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Tierischer Unterricht: Warum Kinder an einer Münchner Grundschule einer Hündin Geschichten vorlesen

An einer Grundschule in München gibt es einmal pro Woche Unterricht der besonderen Art: eine Goldendoodle-Hündin kommt und übt mit Kindern lesen. Streicheln lässt sie sich natürlich auch.

Von Fabian Busch

Lesehund im Unterricht: Kinder lesen Hunden vor und beide profitieren

Der Platz in der Leseecke ist begehrt bei den Kindern. "Wir könnten zwanzig Lesehunde beschäftigen", sagt die Schulleiterin Claudia Bleckmann. Die Lehrer müssen daher eine Auswahl treffen, welche Kinder in den Genuss einer Deutschstunde bei Jenny kommen.

Den Weg zu ihrem Arbeitsplatz kennt Jenny ganz genau. Als sich die Fahrstuhltür im dritten Obergeschoss des Israelitischen Kultusgemeindezentrums in München öffnet, zieht die Goldendoodlehündin ihr Frauchen Kimberly Ann Grobholz zielsicher Richtung Glastür. Dann geht es nach rechts in den Klassenraum der Sinai-Tagesgrundschule, die zum Gemeindezentrum gehört. Einige Schüler bestürmen Jenny, streicheln ihr über das lockige Fell. Nach der Begrüßung verlassen sie den Raum, Kimberly Ann Grobholz rückt in einer Ecke Kissen zurecht, breitet eine Decke aus. Darauf wird Jenny Platz nehmen und in der kommenden Stunde ihren Job machen: einfach daliegen und zuhören

Einmal pro Woche besucht Jenny für eine Stunde die Sinai-Grundschule. Drei Kinder kommen dann nacheinander zu ihr, um jeweils zwanzig Minuten lang das Lesen zu üben. Dass die Hündin dabei neben ihnen liegt, ist ein pädagogisches Konzept: Ein Hund korrigiert nicht, ein Hund ist geduldig und lacht nicht über Fehler. Kinder, die vor ihren Mitschülern oder vor Erwachsenen ungern vorlesen, sollen so die Scheu verlieren, sollen Spaß am Lesen finden. Kimberly Ann Grobholz, die an der Schule auch Englisch unterrichtet, nennt das "relaxed concentration", entspannte Konzentration.

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"Könnten zwanzig Lesehunde beschäftigen"

Der erste Vorleser an diesem Tag ist Anthony aus der zweiten Klasse. Seine Eltern stammen aus der Dominikanischen Republik, Anthonys Muttersprache ist also Spanisch, doch Deutsch spricht er genauso fließend. Nur beim Lesen ist er unsicher, das muss er noch üben. Anthony macht es sich auf dem großen grünen Sitzsack bequem, nimmt ein schmales Buch und macht an der Stelle weiter, wo er in der Vorwoche aufgehört hatte. "Der Rie-se kam zu-rück, er war sehr wü-tend." Während er liest, wandert seine rechte Hand immer mal wieder zu Jenny und in ihr lockiges Fell. Kimberly Ann Grobholz sitzt daneben und hört zu, berichtigt ihn jedoch nur sehr selten. "Der Lesefluss ist das Wichtigste – den sollte man nicht unterbrechen", sagt sie. Nur als Anthony "tragte" statt "trug" vorliest, fragt sie: "Kannst du das noch mal richtig lesen? Ich glaube, das hat Jenny nicht verstanden." Viele Kinder seien überzeugt, dass der Hund das, was sie lesen, wirklich versteht, erklärt Grobholz.

Der Platz in der Leseecke ist begehrt bei den Kindern. "Wir könnten zwanzig Lesehunde beschäftigen", sagt die Schulleiterin Claudia Bleckmann. Die Lehrer müssen daher eine Auswahl treffen, welche Kinder in den Genuss einer Deutschstunde bei Jenny kommen, ihr also ein Halbjahr lang einmal pro Woche vorlesen dürfen. Für Bleckmann ist der Lesehund eine ideale Möglichkeit, Schüler mit Förderbedarf individuell zu unterstützen: "Für sie ist es eine Belohnung, wenn sie mit Jenny üben dürfen. Sie lieben den Hund, die Atmosphäre ist entspannter als in der Klasse, und, ganz wichtig, die Kinder schämen sich vor Jenny nicht, wenn sie Fehler machen."

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Anthony liest das Buch an diesem Tag zuende, deshalb darf er Jenny mit einem Leckerli füttern und einen Hundestempel in sein Leseheft drücken. Danach ist seine Mitschülerin Ariella an der Reihe. "Im Garten" heißt das Buch, aus dem sie vorliest. Jenny beginnt zu dösen und dreht sich auf die Seite. Auch bei Ariella klappt das Lesen heute gut, Grobholz lobt die Zweitklässlerin. Doch die ist selbstkritisch: "Beim letzten Mal war ich tausendmal schneller und besser."

Nicht jede Lesestunde verläuft so, dass die Fortschritte der Kinder auf der Stelle spürbar werden. "Manchmal zweifle ich auch kurz an dem, was ich mache", sagt Grobholz. "Aber dann kommt immer wieder ein Tag wie heute, an dem alles super läuft." Alle brauchen Geduld, am geduldigsten ist der Lesehund.

