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Urlaub in Südschweden: Segeltörn mit Hund: Wenn der Urlaub zum Experiment wird

Wie hält ein Kapitän seine Crew bei Laune, wenn sie eine ausgeprägte Abneigung gegen Wasser hat und allergisch auf Kälte reagiert? Ein Hund, zwei Menschen und ihre erste gemeinsame Segeltour in Südschweden.

Von Jan Jepsen

Hund auf dem Bug des Schiffes

Havaneser Esta am Bug des Segelbootes

Meine Freundin mag es im Urlaub warm, obwohl Stine Dänin beziehungsweise Wikingerin ist. Und Esta, ihr oder inzwischen unser Hund, mag es gern trocken. Bei Regen muss man sie fast zwingen, Gassi zu gehen. Eine überraschende Abneigung der Havaneserin. Die Rasse stammt schließlich aus der Mittelmeerregion, da könnte man meinen, Esta liebe Wasser. Aber nein.

All diese Punkte schließen Skandinavien als Reiseziel aus, noch dazu auf einem Segelboot. Doch ich wecke Stines Interesse mit der Aussicht auf gemütliches Schären-Hopping irgendwo auf dem Vänernsee im Südwesten von Schweden. Das Binnenrevier ist wettertechnisch geschützter als die Küste, nicht schlecht für den Einstieg in diese Art von Urlaub. Außerdem ist es auf Dauer für alle Beteiligten angenehmer, in Süßwasser zu baden. Dazu die Wälder, jede Menge Blaubeeren, Einsamkeit und Weite, Unmengen Stöckchen für Esta … "Darf man einen Hund überhaupt mit auf ein gechartertes Boot nehmen?", fragt Stine. Einen Anruf später bin ich schlauer: Ja, kein Problem, heißt es aus Schweden. Der Vercharterer habe selbst einen Hund und außerdem einen Shop für Schiffszubehör, da gebe es sogar eine kleine Schwimmweste für Esta.

"Wann kommt ihr?"

Wir kommen im August. Hochsommer, zumindest laut Kalender. Ein erster Bootstest ist die Fähre von Kiel nach Göteborg, wobei das kaum merkliche Geschaukel eines Goliath nicht vergleichbar ist mit dem Seeverhalten einer Nussschale. Trotzdem bin ich zuversichtlich, was Estas Segelpremiere angeht: Sie mag sowohl Wind als auch Geschaukel, wie etliche Fahrradfahrten vorn in der kleinen Holzkiste auf meinem Frontgepäckträger bereits erwiesen. Gepaart mit einer gewissen Coolness und Gottvertrauen in den Fahrer. Lediglich bei zu wilden Schlenkern und Ausweichmanövern dreht sie ihren Kopf und sieht mich fragend an. Aber von Angst keine Spur. 

Jetzt am Kiosk: die neue DOGS.

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Die Fähre ist überhaupt kein Problem. Außer einer minimalen Vibration und einem leichten Wummern gibt es auf dem Schiff nichts, was die Welt und Wahrnehmung eines Hundes irritieren könnte. Ungewöhnlich ist nur der eingeschränkte Radius: Der Besuch des Restaurants ist mit Hund nicht gestattet. Auf das Ober- beziehungsweise Sonnendeck und an die Bar dürfen wir auch nicht. Letztlich erweist sich das Hundedeck aber ohnehin als nettester und exklusivster Platz an Bord: nicht viel los da oben und man ist unter Gleichgesinnten.

Am nächsten Morgen erreichen wir Göteborg. Noch im Hafen wartet die Polizei. Zum Glück nicht auf uns, weil wir Esta online vorab korrekt für die Einreise angemeldet hatten, sondern um eine Alkoholkontrolle durchzuführen. Uns winkt man durch, sodass wir gegen Nachmittag in Kristinehamn am Vänernsee ankommen. Krister Bewert von der Firma Elvina Marin heißt uns willkommen. "Ich freue mich über Gäste aus dem Ausland", sagt er. Endlich mal Kunden, die den Vänern nicht als Ententeich verspotten. Anders als die Stockholmer. Wahrscheinlich deshalb dürfen wir uns eins von zwei Schiffen aussuchen. Wir nehmen das mit dem längeren Mast, sprich das schnellere. Leider nicht das mit Heizung, was sich noch als Fehler herausstellen wird und Anlass gibt für Vorwürfe von meiner Freundin. Schnell noch eine Anprobe der Schwimmweste für Esta. Sie lässt alles über sich ergehen, guckt aber, als wolle sie sagen: Was soll das Getue? Ich kann doch schwimmen! Extrem unglücklich guckt sie erst, als Stine sie probeweise am vorgesehenen Griff hochhebt. Was Wunder, es mag zwar praktisch sein, raubt dem Tier aber jede Würde: Esta sieht aus wie eine verunglückte Designerhandtasche mit Echtfell. Wir beschließen, sie ganz klassisch auf dem Arm an Bord zu tragen. Das ist das Gute, wenn man keinen Bernhardiner, sondern ein Schoßhündchen hat.

