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Einmal Breisgau und zurück: Mit Hund im Wohnmobil auf Reisen – ein etwas anderer Selbstversuch im Urlaub

Mit einem Wohnmobil sind Autor Harald und Fotografin Sabine Braun noch nie verreist. Erst der Umstand, dass ihr Hund Klärchen unbedingt mit in  den Urlaub kommen sollte, brachte sie auf  diese Idee.

Von Harald Braun

Im Wohnmobil mit Hund auf Reisen – ein Selbstversuch

Ein Wohnmobil zu leihen, in dem Hunde erlaubt sind, entpuppte sich als kompliziert

Echt jetzt? Ich soll in dieses Ding steigen? Klärchens Blick changiert zwischen Verachtung und Fassungslosigkeit. Wir kennen diesen Blick, denn er ist in den vergangenen Tagen zu unserem Begleiter geworden. Wir stehen am Titisee im Schwarzwald vor dem Vergnügungsdampfer "Ingrid", der bald ablegt und in knapp dreißig Minuten einmal um den See gleitet. Meine Gattin und ich sind keine Liebhaber einer Kreuzfahrt, nicht einmal einer solch kurzen. Doch ein steuerbares Tretboot, im Prinzip die angemessenere Fortbewegungsart in einer Fünfzigerjahreumgebung wie dem Titisee, kommt mit Hund nicht infrage. Dass Klärchen vor der "Ingrid" zurückweicht, erwischt uns allerdings unerwartet. Aber hilft ja nichts, mit guten Worten und etwas Zug an ihrer Leine bugsieren wir Klärchen über einen Steg an Bord und zeigen mit großer Geste auf das herrliche Panorama, das sich vor ihren verwöhnten Augen auftut, kaum dass die "Ingrid" ausgelaufen ist.

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Doch der Hund murrt weiter. Schaut so vorwurfsvoll, als wollte man ihn in den nächsten Minuten an einer verlassenen Anlegestelle aussetzen. Legt sich schließlich seitlich – ohne Unterlage, so weit ist es gekommen! – auf den grünen Bootsboden und seufzt tief. Uns geht es ähnlich.

Statt die bizarre Niedlichkeit des Titisees und seiner Umgebung zu bewundern (und darauf zu warten, dass hier irgendwo gleich Peter Alexander auftaucht, um in einer Kurmuschel zu singen), beobachten wir besorgt den Vierbeiner, dem offenbar gerade großes Leid angetan wird. Wir schütteln beide den Kopf. "Nächstes Mal lassen wir dich zu Hause!", sagt meine Frau. Ich nicke bestätigend. So eine undankbare Kreatur aber auch. Dabei, und ich schaffe es gerade noch, diesen Gedanken nicht laut auszusprechen, sind wir doch nur wegen Klärchen hier am südwestlichen Rand Deutschlands und nicht irgendwo in Griechenland, auf Ibiza oder an der portugiesischen Algarve. Pah!

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Wohnmobil als begehbarer Spielplatz

Vereisen mit Hund ist ja nicht unproblematisch, Sie wissen das vermutlich. Mit dem Flieger geht es gar nicht, will man seinen Vierbeiner nicht durch den stressigen Transport im Frachtraum eines Flugzeugs traumatisieren. Zugfahrten sind immer zu lang, sofern man seinem Hund nicht beigebracht hat, die Bordtoilette zu benutzen. Da bleibt im Zweifel nur der Pkw, wenn der Hund dringend mit dabei sein soll bei der Sommerfrische der Kleinfamilie. Solch ein Sardinenbüchsentransport führt aber auf langen Strecken für Hund und Familie zu Stress: zu klein, zu eng, zu miefig. Und er dauert auch ganz schön lang, weil der Hund eingequetscht zwischen Koffern und Verpflegungstüten ständig fiept und Harndrang vortäuscht, um sich wenigstens mal für ein paar Minuten aus seiner misslichen Lage zu befreien.