Jenny ist bereits der zweite Lesehund, mit dem Kimberly Ann Grobholz arbeitet. Angefangen hat alles vor rund zehn Jahren mit der Golden-Retriever-Hündin Tammy, mit der sie damals regelmäßig ein Kinderheim besuchte. Nicht zum Lesen, sondern nur um den Kindern eine Freude zu machen. Ein Mädchen fiel ihr dabei besonders auf. Es liebte Tammy heiß und innig, wollte auch noch bei ihr bleiben, als sich die anderen Kinder schon wieder anderen Spielen widmeten. Kimberly Ann Grobholz erkundigte sich bei den Betreuern, wie sich das Mädchen in der Schule mache. Die Antwort: Sie könne kaum lesen und schreiben. Also übte Grobholz mit ihr, während die Retrieverhündin daneben lag. Die Schulleistungen des Mädchens verbesserten sich bald und Grobholz beschäftigte sich daraufhin intensiver mit dem Thema "Leseförderung mit dem Vierbeiner".

"Sozialer Katalysator"

Sie informierte sich bei der Organisation R.E.A.D. Die Abkürzung steht für Reading Education Assistance Dog, wörtlich übersetzt: Leseförderung-Assistenzhund. R.E.A.D. hat mehr als sechstausend Teams aus Lesehunden und deren Besitzern in der ganzen Welt ausgebildet. In den Vereinigten Staaten oder Großbritannien ist das Konzept deutlich bekannter als in Deutschland, doch hier breitet es sich allmählich aus. Auch dank Kimberly Ann Grobholz, die inzwischen selbst für R.E.A.D. Lesehundteams ausbildet. Nachdem Tammy Anfang des Jahres gestorben war, machte sie mit Jenny weiter. Jetzt ist sie es, die an Grundschulen oder auch mit Flüchtlingskindern an weiterführenden Schulen das Lesen übt.

Einige Bibliothekarinnen sind ebenfalls auf den Lesehund gekommen. Zum Beispiel Laura Haußer-Krakow aus Sindelfingen. Als sie Bibliotheks- und Informationsmanagement studierte, hörte sie erstmals von dem Konzept. "Ich dachte mir: Das ist genial, da kann ich zwei meiner Leidenschaften vereinen, Literatur und Hunde." Sie vertiefte sich in das Thema, widmete ihm auch ihre Bachelorarbeit. Daher weiß sie, dass der positive Einfluss des Hundes sogar nachweisbar ist. Wissenschaftler haben bei Kindern, die Hunden vorlesen, zum Beispiel niedrigere Blutdruckwerte und eine geringere Ausschüttung von Cortisol gemessen, jenes Hormons, mit dem der Körper auf Stresssituationen vorbereitet. Das Tier sei aber auch ein "sozialer Katalysator", sagt die 32-Jährige: "Es erleichtert die Kontaktaufnahme und bringt schüchterne Kinder dazu, auch einmal aus sich herauszugehen." 

Laura Haußer-Krakow besuchte mit ihrem Pudelmischling Rumo zunächst einen Kinderhort, später bot sie die Leseförderung in der Stadtbibliothek Sindelfingen an. Auch bei ihr las stets ein einzelnes Kind möglichst ungestört außerhalb der Öffnungszeiten. Der Mischling brachte für die Aufgabe das richtige Naturell mit. "Mein Hund hat ein gutes Gespür dafür, welches Nähebedürfnis ein Kind hat." Nach dem Vorlesen durften die jungen Teilnehmer mit dem Hund noch ein paar Minuten kleine Tricks und Suchspiele veranstalten.

Inzwischen ist Rumo allerdings in Rente – im hohen Alter will Laura Haußer-Krakow ihm die Aufgabe nicht mehr zumuten. Denn auch wenn es aussieht, als bestünde der Job des Hundes nur darin, dazuliegen und sich streicheln zu lassen, "für ihn ist das Arbeit", sagt die Bibliothekarin. "Man muss das im Blick behalten und darf den Hund nicht überfordern." 

Hohe Reizschwelle

Aus diesem Grund ist auch Jenny stets nur eine Stunde pro Tag im Einsatz. Mehr könnte für das Tier zu viel Stress bedeuten, erklärt Kimberly Ann Grobholz. Ein Lesehund müsse sich zudem charakterlich für die Aufgabe eignen. Freundlich und kinderlieb muss er sein, eine hohe Reizschwelle haben. Und er sollte zwar neugierig sein, aber auch so entspannt und ausgeglichen, dass er eine Stunde lang geduldig liegen bleibt.

Der letzte Schüler an diesem Tag ist der achtjährige Jeremy. Bei ihm klappt das Lesen heute schon so gut, dass er gleich ein ganzes Heft fast flüssig liest. Vor ein paar Monaten sah das noch ganz anders aus. Viele seiner Mitschüler wollen auch sehr gern mit Jenny üben, erzählt Jeremy. "Die denken, dass der Hund sie versteht", sagt er. Jeremy selbst glaube das eigentlich nicht. Doch dann zögert er: "Manchmal guckt sie mich schon so an, als würde sie mich verstehen."

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