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Trauerbegleitung: "Der Tod eines Hundes kann sich anfühlen, als hätte man Kind oder Partner verloren"

Wenn ein Hund stirbt, tut das weh. Anemone Zeim hilft Menschen durch diese schweren Zeiten und bietet professionelle Trauerbegleitung.

Von Filiz Nadine Müller

Trauerbegleitung: Wenn der Hund zu sehr fehlt gibt es hier Hilfe

Wer nach einem schmerzlichen Verlust den Boden unter den Füßen verliert, kann durch unterstützende Trauerbegleitung wieder auf die Spur gebracht werden

Nach dem Tod ihrer Mutter stellt Anemone Zeim fest, dass es einen Platz für schmerzhafte Zwischenzustände braucht, in einer Welt, in der es uncool ist, kaputt zu sein. Die Diplom-Designerin macht eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin und schreibt ein Buch über den Prozess des Trauerns. 2013 gründet die Pudelhalterin aus Hamburg mit "Vergiss Mein Nie" die erste Kreativwerkstatt für Erinnerungsarbeit und Trauer­beratung in Deutschland, in der auch Trauerbegleitung nach dem Tod eines Tieres stattfindet. Wir haben mit ihr gesprochen.

Was ist Trauerbegleitung?

Eine Hilfestellung, mit der man wieder laufen lernt. Wer nach einem schmerzlichen Verlust den Boden unter den Füßen verliert, kann durch unterstützende Begleitung wieder auf die Spur gebracht werden. Ein guter Trauerbegleiter macht sich selbst überflüssig. Er hilft Menschen, aus eigener Kraft aus der Trauer herauszukommen.

Bei "Vergiss Mein Nie" erleben Sie Trauer in allen Facetten. Egal ob Mensch oder Tier, im Sterbeprozess oder Jahre später. Worum geht es in der Beratung konkret?

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Die erste Maßnahme bedeutet meist Orientierung. Gemeinsam überlegen wir, was den akuten Schmerz lindern kann, und denken an den nächsten Schritt. Das kann ein heißes Bad sein oder eine Kur. Manche suchen den Austausch in der (Tier-)Trauergruppe, andere wünschen sich Einzelstunden. Mein Job ist es zuzuhören, zu beobachten und die richtigen Fragen zu stellen. Wer in die Werkstatt kommt, braucht nicht drum herumzureden. Dadurch dass es um Leben und Tod geht, entsteht schnell eine intime Atmosphäre. Hemmungen sind selten, weil meine Klienten sich mit allem zeigen dürfen. Es herrscht ein Vertrauen wie unter Freunden, sodass lautes Denken möglich ist.

Wie läuft so ein Erstgespräch ab?

Oft koche ich eine Kanne Tee, im Sommer gibt es Limo. Ein Fragebogen zum Ankreuzen hilft beim Ankommen und holt die Klienten direkt ins Thema: Fühle ich mich schwer wie ein Wal oder leicht wie ein Goldfisch? Die Antworten auf solche Fragen haben sich als gute Gesprächsöffner bewährt.

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Ist es nicht belastend, sich ständig mit Themen wie Tod und Trauer zu beschäftigen?

Ich erlebe meine Arbeit als unglaublich sinnvoll. Ich kann mir spannende Lebensgeschichten anhören. Mir kommen Sachen zu Ohren, die kann sich kein Autor ausdenken. Die Gespräche können sehr lustig und berührend im positiven Sinne sein. Es geht viel mehr um das Leben als um den Tod. Einmal schaute sich eine ältere Dame im Ladengeschäft um und fragte, was es mit den Erinnerungs­stücken auf sich habe. So etwas brauche sie nicht, sagte sie, sie habe das Wurstmesser ihres verstorbenen Mannes behalten. Jeden Abend schneide sie nun selbst die Wurst, was er früher voller Begeisterung tat. Es gibt auch häufig Kunden, die uns auf den ersten Blick für klassische Bestatter halten und ihre Beerdigung planen möchten. Und das obwohl sie nicht einmal krank sind. 

Trauer ist ein Lebensthema. Warum fällt es uns so schwer, Schmerz zu zeigen?

Es ist uncool, kaputt zu sein. Überall strahlen uns selbstoptimierte Menschen mit vermeintlich perfekten Körpern und perfekten Körpern entgegen. Wir haben verlernt, uns Zeit für das Unperfekte, die Zwischenzustände zu nehmen. Trauer kann man nicht einfach wegklicken. Der Prozess, der nach einem Verlust einsetzt, kann extrem schmerzhaft sein. Gleichzeitig liegt darin eine große Chance, unentdeckte Ressourcen und sich selbst kennenzulernen. Jeder Mensch hat einen individuellen Schmerzhorizont. Der Tod eines Hundes kann sich anfühlen, als hätte man Kind oder Partner verloren. Diese Emotionen wertfrei aufzufangen und ernst zu nehmen, ist die Herausforderung an meiner Arbeit.