"Warum leihen wir uns nicht mal ein Wohnmobil", sagte schließlich meine weise Gattin, "darin haben wir ausreichend Platz für alle und brauchen zudem nicht ewig nach Hotels zu suchen, die Hunde überhaupt reinlassen." Natürlich ist solch eine Entscheidung mit gewissen Einschränkungen verbunden. Schließlich möchte man auf seiner Jungfernfahrt mit einem rollenden Zuhause nicht gleich vier Tage durch Europa tingeln, um dann an der sonnensicheren Südspitze Spaniens nach Afrika hinüberzuwinken. Wir einigten uns stattdessen auf den Breisgau und die hübsche Universitätsstadt Freiburg, deren Bürger Judith Holofernes einst beim Konzert von "Wir sind Helden" so trefflich mit "Liebes Freiburg, liebe Bongospieler, Jack-­Wolfskin-Jackenträger, liebe Niedrigenergiehausbesitzer und Fünfkindermacher" begrüßte. Klingt doch auch sympathisch. Und vom Breisgau heißt es ja eh, dass es sich um die sonnenreichste Ecke Deutschlands handeln solle. 

Was wir nicht bedacht hatten: Ein Wohnmobil zu leihen, in dem Hunde erlaubt sind, entpuppte sich als kompliziert. Nach langer Suche landeten wir beim brandneuen französischen Start-up-Wohnmobil-Portal Yescapa, einer Art Airbnb für mobile Gefährte, das auch ganz in der Nähe unserer Hamburger Heimat eine Dependance hat. Klar, die Besitzer sind auch Hundehalter, wie sich bei der Übergabe herausstellen sollte. Sie sind zudem gute Leute, die uns gleich mal mit dem kleinen Einmaleins des Camper-Hundelebens vertraut machten. Wichtig sei es, dass der Hund während der Fahrt einen sicheren Platz zugewiesen bekomme, in einer Transportbox oder geschützt durch einen Sicherheitsgurt. Klärchen solle das Wohnmobil nämlich nicht als begehbaren Spielplatz auffassen. Offenbar haben diese Menschen einen Hund, der besser erzogen oder leidensfähiger ist als unserer. Bereits der Versuch, Klärchen noch einmal an ihren ehemaligen Welpenkäfig zu gewöhnen, endete in einem sehr, sehr lauten Jaul-Inferno, in Kombination natürlich mit diesem vielsagenden Blick, von dem eingangs schon die Rede war: "Ist Käfighaltung nicht verboten?"

Gemeinsame Breisgausause

Dabei war die relativ große fahrende Behausung gar nicht mal das Problem. Es war eher der Freiheitsdrang des Hundes und der Wunsch, theoretisch jederzeit den Standort wechseln zu können. Jedenfalls ertrugen wir Klärchens jämmerliches Gewimmer nicht lang. Wir bauten den Käfig wieder ab, schoben ihr Lager stattdessen unter den Tisch des Wohnmobils und sicherten den Hund dort mit einem lockeren Gurt. Das ertrug er nicht nur stoisch, sondern schlief gleich für ein paar Stunden weg. Okay, so ganz vorschriftsmäßig war das alles sicher nicht, für uns aber alternativlos. Als wir etwa auf der Hälfte der Strecke die erste Nacht auf einem idyllischen Parkplatz im Odenwald verbrachten – Merke: Mit dem Hund nie zu lange Strecken auf einmal! – wollte Klärchen nicht einmal mehr mit in unser Bett im Fond der Kiste steigen. Sie musterte unsere semigemütliche Unterlage kritisch – halb so breit wie unser Bett zu Hause –, kletterte hinauf, bettete sich zur Probe und stieg dann nach dreißig Sekunden wieder ab, um sich lieber wieder auf ihren Platz unter den Tisch zu legen. Nicht ohne den Blick allerdings, bereichert um eine Spur Mitgefühl: "Darauf wollt ihr wirklich übernachten?"

Wir wohnen auf dem Land, eine Leine kennt Klärchen zwar, aber meistens nur als Drohgebärde. Im Urlaub aber waren wir aufgrund der regionalen Vorschriften und der sich selbst erklärenden Umstände eines Lebens in der Fremde darauf angewiesen, Klärchen häufiger mal anzuleinen. Das wurde nicht sehr freudig aufgenommen.

