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Tipps vom Hundetrainer: Macht und Ohnmacht in der Hundeerziehung - wie konsequent müssen wir sein?

Viele wünschen sich eine Beziehung zu ihrem Hund, die ohne Zwänge funktioniert. Doch was tun, wenn unser Gefährte nicht so will wie wir? Müssen wir zu 100 Prozent konsequent sein? Hundetrainer Michael Grewe über Macht und Ohnmacht in der Hundeerziehung.

Von Kate Kitchenham

Macht und Ohnmacht in der Hundeerziehung - wie konsequent müssen wir sein?

Wer konsequent ist und Autorität ausstrahlt, gibt seinem Hund Orientierung und Sicherheit

Getty Images

Kennen Sie diesen peinlichen Moment, wenn der Hund einen vorbeilaufenden Jogger fixiert, wir ihn rufen und er nicht kommt? Ruckartig bleiben Spaziergänger stehen, andere Läufer beobachten verunsichert die Szene, Mütter schütteln den Kopf. Hilflosigkeit, Scham, Wut mischen sich zum unguten Gefühl, weil wir von unserem eigenen Hund bloßgestellt wurden. „Ohnmacht ist ein gemeines Erlebnis“, weiß auch Michael Grewe, Inhaber von Canis, dem Zentrum für Kynologie. „Jeder Hundehalter macht mehrmals in seinem Leben diese ernüchternde Erfahrung: Auf der Bühne der Öffentlichkeit fühlen wir uns mitsamt unserer Vision einer innigen, treuen Beziehung vom eigenen Hund verraten.“

Wer führt, ist nicht einsam

Wie haben wir uns das schön vorgestellt: Wir wollen mit unserem vierbeinigen Freund durch dick und dünn marschieren, sein treuer Blick folgt uns, er kommt fröhlich gerannt, wenn wir rufen, und tröstet uns in einsamen Momenten. Wir haben viele Erwartungen, wenn wir uns einen Welpen ins Haus holen oder einen ausgewachsenen Hund aus einem traurigen Schicksal erlösen. Wir wollen der Kreatur unsere bedingungslose Liebe schenken und versuchen, ihm das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. „Hundebesitzer suchen deshalb häufig nach sanften, vor allem gewaltfreien Erziehungsmethoden, die Konflikte mit dem Hund verhindern sollen.“

Geradlinigkeit im Auftreten

Konfliktsituationen gibt es im Alltag aber zuhauf: Der Hund möchte Rehe jagen, wir sind dagegen. Er entdeckt eine neue Buddelecke im Garten, in der wir vorgestern Blumenzwiebeln gesetzt haben. Das Brötchen in der Hand des Kleinkindes schwebt vor ihm auf Nasenhöhe und er sieht nicht ein, warum er dieses Angebot ausschlagen sollte. „In diesen Situationen zeigt sich, inwieweit wir tatsächlich für den Hund eine ernst zu nehmende Persönlichkeit darstellen oder ob er nur aufgrund seines grundsätzlich freundlichen sozialen Wesens hin und wieder auf uns hört“, so Michael Grewe.

Gefährlich kann es für den Vierbeiner und unsere Mitmenschen werden, wenn wir uns für unseren Hund jedes Mal in Luft auflösen, sobald etwas Aufregendes passiert. Das Problem, so Grewe: „Hunde sehen nicht nur niedlich aus und sind schön kuschelig, sondern haben auch viele eigene Interessen. Sie möchten quer über die Picknickwiese zum Grill rennen, der neuen Nachbarin die Nase unter den Rock schieben oder einem Kind das Eis aus den Mundwinkeln lecken.“ Dieses Erkundungsverhalten müssen wir steuern können: „Es geht besonders darum, dass unser Hund für diese Gesellschaft keine Belästigung oder Gefahr darstellt. Weil wir verantwortlich sind für die Auswirkung des Verhaltens unseres Tieres müssen wir uns mit Macht und Ohnmacht gezwungenermaßen auseinandersetzen. Auch wenn uns die Begrifflichkeiten vielleicht nicht gefallen.“ Denn mit Wörtern wie Macht, Gehorsam oder Autorität haben viele Menschen ein Problem. „Ich nutze sie bewusst“, sagt Grewe. „Gemeint ist nicht die Form von Macht oder Autorität, die Unterdrückung verherrlicht. Gemeint ist eine Autorität, die sich aus einer besonderen Geradlinigkeit unseres Auftretens gegenüber dem Hund ergibt, indem wir klare Grenzen setzen, zum anderen aber auch unseren Hund fördern und ihm Freiräume schaffen.“

