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Hells "Angel" Schnipo Schranke: Nur einmal nicht für "Germany" beim ESC schämen müssen – so geht’s!

In ihrer Kolumne "Hells 'Angel'" knöpft sich Henriette Hell jede Woche einen Menschen vor, der in ihren Augen in puncto Liebe und Sex alles richtig macht. Oder alles falsch. Diesmal sind es gleich zwei: die Mädchenband Schnipo Schranke.

Von Henriette Hell

Die Sängerinnen sitzen auf einem Plastikschwan auf der Alster

Schipo Schranke beim ESC, das wär mal was!

Der Grand Prix naht. Die Sache mit Xavier Naidoo hat sich erledigt. Reden wir nicht mehr drüber. Viel wichtiger ist jetzt: Wer fährt stattdessen hin und blamiert uns zur Abwechslung mal nicht vor 200 Millionen TV-Zuschauern weltweit? Was ich sagen will: Schicken wir doch einfach zum ersten Mal in der Geschichte des Grand Prix jemand wirklich Coolen zu diesem bekloppten Gesangswettbewerb. Na, was sagt ihr? Klingt verrückt, ich weiß, könnte man aber doch mal probieren.

Vorschläge habe ich auch schon ausgearbeitet. Musiker, die "voll auf die Fresse" sind. Die was zu sagen haben. Echt. Authentisch. Nah. Dreckig. Die mit ihren Songs innerhalb von drei Minuten Geschlechterstereotype in die Luft sprengen. Die gesellschaftliche Rollenverteilungen, Identitäten und Vorurteile wegballern. So wie es die Hamburger Hip-Hop-Chanson-Mädchenband Schnipo Schranke mit Texten wie diesen hier tut:
"Ich bin auch nur ein Mädchen, wenn auch unrasiert. Brauche Liebe, brauche Halt und einen, der mich knallt" oder "Komm in meine Arme / komm in meinem Mund / Nimm mich an die Hand / Nimm mich an der Wand".

Klug mit Tabus spielen

Zu dumm, dass die in Aserbaidschan und Co. erstmal nichts davon verstehen würden. Die reinste Verschwendung, denn Daniela Reis und Fritzi Ernst – zwei ehemalige Studentinnen der klassischen Musik – lieben es, Tabuthemen à la "Feuchtgebiete" wie Spermageschmack, Schamhaare, Sexfantasien mit Harry Potter und so weiter auf kluge und selbstironische Art zu besingen. Ja, auch Mädchen reden über sowas. Und zwar mit Vergnügen! Deshalb haben Schnipo Schranke mit ihrer Musik auch einen Nerv getroffen (wem gelingt das schon noch?!): Sie feiern das Peinliche. Ähnlich wie Deichkind, bloß, dass es bei ihnen hauptsächlich um Sex und gescheiterte Beziehungen geht. "Du hast mir gezeigt, dass es egal ist, wenn man liebt / schmeckt der Kopf nach Füße und der Genitalbereich nach Pisse“, singen sie. Oder: "Ich bin in dich verliebt, obwohl du echt voll beschissen aussiehst". Ja, ja – auch über sowas muss mal gesungen werden. Dringend.

Fraktus, Kassierer oder doch Xavier?

Die Folge? Gegen Schnipo Schranke wirken so verspannte Modepüppchen wie Lena Meyer-Landwurst oder Sarah Connor plötzlich dermaßen von vorvorgestern, dass der NDR eigentlich gar keine andere Wahl hat, als die Hamburgerinnen zum ESC zu schicken. Also, Leute, tut es doch einfach! 

Alternativ könntet ihr sonst auch noch die drei Bigstyler von Fraktus auf Knien anflehen, sich zu opfern – für einen "psychotischen Farbtupfer im globalen Musik-Schrott". Aber die Techno-Pioniere haben garantiert keinen Bock. Hätte ich auch nicht. Und Schnipo Schranke schon gar nicht, nehme ich mal an. Und das ist auch gut so – sonst wären sie ja plötzlich uncool. Deshalb ziehe ich an dieser Stelle meine Forderung wieder zurück und rate dem NDR mit letzter Kraft: Geht entweder auf das Angebot der Kassierer ein (unterhaltsam würde es mit den dickbäuchigen Punkrockern allemal) oder entschuldigt euch ganz lieb beim Xavier. Einer muss es ja machen.  

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