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Let's face it: Hunde hassen Veränderungen. Urlaub ist in gewisser Weise Stress für sie, eine Reise generell eine Zumutung. So ein Hund will zwar immer in der Nähe seines Rudels sein, das stimmt. Möglichst aber dort, wo dieses Rudel sich mindestens an elf von zwölf Monaten im Jahr aufhält. Da das in der Regel kein Wohnmobil ist, schaute Klärchen uns in den zehn Tagen der gemeinsamen Breisgausause jedes Mal verdrießlich an (der Blick!), wenn wir am Ende eines Ausflugs – in das idyllische Örtchen Staufen zum Beispiel, in dem einst Goethes Doktor Faust im Hotel Löwen gastierte oder dem Kloster St. Trudpert im Münstertal – wieder vor unserem Camper standen und Anstalten machten, uns erneut darin niederzulassen. Leise, aber vernehmlich knöterte unser Tier dann unter dem Tisch in seine Decke hinein und beriet sich vermutlich mit seinem Knuddeltier, ob man nicht besser ausbüxen und sich auf eigene Faust auf den Weg nach Hause machen solle.

Schwarzwälder Kirschtorte

Klingt das jetzt alles sehr schlimm? Okay. War es nicht. Nicht für meine Gattin und mich, die wir uns jeden Tag aufs Neue freuten, Klärchen nicht zu Hause gelassen zu haben. (Im letzten Urlaub fragten wir uns ständig mit schlechtem Gewissen, wir es ihr wohl geht.) Aber vermutlich auch nicht für unseren komfortverwöhnten Kaniden. Wir verbrachten schöne lange Tage im Breisgau, im Schwarzwald und in Freiburg, meine Frau, der Hund und ich. Wanderten ganze Tage durch das idyllische Münstertal und entdeckten dort das grandiose historische "Landgasthaus zur Linde", in das Klärchen ohne langes Zaudern hineinstürmte. Kein Wunder. Wie sich herausstellen sollte, duftete es hier nach Heimat. Die Besitzer dieses Schwarzwälder Kleinods halten ebenfalls einen Magyar Vizsla. Ein Wink des Schicksals? Wir parkten unser Mobil jedenfalls für drei Tage gleich neben der "Linde" und bezogen ein gemütliches Zimmer unter dem Dach, wo Klärchen dann auch wie zu Hause wieder jeden Morgen für ein Stündchen ins Bett hopste. Wir stromerten durch die kleinen Gassen in der Altstadt Freiburgs – allein die Konviktstraße "kostete" uns staunend einen halben Tag – und wanderten über eine Brücke in Laufenburg mal schnell in die Schweiz. Wir kletterten an den Hängen der malerischen Weinberge des Breisgaus herum und probierten vor dem Freiburger Münster in der "Alten Wache", was es mit der Qualität der einheimischen Reben auf sich hat. Wir lernten, dass Freiburg mit 30.000 Studenten eine sehr junge und sehr fahrradfreudige Stadt ist und der Schwarzwald nicht so langweilig, wie Bommelhut und Kuckucksuhr einen immer glauben lassen.

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Ob Klärchen sich so wie wir im nächsten Sommer wieder für eine Tour mit dem Wohnmobil entscheiden würde? Wenn die Alternative hieße, allein zu Hause in der Fremdverwahrung auszuharren, auf jeden Fall. Es würde auch helfen, wenn sie hin und wieder auf unseren Wandermärschen frei in der Natur herumstreunen dürfte und nicht immer brav angeleint ihren fußlahmen Halter ziehen müsste. Und selbst die Bootsfahrt auf der "Ingrid" ließe sie zur Not ein zweites Mal über sich ergehen. Vorausgesetzt, dass sie anschließend wieder in einem Oma-Café mit Blick auf den Titisee den Teller mit den Resten der Schwarzwälder Kirschtorte ablecken darf.

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