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Cani Salvataggio: Baywatch auf Italienisch: Die wohl besten Wasserrettungshunde der Welt bei der Arbeit

Cani Salvataggio, die Wasserrettungshunde von Italien, sind mutig, zäh, top ausgebildet und bewachen die Urlauber am Adriastrand von Caorle.

Von Bianca Klement

Wasserrettungshunde: Die mutigen italienischen Vierbeiner

Die kleine Rettungsstation der Wasserrettungshunde befindet sich am äußeren Rand des Strandes, direkt neben der Lagune von Caorle.

Bellissimo! Bravo! Überschwänglich lobt Amadeo Fadini den schwarzen Neufundländer. Terra Nova genießt das Lob sichtlich. Schwanzwedelnd tänzelt er um sein Herrchen herum, während dieses die Schleppleine von seiner knallroten Rettungsweste löst. Terra Nova ist mächtig stolz, schließlich hat er gerade vier Erwachsene auf einem Stand-Up-Paddling-Board gut 150 Meter auf dem Meer hinter sich hergezogen und an das sichere Ufer gebracht. Dass es sich bei dem Rettungsmanöver um eine Übung gehandelt hat, spielt keine Rolle. Für Amadeo und Terra Nova war die Rettung ein voller Erfolg. Mit breiter Brust stolziert der 68-Kilo-Hund aus dem Wasser an den Strand von Caorle an der italienischen Adria. Selbst wenn es nicht ernsthaft um Leben und Tod ging, zum Spaß sind Terra Nova und Amadeo nicht da. Sie sind hier, um Leben zu retten, denn der Neufundländer ist ausgebildeter Wasserrettungshund. Seit Jahren trainiert er an der renommierten Scuola Italiana Cani Salvataggio, kurz SICS, der italienischen Schule für Wasserrettungshunde.

Eis-am-Stil-Charme

Ferrucio Pilenga gründete die Schule vor dreißig Jahren. Was zu Anfang noch mit Skepsis betrachtet wurde, ist heute der Stolz der italienischen Hundeszene. Hunderten von Menschen haben die Hunde der SICS das Leben gerettet. Sechzehn Schulungszentren gibt es in Italien. Die Ausbildung ist staatlich anerkannt, aber der Lehrgang ist nicht kostenlos, die Arbeit in der Rettungshundestaffel erfolgt ehrenamtlich. Mehr als dreihundert Mensch-Hund-Teams sind während der Sommermonate an den Stränden zwischen Rom und Cagliari auf Sardinien im Einsatz.

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Nachdem Amadeo seinen Hund von der Schwimmweste befreit hat, trottet Terra Nova in seine Transportbox an der Rettungsstation. Nun ist erst mal Pause. Außer ihm sind noch drei weitere Hunde samt ihrer Halter am Wochenende im Dienst. Während der gesamten Urlaubssaison, von Anfang Juni bis September, helfen die vierbeinigen Bademeister, den Strand von Caorle sicherer zu machen.

Die kleine Ferienstadt in Norditalien ist bei Badeurlaubern beliebt. Von München sind es mit dem Auto gerade mal fünf Stunden an die Adria. Caorle, ein typischer italienischer Ferienort, hat sich den Eis-am-Stil-Charme der Siebzigerjahre bewahrt, wirkt aber nicht angestaubt. Die meisten Hotels sind familiengeführt und verfügen über maximal fünf Etagen. Riesige Hotelbunker will man nicht. Die Fassaden sind mint, lila oder gelb gestrichen. Der Bonbonchic ist kein Zufall, sondern eine Vorgabe der Gemeinde. Die Hauptattraktion sind ohne Frage die endlosen Strände. Hunde sind in bestimmten Zonen ausdrücklich willkommen. Über achtzehn Kilometer schlängelt sich der Strand die Küste von Caorle entlang.