Michael Grewes Meinung zur Machtfrage ist von dieser Position aus eindeutig: „Sind wir nicht in der Lage, solch eine souveräne Machtwirkung auf unseren Hund zu haben, entsteht zwangsläufig Ohnmacht in der Beziehung zum Hund.“ Die Gretchenfrage aller Hundehalter lautet deshalb: Wie können wir für unseren Hund zu dieser verlässlichen Autorität werden, deren Regeln und Gesetze befolgt werden, ohne dass wir um seine Liebe fürchten müssen?  Für Michael Grewe stehen Autorität und Liebe nicht im Widerspruch: „Wer immer nur lieb ist, läuft Gefahr, vom Hund nicht ernst genommen zu werden. Das Problem ist aber meistens: Viele Halter scheuen sich davor, ihren Hund situativ zu dominieren.“

Macht allein ist nicht alles

Herrschaft, Dominanz, Zwang und Macht in der Mensch-Hund-Beziehung sind zu Recht infrage gestellt worden. „Aber einen Hund situativ zu dominieren bedeutet eben nicht, ihn zu unterdrücken.“ Ist Dominanz also doch nicht Schnee von gestern, wie eine neue Studie aus England herausgefunden hat? Forscher der Universität Bristol haben Tierheimhunde in Gruppen gehalten und auf ihr Streben nach dominanten Positionen beobachtet. Die Tiere versuchten nicht, innerhalb der Gruppe eine gehobene Rangordnungsstellung zu erlangen. Sie konzentrierten sich eher darauf, qualitativ hochwertige Bindungen zu ausgewählten Artgenossen zu pflegen.

Hundetrainer Michael Grewe sieht sich bestätigt: „Diese Studien zeigen, wie sehr Hunde Bindungen zu Persönlichkeiten suchen, die ihnen Sicherheit, Zuneigung und dadurch einen Platz in dieser Welt bieten - eigentlich wie wir Menschen auch. Die Frage an uns Hundehalter lautet deshalb: Wie können wir für den Hund zu diesem attraktiven Bindungspartner werden? Einem Anführer, dem er sogar eigene Interessen unterordnet und im Zweifelsfall bedingungslos gehorcht.“ Hunde lieben einen hohen Status. Sie finden es großartig, uns zu gefallen. Das wollen sie aber nur, wenn wir einen Grund dazu liefern, erklärt Michael Grewe. „Dieser Grund entsteht nicht, wenn das Leben immer nur süß ist, wir den Hund bekuscheln und jedem Konflikt aus dem Weg gehen. Status kann nur in unserer Persönlichkeit begründet werden.“ Führungsanspruch erreichen wir laut Grewe nur durch verlässliches Auftreten: wenn er genau weiß, wie ernst das Kommando „Bleib“ ist oder wann wir Ruhe einfordern.

Zu Autorität gehört auch Körpersprache: „Hängende Schultern interpretieren Hunde wie wir Menschen als eine entschlussschwache innere Haltung. Ein aufrechter Gang dagegen, der mit klaren Worten und Gesten kombiniert ist, schafft Verstehen - eine wichtige Grundlage für das vertrauensvolle, zuverlässige Gehorchen.“ Gute Lehrer, Eltern oder eben Hundebesitzer erwerben Autorität, indem sie freundlich, aber unmissverständlich Grenzen und Freiheiten aufzeigen. „Hunde hoffen auf deutliche Hilfe: dass wir sie sofort loben, wenn sie etwas richtig machen, und ihnen ebenso schnell sagen, wenn etwas falsch war. Darum sind Menschen mit natürlicher Autorität bei vielen Hunden auch so beliebt“, erklärt Grewe.