"Solange wir in der Nähe sind ..."

Bei der neuen Umgebung an Bord gibt es wie erwartet keine Anpassungsschwierigkeiten. Kurze Schnupperrunde an Deck, Kuscheldecke auf die Cockpitbank und gut. Eine große schwimmende Hundehütte. "Solange wir in der Nähe sind", sagt Stine, "kann eh passieren, was will." Da sind wir Menschen leider etwas komplizierter. Esta kommt mir von uns dreien schon jetzt am entspanntesten vor, was mich als verantwortlichen Käpt’n enorm beruhigt. Ich möchte, dass das Segeln und Bootsleben allen Beteiligten gefällt. Will diese Passion mit meinen liebsten Menschen (und Tieren) teilen, was leider nicht bei jedem Versuch funktionierte in der Vergangenheit. Ein Restrisiko bleibt beim Segeln.

Stines Stimmung steht und fällt mit dem Wetter. In ihrer Eigenschaft als Hundemama wird es auch darauf ankommen, wie ihr "lille skat", ihr kleines Schätzchen, auf die Segelsause reagiert. Sollte Esta wider Erwarten kein einziges Seebein haben, wie man so sagt, wird auf der nächstbesten Schäre abgemustert und das Experiment als gescheitert erklärt. Das gilt es unbedingt zu vermeiden. Also gehen wir es ruhig an. Die erste Nacht verbringen wir unspektakulär im Hafen. Tags darauf ein erster kurzer Gang zum Supermarkt: "Der Vänern ist so einsam, dass ihr euch für ein paar Tage Proviant sichern solltet", hatte Krister gesagt. Und falls wir einen Bootskoller bekämen und uns nach Zivilisation sehnten, müssten wir Karlstad ansteuern. Ansonsten bekommen wir den Tipp, dass vom Segelverein Kristinehamn morgen ein kleines Fest auf der Clubschäre stattfindet, nur ein paar Meilen entfernt. Das Motto: Karibik. Klingt nett. "Und warm", meint Stine. Leider weiß das Wetter von dem Motto noch nichts: Kurz nach dem Auslaufen zieht eine ernstzunehmende Wolke auf, bös blaugrau, Tendenz zu Lila. Wie ein riesiges Hämatom am Himmel. 

Mit Schirm am Steuer

"Das ist nur eine kurze Dusche", will ich sagen, als mir gefühlte Wachteleier auf die Kapuze hageln. Frauchen und Hund verziehen sich unter Deck und reichen mir einen Schirm. Gut, dass mich keine anderen Segler sehen. Mit Schirm am Steuer! Noch dazu zu Meeresgott Rasmus betend, dass der Jahrhundertsommer bitte nicht jetzt, hier und heute ins andere Extrem kippen möge.

Wir beschließen, die Nacht in Kristinehamn zu bleiben. Das heißt Tee trinken, Smörrebröd essen, Gassi gehen, früh schlafen. Wir haben das gute Gefühl, nichts zu verpassen in unserer geräumigen Hundehütte mit Teakausbau. "Hyggelig", sage ich, obwohl Stine das Wort allmählich nicht mehr hören kann. Ich will die Gemütlichkeit betonen und sage: "Ist doch nett. Der inflationäre dänische Exportbegriff führt zu einem hohen Kerzenverbrauch." Stine guckt mich ernst an, sagt dann: "Ersetzt aber keine Heizung."