Weil das Wasser nur langsam tiefer wird, ist die Region bei Familien mit Kindern beliebt. Neben Rettungsschwimmern sorgen die Hunde der SICS für Sicherheit. In Caorle sind die tierischen Bademeister bereits seit 2008 im Einsatz. "Die ersten Jahre war es schwer, von Menschen akzeptiert zu werden. Die Leute haben nicht verstanden, was die Hunde am Strand zu suchen haben. Aber mit der Zeit wurden sie immer mehr geschätzt. In den letzten elf Jahren haben die Hunde 26 Menschen das Leben gerettet. Diejenigen, die gerettet wurden, vergessen die Hunde nicht, sie rufen an oder kommen vorbei und wollen wissen, wie es ihnen geht“, erzählt Alessandro Pace. Er ist Berufssoldat und mit seiner Labradorhündin Kira in seiner Freizeit am Meer im Einsatz.

Die kleine Rettungsstation der Vierbeiner befindet sich am äußeren Rand des Strandes, direkt neben der Lagune von Caorle. "Wir sind ganz bewusst an diesem Standort neben dem Kanal. Hier gibt es Strömungen, die für die Badegäste gefährlich werden können. Zwei Teams bleiben immer an der Rettungsstation, die anderen beiden Teams patrouillieren mit dem Boot auf dem Wasser“, erklärt Allessandro. Die Arbeit mit dem Hund ist seine Leidenschaft. Für die ehrenamtlichen Rettungsdienste verzichtet er komplett auf Urlaub und Zeit mit der Familie am Wochenende. "Ich liebe es, mit Kira zusammen etwas Gutes zu tun. Die Arbeit schweißt uns zusammen. Die Verbindung, die wir haben, kann man nicht in Worte fassen“, sagt er strahlend. Mit ihren 29 Kilo ist Kira ein Leichtgewicht in der Staffel. Trotzdem kann auch sie im Wasser mühelos bis zu dreihundert Kilo über mehrere Hundert Meter schleppen. Die fünfjährige Hündin hat schon mal jemandem das Leben gerettet. "Das war 2017. Ein Junge war sehr weit hinausgeschwommen, bestimmt fünfhundert Meter. Dann hat er Panik bekommen und konnte nicht weiterschwimmen. Kira und ich sind mit dem SUP hingepaddelt, ich habe den Jungen gesichert und Kira hat uns ans Ufer gebracht.“

Jeder Hund kann ein Wasserrettungshund werden

Labrador Retriever sind für die Arbeit im Wasser geboren. Ihren Schwanz benutzen sie wie ein Steuerruder. Dank der Schwimmhäute zwischen den Zehen sind die Hunde effektive und schnelle Schwimmer. Im Grunde kann aber jeder Hund ein Wasserrettungshund werden, wenn die Voraussetzungen stimmen: mindestens 25 bis 30 Kilo Gewicht, eine Leidenschaft für das Schwimmersein und vor allem bedingungsloser Gehorsam, selbst in gefährliche Situationen. "Die Beziehung zwischen uns und den Hunden ist das Wichtigste überhaupt“, betont Alessandro. "Wenn ich in Gefahr wäre, wäre Kira da. Bei der Arbeit mit den Rettungshunden zeigt sich immer wieder, dass ein Hund wirklich der beste Freund des Menschen ist. Kira hat einen besonderen Platz in meinem Herzen. Kira muss mir blind vertrauen und mir folgen. Auch wenn wir im Wasser sind und die Wellen einen Meter hoch sind, darf sie nicht zögern. Dazu braucht ein Hund Mut.“

Dass Kira ihm treu ergeben ist, hat sie erst die Woche zuvor gezeigt, als sie die Königsdisziplin der Wasserrettung absolviert hat, den Sprung aus dem Helikopter. Eine echte Mutprobe. Nur die besten Hunde gelangen so weit. Bei der anspruchsvollen Übung springt zuerst der Halter und dann der Hund in die aufgepeitschten Fluten. Alessandro erzählt stolz, dass Kira keine Sekunde lang gezögert hat, als sie aus gut drei Meter Höhe in das offene Meer sprang, während die Rotorblätter des Helikopters über ihrem Kopf brüllend durch die Luft schnitten.

