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"Helikoptereltern", "Latte-Macchiato-Muttis": Warum hacken alle immer auf den Eltern rum?

Die heutigen Kinder sind verwöhnt, süchtig nach Computerspielen, haben keine Manieren mehr, sind narzisstisch, verunsichert und unselbstständig. Schuld daran sind die Eltern - wer sonst?

Von Viktoria Meinholz

Eltern müssen sich für vieles rechtfertigen - auch dafür, dass ihr Kind nicht schläft

Eltern müssen sich für vieles rechtfertigen - auch dafür, dass ihr Kind nicht schläft

An denen, die sich heute noch trauen, eine Familie zu gründen, wird kein gutes Haar gelassen. Sie werden als Helikoptereltern belächelt oder als Latte-Macchiato-Muttis beschimpft. Die Stadt Frankfurt bittet sie mithilfe riesiger Plakate, nicht immer nur auf ihr Handy, sondern auch mal aufs Kind zu schauen. Und der stern mahnt, dass Kinder Grenzen brauchen - und Eltern nicht mehr bereit sind, diese zu setzen.

Warum wird so viel auf Eltern und Kindern rumgehackt? Eine neue Entwicklung ist das nicht. Die Jugend von heute war schon vor 50 Jahren die schlimmste aller Zeiten und auch in der Kindererziehung war früher alles besser. Doch es hat sich etwas verändert: Wie Familien zusammenleben, wie Eltern die Betreuung der Kinder organisieren, das entscheidet 2015 jede Familie selbst. Es gibt nicht mehr nur das traditionelle Modell Papa arbeitet und Mama übernimmt die Erziehung, wie es vor gar nicht allzu langer Zeit in Deutschland gang und gäbe war. Es gibt die unterschiedlichsten Familienkonstellationen - und auch die unterschiedlichsten Erziehungsstile und Wege, wie Familie gelebt wird.

Angst vor der eigenen Entscheidung

Hat man sich erst einmal für eine Erziehungsform entschieden, steht man plötzlich unter Rechtfertigungszwang: Warum schläft das Kind im Ehebett? Wieso geht die Tochter auf diese Grundschule? Und wäre es nicht besser, das Baby auch mal schreien zu lassen? Durch die Entscheidung für das eine (zum Beispiel das Familienbett) wird die andere Möglichkeit (eigenes Kinderbett) abgewertet. Menschen mit einer anderen Meinung sind eine Bedrohung für die eigene Sichtweise - und werden deswegen attackiert.

Ist man sich in einer Entscheidung unsicher ("Ich habe Angst, dass mein Eheleben im Familienbett leidet"), reagiert man umso empfindlicher auf Kritik von außen. Es wird zurückgeschossen ("Wer sein Kind nachts ins eigene Bett abschiebt, gefährdet das Urvertrauen in die Eltern").

Familienleben als soziologisches Experiment

Nett ist das nicht - aber psychologisch nachvollziehbar. Durch den Wegfall alter Familienstrukturen ist ein Vakuum entstanden, das noch nicht wieder gefüllt wurde. Die verschiedenen Möglichkeiten werden von der Gesellschaft genau beobachtet - und bewertet. Familienleben als soziologisches Experiment sozusagen. Was hat Erfolg, was setzt sich durch? Bei Autositzen ist das noch einfach zu beantworten. Aber jede Familie ist anders und hat ihre eigenen Bedürfnisse. Ein Erziehungsmodell, auf das sich alle einigen, wird nicht zu finden sein. Aber vielleicht können alle mit diesem Grundsatz leben: Hört auf euer Bauchgefühl - und lasst Eltern einfach Eltern sein.

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