Nächster Tag, anderes Wetter

Danke, Rasmus! Schnell noch die Beine vertreten, frische Brötchen kaufen, Esta mit den hiesigen Düften vertraut machen lassen und dann: Leinen los! Die Sonne ist zurück, ein laues Lüftchen treibt uns durch die Bullerbü-Kulisse. Lediglich ein Marterpfahl, Backbord gelegen, irritiert den Blick. Laut Reiseführer handelt es sich dabei um Picassos "größtes Kunstwerk", wobei sich Größe in diesem Fall eigentlich nur auf die Maßeinheit in Metern beziehen kann.

Der See öffnet sich, bis zum Horizont und darüber hinaus, sodass ich wieder einmal denke: Wenn ich den See seh, brauch ich kein Meer mehr. Esta stellt sich auf ihre Hinterbeine, bleibt aber im Cockpit und schnüffelt sich ihre persönliche Seekarte zurecht. Bei Nebel könnte sie wahrscheinlich sogar das Radargerät ersetzen. Je mehr Geschnüffel, desto näher das Land. Irgendwie beruhigend. Der Wind legt zu, das Boot neigt sich. Esta schaut uns ratsuchend an. Da sie weder bei Stine noch bei mir Panik erkennt, legt sie sich auf ihre Decke und beschließt, sich zu entspannen. Zur Belohnung gibt es ein paar schwedische Leckerlis. "Und wenn sie mal Gassi muss?", fragt Stine. Ich winke ab. "Hier gibt es genug Bäume. Wir sind dann längst wieder irgendwo an Land." Gegen Nachmittag machen wir auf der Clubschäre fest. Krister hat uns angekündigt als "deutsches Presseboot samt Hund". Wir erleben ein herzliches Willkommen, als man uns beim Anlegen hilft. Esta ist sofort Everybody’s Darling und findet zwei Jungs, die für sie Stöckchen werfen. Stine und ich sollen derweil unsere Sachen mit auf den Gemeinschaftsgrill legen. Die Stimmung ist gut, der Schnaps kreist, die Flusskrebse werden geteilt. Stines Augen leuchten. Und ich kann gar nicht genug Fotos machen, so toll ist der Platz. Mit am besten finde ich, dass die Fraktion der Motorbootfahrer eine eigene Clubschäre hat, fünfhundert Meter weiter. Man muss wissen: Segler und Motorbootfahrer sind zwei verschiedene Spezies, die sich gegenseitig gepflegt verachten. Zumindest ist das in Deutschland so (Un-)Sitte.

Die Schäre ist groß genug für einen ausgiebigen Spaziergang. Vier Beine brauchen schließlich mehr Auslauf als zwei. Mit ihrem Zobelfell betreibt Esta Mimikry. Auf manchen Moosen ist sie farblich perfekt angepasst, wenn sie nicht die ganze Zeit aufgeregt umherflitzen würde, hätte man Schwierigkeit, sie zu finden. Aber auf dieser kleinen Insel kann sie schlecht verloren gehen. Außerdem sorgt ihr fehlender Jagdinstinkt dafür, dass sie sich nie weiter als fünfzig Meter von uns entfernt.

Nächstes Ziel: Karlstad

Nach drei Tagen sehnen wir uns nach einem anständigen Cappuccino. Unser nächstes Ziel ist Karlstad. Zumal Esta auch mal wieder "Zeitung lesen" will, wie Stine ihr städtisches Geschnupper nennt. Der erste Geruch der Stadt setzt uns Menschen in Verzückung. Direkt am Hafen befindet sich eine Kaffeerösterei samt Café. Anders als in Dänemark darf Esta mit hinein. "Ein Pluspunkt für die Schweden", lobt Stine. Das will was heißen, da es sich bei Dänen und Schweden in etwa so verhält wie mit Seglern und Motorbootfahrern. Ein ausgiebiger erster Landgang reicht, um zu wissen, dass wir hier nicht ewig verweilen wollen. Wildnis und Weite rufen! Das kommt schneller als erwartet und gilt für uns alle drei gleichermaßen. Unter der Woche sind wir so gut wie allein auf dem See und können uns die Liege- und Anlegeplätze aussuchen. Bei einem Spaziergang an Land mit Esta finde ich sogar einige Sommersteinpilze, das passiert einem als Segler auch nicht alle Tage. Abends merken wir: So einsam war es an Land wohl doch nicht, als wir Estas Zecken ernten, Preis und Kehrseite für die Wildnis. Trotzdem ist unser Fazit einstimmig, als wir das Boot abgeben: Experiment und Urlaub sind geglückt. Wann können wir wieder los?

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