Boden. "Das Maul ist natürlich viel zu groß, um es mit dem Mund abzudecken." Holm zieht Jules Lefzen darüber und verschließt den Rest sorgsam mit der Hand. "Die Beatmung erfolgt nun über die Nasenlöcher." Und da ist sie, die erste Information über Notfallmaßnahmen, die die Kursteilnehmer entspannt.

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