Was verändert sich, wenn Trauer sein darf?

Es fängt damit an, nichts zu bewerten. Wenn jemand zwei Wochen lang um seinen Goldfisch weint, dann ist das in Ordnung. Für viele Menschen ist Trauer ein großer schwarzer Klotz. Ein Hochhaus, das im Weg steht. Man kommt nicht drum herum. Trauer ist ein Gefühlscocktail aus Sehnsucht, Liebe, körper­lichen Schmerzen und Todesangst, der sich im Inneren ausbreitet, bis ein Überdruck entsteht. In dem Moment, wo all diese Gefühle erlaubt sind, nimmt der Druck ab und Loslassen wird möglich.

In Workshops gestalten Ihre Klienten Unikate aus mitgebrachten Erinnerungen. Welchen Effekt hat das?

Ein Erinnerungsstück zu basteln, ist kein Pflichtprogramm. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass Loslassen leichter fällt, wenn man das Gefühl hat, das Wichtigste behalten zu können. Die Kunst ist herauszufinden, was die Essenz einer Geschichte ist und wie die erlebte Erinnerung in einem Gegenstand manifestiert werden kann. Gemeinsam gehen wir auf Schatzsuche, um jene Dinge zu finden, die Glücksgefühle auslösen, wie es auch Aufräumcoach Marie Kondo beschreibt. In den Workshops entstehen Konzepte für sinnvolle Formen, damit kein Stück zum Staubfänger verkommt.

Ein Beispiel?

Aus einer alten, zerknautschten Plastikflasche wurde eine Leselampe. Der Schäferhund einer Klientin liebte sein Stück Müll abgöttisch. Als Leuchte wurde es haltbar gemacht. Das Erinnerungsstück lebt so in neuer Gestalt weiter.

Welche Rolle spielt Kreativität noch im Trauerprozess?

Kreativität bedeutet in diesem Kontext nicht Basteln, Malen und Singen. Sondern sich auf neue Lebenssituationen einzustellen. Als Trauerbegleiterin entwickle ich neue Lösungen für den Alltag meiner Klienten, weil das Gewohnte für sie nicht mehr funktioniert. Der eine bekommt kein Auge zu, seitdem der Hund nicht mehr neben ihm schläft. Ein anderer arbeitet pausenlos, um sich abzulenken. Trauer fliegt nicht im luftleeren Raum umher. Sie zeigt sich konkret, im Alltäglichen.

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Was kann noch helfen?

Rituale. Seit Jahrmillionen geben festgelegte Abläufe Struktur und vermitteln das Gefühl, die Situation unter Kontrolle zu haben. Ich rege meine Klienten an, sich zu überlegen, was sie im Sterbefall konkret tun wollen. Kommen Hundebesitzer beispielsweise vor dem Einschläfern zur Beratung, schmieden wir einen Plan. Was ist ein schöner Abschied? Was hat das Tier gern um sich? Womit fühlt es sich wohl? Man kann ein Stück Fell abschneiden und einen Pfotenabdruck machen. Ganz egal ob diese Dinge im Schrank landen oder hinterher Verwendung finden. Solche Vorbereitungen lohnen sich allein aufgrund ihrer beruhigenden Wirkung für den Moment.

Wie macht man eigentlich Werbung für ein Trauerbusiness?

Das habe ich mich als Kommunikationsdesignerin auch gefragt. Tatsächlich finden viele Kunden über Mundpropaganda den Weg in die Werkstatt. Vergiss Mein Nie spricht sich herum wie ein guter Gynäkologe. In den sozialen Medien wie Facebook und Instagram sind Foren und Gruppen eine Bühne für Dienstleistungen wie unsere. Die Tierbestattung Rosengarten und Tierärzte schicken inzwischen Betroffene zu uns. Ich bin bekannt wie ein bunter Hund, ohne es zu merken.

Trauer und Traumata können dicht beieinanderliegen. Wo hört Ihre Arbeit auf?

Es gibt Stichwörter, da werde ich hellhörig. Ohne dass mein Gegenüber es merkt, prüfe ich für mich, ob ich den Prozess halten kann oder weitervermitteln muss. Das kam insgesamt zweimal vor. Wenn es pathologisch wird, weil die Trauerthematik weitere Traumata hervorruft, übersteigt das meinen Verantwortungsbereich. Wichtig ist, sofort eine Alternative anzubieten, damit keine Lücke entsteht. Für diesen Fall habe ich eine Liste mit Therapeuten in der Schublade.

Kann man sich Ihrer Meinung nach überhaupt auf den Tod vorbereiten?

Am Ende bleibt der Tod ein Geheimnis.  Keiner weiß, was kommt. Das Danach kann man nicht googeln. Aber Gedanken machen hilft. Auf die Trauer kann man sich nicht vorbereiten, doch ein guter Plan gibt sehr viel Freiheit.

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