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Verhaltensforschung: Freundschaft unter Artgenossen: Mein Hund hat ‘nen anderen!

Für Hunde ist die Freundschaft zu ihresgleichen ist unersetzbar. Wir stellen vier Hundepaare vor, auf die man fast ein bisschen eifersüchtig sein könnte.

Von Kerstin Güntzel

Zwei illustrierte Hunde mit heraushängender Zunge

"Sie fressen sogar zusammen. Es gibt nie Konflikte. Eida übernimmt etwas lieber die Rolle des Leithundes, Sissi ist zurückhaltender." (Symbolbild)

Herrchen und Frauchen dieser Welt stressen sich mitunter richtig, um die besten Buddys ihrer Hunde zu werden. Aber auch wenn es verdammt wehtut: Die Freundschaft zu Artgenossen ist unersetzbar. Eine Fähigkeit, die sie von ihren Vorfahren, den Wölfen, vererbt bekamen: "Wölfe leben unter Freilandbedingungen in kooperativen Familienverbänden liebevoll und beinahe egalitär untereinander", schreibt der Verhaltensforscher Kurt Kotrschal in dem Buch "Wolf – Hund – Mensch".

Freundschaft: Size doesn’t matter

Franzl, der Hund von Bruni Plank, 59, ist ein mächtiger Flat Coated Retriever, Maya von Patrick Seybold, 33, ein kleiner, quirliger Mischling.

War der Größenunterschied bei Franzl und Maya schon mal ein Problem?

Patrick: "Gar nicht. Und das obwohl Maya Franzl nur bis zum Bauch reicht, er vierzig Kilo wiegt und sie ­gerade mal dreizehn. Aber Franzl legt sich zum Spielen meist einfach hin …"

Bruni: "… während Maya wie ein Flummi auf ihn draufspringt, ihn an den Lefzen und an der Gurgel packt. Und dabei knurrt, als ob sie ihn killen wollte. Alles aus reiner Freude!"

Wann haben die beiden sich zum ersten Mal getroffen?

Patrick: "2018 auf der Hundewiese bei uns im Münchner Glockenbachviertel. Maya war gerade mal drei Monate alt, Franzl sogar sechs Wochen jünger. Damals war Maya sogar ein bisschen größer als Franzl. Aber irgendwann ist Maya stehengeblieben, während Franzl nicht mehr aufhörte zu wachsen."

Das Cover der neuen Dogs. Zwei Hunde sitzen am Strand

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Bruni: "Aber weil Maya älter ist und von klein auf bestimmt hat, wo's langgeht, ist sie auch heute noch die Chefin. Als Welpe kam Franzl ihr anfangs kaum hinterher, weil Maya so flink ist. Oft hat sie ihn einfach umgeschmissen. Oder Franzl flog beim Hinterherrennen aus der Kurve."

Patrick: "Als junge Hunde spielten sie täglich miteinander, weil Bruni und ich beide gut sozialisieren wollten. Auch zum Welpentreff und zum Grundkurs in der Hundeschule gingen wir gemeinsam. Bruni und ich haben uns über die Hunde angefreundet. Momentan treffen wir uns fast jeden Morgen vor der Arbeit um viertel nach sechs auf der Hundewiese."

Verstehen sich die beiden auch gut mit anderen Hunden?

Bruni: "Franzl ist höchst verträglich. Und auch Maya liebt so gut wie jeden Hund. Aber wenn die beiden spielen, darf kein anderer Kollege mitmischen. Schon in der Hundeschule war Maya eifersüchtig, wenn Franzl mit Labradoodlehündin Luna spielte."

Patrick: "Stimmt. Maya boxte sie weg und animierte Franzl: Hallo, spiel wieder mit mir! Und auch Franzl ist schon dazwischen gegangen, wenn ein anderer Rüde Interesse an Maya zeigte." 

Ein Oscar für Lizzi

Kerstin: "Oscar aus dem dritten Stock war in unserem ­Mehrfamilienhaus der Alleinherrscher, bis mein schwarz-weiß gepunktetes Pointer-Mädchen Lizzi vor drei Jahren zu uns ins Hochparterre zog. Wir waren besorgt: Ob das wohl gutgehen würde unter einem Dach oder besser im selben Treppenhaus? Denn Oscar, ein Boston Terrier, reagiert, nett formuliert, empfindlich, wenn fremde Hunde sein Territorium betreten.

Zur ersten Begegnung verabredeten wir uns auf neutralem Terrain draußen vorm Haus. Die Mission Best Friends Forever startete: Britta und ich wollten die Hunde auf einem langen Spaziergang müde machen, bevor sie gemeinsam das Haus betraten. Doch all unsere Sorgen waren unbegründet: Oscar fand Lizzi vom ersten Augenblick an Zucker. Sie balgten sich zwei Stunden wie die Irren. Kindskopf Lizzi durfte Oscar sogar umrennen, ohne dass er zum Hulk wurde."

Britta: "Und es war für Oscar erstaunlicherweise von Anfang an kein Problem, dass Lizzi mit im Haus und sogar in unserer Wohnung ist. Lizzi darf alles, sie fressen sogar gemeinsam aus seinem Napf, sie nagt seine Knochen ab … Das ist überhaupt nicht normal. Er hat noch eine andere Freundin, Rosine, ein quirliges Boston-Terrier-Mädchen. Er erlaubt ihr auch eine ganze Menge, aber Lizzi definitiv mehr. Bei Rosine grantelt oder knurrt er auch mal. Lizzi ist definitiv seine Nummer eins."