Hundehalter müssen konsequent sein

Aber haben Hunde kein Problem damit, ihre Interessen den Wünschen ihres Menschen unterzuordnen? „Frustration gehört zum Leben dazu“, meint Michael Grewe. „Wenn wir lernen, dass wir uns in bestimmten Situationen kontrollieren müssen, können wir die erlaubten Dinge dann so richtig genießen.“ Auch hier sind wir also von den Hunden nicht weit entfernt: Im Rudel müssen sich alle an Regeln halten. Das verlangt vom einzelnen Tier, dass es hin und wieder eigene Bedürfnisse zurückstellt.

„Wenn wir Hunde halten, dürfen wir mit dem Ausüben souveräner Macht kein Problem haben - Hunde haben das schließlich auch nicht.“ Macht zu haben bedeutet für den Trainer, dass der Halter vom Hund verlangen kann, etwas zu tun, was er möchte, oder zu unterlassen, was der Halter nicht möchte, selbst wenn das den Interessen des Hundes widerspricht und er andere Dinge viel lieber machen würde. Der Verhaltensexperte Michael Grewe ist überzeugt, dass gute Hundehalter deshalb in erster Linie eine Eigenschaft mitbringen sollten: Sie müssen Konflikte annehmen können. Den Kopf einzuziehen und Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, ist in den Augen des Trainers der grundfalsche Weg, der dem Tier wichtige Beziehungssignale vorenthält: Solange sich der Hund in seiner Beziehung zu uns nicht eindeutig positionieren kann, ist er verunsichert. Er sucht in dieser Phase oft schon regelrecht die Auseinandersetzung mit uns.

Wer Autorität ausstrahlt, gibt Orientierung

Doch bestätigt Gehorsam nicht das Klischee vom Halter, der sich an der Untertänigkeit seines Hundes ergötzt? „Im Gegenteil“, meint Grewe: „Sind wir Autoritätsperson, erfüllen wir seine Erwartung auf Orientierung. Sonst würde der Hund Dinge selbst entscheiden. Was dazu führen würde, dass wir ihn in seinen Freiheiten einschränken müssten, etwa indem wir ihn nicht ohne Leine laufen ließen.“ Dagegen eröffnen sich dem Gespann, das deutliche Rollenverteilung und klares Reglement kennt, viele Freiheiten: „Je sicherer der Hund uns gehorcht, desto mehr kann seine Eigenständigkeit wachsen.“

Diese Freiheit sorgt für Entspannung im Alltag: „Ist die Bindung fest, der Gehorsam selbstverständlich, kann der Mensch auch mal fünfe gerade sein lassen. Wichtig ist, dass er die Summe der Konflikte für sich entscheiden kann.“ Mit Kadavergehorsam hat diese entspannte Haltung nur sehr wenig zu tun: „Gehorsam durch Zwang geschieht aus Angst vor Strafe und funktioniert nur, solange der Hund im Wirkungsbereich seines Menschen ist.“

Viele Hundehalter streben aber aus Abscheu vor der Macht danach, in einem gleichberechtigten System die Harmonie mit ihrem Haustier zu suchen. Für sie stellt sich die Gewissensfrage: Ist diese Vorstellung überhaupt hundgerecht? Der Grund des hündischen Faibles für herausragende Autoritäten ist sozialevolutionär bedingt: „Wilde Kaniden leben in klar gegliederten Sozialsystemen, meist in Form von Elterntieren mit ihrem Nachwuchs. Hier gibt es keine Demokratie, sondern eine Rangordnung. Diese etabliert sich aber nicht durch besonders rüpelhaftes Auftreten der Alphatiere, sondern durch die fürsorgliche Haltung, die Eltern naturbedingt tragen. Deshalb werden sie von ihren Kindern geliebt. Achtung und Respekt festigen sich, wenn Elterntiere gegenüber Heranwachsenden darauf bestehen, sich konsequent situativ durchzusetzen, und zugleich in der Zuneigung konstant bleiben.“

Keine Rangordnung bei Menschen und Hunden

Bei Menschenclans der Steinzeit wird dieses Sozialverhalten ähnlich funktioniert haben, in intakten Familienstrukturen hat sich daran bis heute nichts geändert. „Deshalb ist der Verbund von Mensch und Hund ähnlich, und der Wolf auf seinem Weg zum Hund musste sich nicht groß umstellen“, weiß Hundetrainer Grewe. Dabei leben Menschen und Hunde nicht in einer Rangordnung, wie lange Zeit vermutet wurde: „Wir gehören nicht einer Tierart an und pflanzen uns nicht miteinander fort“, macht Grewe klar. „Folglich können wir auch nicht in einer Rangordnung mit dem Hund leben.“