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Nun soll das Kraftpaket am Strand zeigen, was es draufhat. Während der Neufundländer noch im Schatten entspannt, werden Kira und der American Staffordshire Shell für die nächste Trainingsübung fertig gemacht. Es ist wichtig, dass die Hunde jeden Tag trainieren, damit sie im Ernstfall routiniert eingreifen können. Als Shell und Kira ihre roten Schwimmwesten übergezogen haben, hat sich eine Menschentraube gesammelt. Viele möchten die Hunde streicheln und Fotos machen. Geduldig lassen die Rettungshunde die Aufmerksamkeit über sich ergehen. "Alle unsere Hunde sind sehr liebevoll und sozial“, sagt Carmen Fati. "Sonst funktioniert das nicht. Wir sind ein großes Team. Egal ob an Land oder im Wasser, die Hunde müssen kooperieren, auch miteinander.“ Für die Mechanikerin ist Shell der erste Rettungshund. Ein Jahr lang hat die Ausbildung gedauert. Am Ende absolvieren die Hunde eine Prüfung. Wer zögert oder Fehler macht, muss im nächsten Jahr wiederholen. Doch auch wer die Abschlussprüfung besteht, kann sich nicht auf dem Erfolg ausruhen. Um sicherzustellen, dass die ehrenamtlichen Retter ihr Engagement ernst nehmen und die Hunde voll einsatzfähig sind, muss die Prüfung jedes Jahr wiederholt werden.

Als die Hunde angezogen sind, kommt Stimmung in den Rettungstrupp. Die Hunde können es kaum erwarten, in das Wasser zu gehen. Die vermeintlichen Opfer haben sich knapp zweihundert Meter draußen im Meer in Position gebracht. Sie rudern mit den Armen und mimen Ertrinkende, das Startsignal. Alessandro und Carmen schnappen sich ihre Rettungsbojen und sprinten in das Wasser, dicht gefolgt von den Hunden. Terra Nova jault sehnsüchtig auf, als er seine Kollegen ins Meer laufen sieht. Er will auch. Nach wenigen Sekunden haben Alessandro und Carmen die "Unglücksstelle“ erreicht. Das letzte Stück haben sie sich von den Hunden ziehen lassen. Das spart Energie für die Rettung. Bei der Zielperson angekommen, bleiben die Hunde auf Abstand, bis die Situation unter Kontrolle ist. Erst dann begeben sich die Vierbeiner in Position, damit die Zweibeiner die Haltegriffe an der Weste ergreifen können. Während der Rettungsschwimmer den Kopf des Ertrinkenden über Wasser hält, zieht ihn der Hund an das Ufer. Nach erfolgreicher Mission hagelt es wieder Lob. Die Arbeit im Wasser macht den Hunden Spaß, das ist nicht zu übersehen.

Untertassengroße Pfoten

Shell ist aufgeregt, sie darf die Übung an der Seite von Golden Retriever Giotto wiederholen. Auch Terra Nova möchte wieder in das Meer. Ungeduldig bohrt er seine untertassengroßen Pfoten in den Sand.

Die großen Hunde sind geborene Rettungsschwimmer. Im Wasser strecken sie ihre Beine vor und holen aus, fast wie beim Brustschwimmen. Durch diese Technik bekommen sie enormen Vortrieb. Keine andere Rasse hat so viel Kraft und Ausdauer im Wasser. Ein menschlicher Rettungsschwimmer kann einen, maximal zwei Menschen im Wasser ziehen, ein Neufundländer schafft neun bis zwölf auf einmal und das über Kilometer, selbst bei Seegang. Es gibt Berichte, in denen einzelne Tiere sogar bis zu vierzig Personen an einem Seil hinter sich hergezogen haben. Boote können die Hunde mühelos abschleppen. Aber nicht nur ihre körperliche Kraft, auch ihr besonnenes Wesen und ihr Beschützerinstinkt machen die Hunde zu den perfekten Rettungshunden. "Noch musste Terra Nova kein Leben retten“, sagt Amadeo und blickt liebevoll auf den schwarzen Riesen an seiner Seite. "Aber wenn es soweit ist, ist er bereit.“

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