Kerstin: "Macho Oscar wird bei Lizzi ganz sanft. Mittlerweile besucht er uns jeden Donnerstag, weil Britta ins Büro muss und ich im Homeoffice arbeite. Dann hüpfen sie außer Rand und Band von Sofa zu Sofa, bis ich schimpfe. Oder sie liegen auf dem Bett und knabbern sich zärtlich die Lefzen. Gott sei Dank sind beide kastriert." 

Vergesst Tinder!

Constantin von Luttitz, 32, und Liska Birk, 27, von Gut Niederaltenburg in Oberbayern haben den Labrador-Schwestern Sissi und Eida ihre Liebe zu verdanken.

Wie fing die ganze Geschichte an?

Liska: "Constantin und ich haben unsere Labrador-Mädchen Sissi und Eida unabhängig voneinander bei einer Züchterin in Hessen gekauft."

Constantin: "Sie richtete uns Käufern damals netterweise eine WhatsApp-Gruppe ein. Nach etwa einer Woche fragte ich in die Runde, ob jemand aus dem Raum München käme und ob man sich mal austauschen könnte. Denn Sissi ist mein erster Hund, ich hatte null Erfahrung. Liska studierte damals in München, wir trafen uns im September 2017."

Liska: "Constantin war damals mit den Nerven fertig …"

Constantin: "Ich stellte mir nachts alle zwei Stunden den Wecker, um mit dem Welpen rauszugehen, weil ich dachte, dass man das so macht. Nach vier, fünf Tagen war ich durch. Als ich Liska traf, verstand ich nicht, wie sie so fit sein konnte. Sie stand aber nie für Eida nachts auf. Ich konnte es nicht fassen. Ich war eben ein richtiger Überhundepapi. Liska und ich fanden uns beide gleich gut. Am 7. September 2019 heirateten wir. Sissi und Eida trugen unsere Eheringe zum Altar."

Praktischerweise hast du mit Liska auch gleich eine Hundetrainerin geheiratet.

Constantin: "Stimmt. Liska betreibt mit ihrer Mutter eine Hundeschule in ihrer Heimat Donaueschingen und bei uns in Niederaltenburg."

Liska: "Constantin wird auch immer erfahrener mit Hunden. Anfangs hatte er dagegen merkwürdige Vorstellungen. Er dachte zum Beispiel, dass ein Hund, der nie vom Tisch gefüttert wird, menschliches Essen erst gar nicht mag. Das hat natürlich nicht hingehauen. Schön finde ich: So wie Constantin und ich mit der Zeit zusammengewachsen sind, so sind wir auch mit den Hunden zusammengewachsen."

Verstehen sich Eure Hunde denn immer gut?

Constantin: "Sie sind ein Herz und eine Seele."

Liska: "Sie fressen sogar zusammen. Es gibt nie Konflikte. Eida übernimmt etwas lieber die Rolle des Leithundes, Sissi ist zurückhaltender."

Spielen Sissi und Eida noch viel miteinander?

Liska: "Wir trainieren oft und jagen auch mit den beiden. In der Ausbildung ist es aber nicht ideal, wenn sie ständig miteinander spielen. Deswegen haben wir dieses exzessive Spielen vom Anfang etwas reduziert. Aber nach dem Training im Wasser rennen sie schon mal ein paar Runden. Andere Hunde finden sie dagegen nicht so spannend. Sie haben ja sich."

Die Hausmeister von der Isar

Bepo, der Irish-Wolfhound-Mix von Claudia Fichtner, 51, und sein Best Buddy, der Schäferhundmischling Eddie von ­Elmar Dehner, 71, wären gerne die Chefs am Fluss. Bepo und Eddie haben viel gemeinsam, erzählt Claudia: "Bepo hat seine Feinde, Eddie hat seine Feinde. Und sie überschneiden sich größtenteils. Gemeinsam sind sie stark, finden es toll zu mobben. Am besten einen großen Hund, der Angst vor ihnen hat. Da muss man schon mal dazwischen gehen.

Das Allerliebste wäre ihnen, zusammen ein Territorium zu bewachen. Aber im tiefsten Inneren sind beide recht feige." Elmar, Eddies Hundepapa, stimmt ihr zu: "Die beiden wären gerne die Chefs von der Isar, aber es reicht leider nur zum Hausmeister." Denn am Fluss gibt es schon einen Boss: Joe, den Belgischen Schäferhund, von beiden glühend bewundert. Was die Freunde neben der Joe-Verehrung noch vereint? Sie sind fast gleich alt. Bepo wird fünf, Eddie ist sechs. Auch vom Wesen her sind sie sich ähnlich. Zurückhaltend, vorsichtig und wachsam. Und beide stammen aus dem Osten: Eddie ist ein Straßenhund aus Rumänien, Bepo kommt aus dem Kosovo.

Vor vier Jahren lernten sich Claudia Fichtner und Elmar Dehner beim Gassigehen an der Isar kennen. Auch Eddie und Bepo freundeten sich an. Anfangs hüpften die beiden noch aufgeregt herum und begrüßten einander freudig. Heute spazieren sie meist nur noch lässig gemeinsam, sitzen einträchtig nebeneinander und schauen chefig. Weil Bepo wegen einer Hüft- und Ellbogendysplasie sowie kaputter Knie gehbehindert ist, kann er ohnehin nicht wild herumtoben. Dieses Gechillte passt auch gut zu Eddie, sagt Elmar: "Als junger Hund war Eddie ganz quirlig. Leider haben wir übersehen, dass er gerne frisst. Deshalb ist er etwas behäbig geworden."

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