Der Vierbeiner strebt allerdings auch nicht danach, denn er erkennt uns deutlich als Nichthund: „Wir riechen anders als er, wir verhalten uns anders, wir kommunizieren anders.“ Zwischen Mensch und Hund bildet sich ein anderes Beziehungsleben als eine natürliche Rangordnung heraus: „Für den Hund leben wir gemeinsam in einer Sozialrangordnung, die sich im Zusammenleben mit uns entwickelt.“ Deren charakteristisches Merkmal ist, dass der Mensch die soziale Verantwortung für alle Gruppenmitglieder übernimmt – sein gehobener Status rechtfertigt sich also allein aus seinem situativen Verhalten. Für den Hund wiegt der Moment: „Ist das Verhalten des Menschen in wiederkehrenden Situationen konstant, kann sich die Sozialrangordnung festigen, er findet seinen Platz in ihr und kann in der starken Gemeinschaft zur Ruhe kommen.“

Ohnmacht macht keinen Spaß

Hundebesitzer, die kein Problem mit Dominanz haben, identifiziert Michael Grewe an einfachen und klaren Kriterien: „Man erkennt sie an ihren Hunden, daran, dass ihre Lieblinge Freiheiten genießen, vertrauensvoll die Nähe von Frauchen oder Herrchen suchen, aber auch in aufregenden Situationen auf deren Anweisungen achten.“ Ein solcher Hund bietet ein deutliches Gegenbild zu der armen Kreatur, die demütig, buchstäblich wie ein geprügelter Hund neben seinem Herrn herschleicht, oder zum Hund, der auf dem Hundeplatz alle Übungen perfekt beherrscht, sich aber bei unvorhergesehenen Ereignissen in ein unkontrollierbares Wildtier verwandelt.

Auch Profis läuft mal der Hund weg

Doch was ist zu tun, wenn unser Machtanspruch in kritischen Situationen vom Hund plötzlich ignoriert wird? Ist das ein Zeichen dafür, dass wir unseren Hund doch nicht wirklich kontrollieren können? Michael Grewe differenziert: „Es kommt auf die Situation und die Häufigkeit an“, so der Trainer. „Wenn der Hund ein Mal entwischt und hundert Mal kommt, ist das in Ordnung. Selbst Profis passiert so etwas hin und wieder.“ Grund zur Selbstprüfung ist der eine Moment der Entgleisung aber schon: „Ich frage mich immer, was ich falsch gemacht habe. Vielleicht habe ich den Hund nicht genug im Blick gehabt, habe ihn zu weit vorlaufen lassen.“

Und was ist zu tun, wenn der Hund nicht gehört hat? Auch hier kommt es auf die Situation an. „Wenn er durchs Dickicht jagt, unternehme ich gar nichts“, versichert Michael Grewe. „Alles andere wäre kontraproduktiv, weil es die Situation verstärken würde, in der sich der Hund befindet. Wenn wir wild rufen und pfeifen, wird er das nur am Rande wahrnehmen und ignorieren. Oder der Hund fühlt sich durch unser Gebrüll sogar noch angefeuert.“ Grewe weiß, dass enorme Größe dazugehört, den Zorn hinunterzuschlucken und so zu tun, als hätte man nichts gemerkt. Vorausschauendes Eingreifen ist für ihn der angemessene Weg: „Wenn mein Hund einen Jogger fixiert, würde ich sofort eingreifen und bedrohlich auf den Hund zulaufen, um ihm zu signalisieren: Dieses Verhalten ist unerwünscht!“

Fazit: Entgleitet uns der Hund ab und zu, gehört das zum Leben. Entscheidend ist unsere Reaktion: Ein Jogger darf nicht mit Beute verwechselt, ein Brötchen nicht geklaut und der Grill nicht geplündert werden. "In solchen sozialen Situationen muss sofort und unmissverständlich deutlich gemacht werden, dass diese Handlungen verboten sind. Dann hat sich das Problem schnell erledigt."

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