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Interview

Graphic Novel "Madgermanes": Mosambikaner – um ihr Geld, manche sogar um ihr Leben betrogen

Als schwarzer Afrikaner Ende der 1970er in die DDR zu kommen, war für die mosambikanischen Vertragsarbeiter eine unvergleichliche Erfahrung. Manche integrierten sich und blieben, andere hassen die Deutschen bis heute. 

Sie sollten geschult werden und ihrem Land den Sozialismus beibringen: mosambikanische Vertragsarbeiter, die ab 1979 in die DDR kamen. Doch der idealistische Plan gestaltete sich in der Realität ganz anders.

Sie sollten geschult werden und ihrem Land den Sozialismus beibringen: mosambikanische Vertragsarbeiter, die ab 1979 in die DDR kamen. Doch der idealistische Plan gestaltete sich in der Realität ganz anders.

Wenn Comics einen Beitrag zum Geschichtsunterricht leisten dürften, dann sollte diese Graphic Novel von Birgit Weyhe unbedingt dazugehören: "Madgermanes". Die Autorin und Illustratorin erzählt von sogenannten Vertragsarbeitern, die das afrikanische Land Mosambik Ende der 1970er Jahre an die DDR verliehen hat. Rund 20.000 Menschen, zum größten Teil Männer. Doch wie kam es dazu? "Als Mosambik 1975 unabhängig geworden ist, gab es ein relativ schlechtes Bildungsniveau im Land. Die portugiesischen Kolonnialherren hatten keinen Wert darauf gelegt, eine afrikanische Bildungselite zu schaffen", antwortet Birgit Weyhe. "Deswegen war es eine gute Idee, Ausbildungen für die jungen Erwachsenen in sozialistischen Bruderstaaten zu schaffen und unter anderem war die DDR Kooperationspartner. Die ursprüngliche Idee war, dass die Mosambikaner erst Deutsch lernen, dann eine Ausbildung erhalten, als Maurer, Lehrer et cetera, und dann arbeiten. Anschließend sollten sie mit ihrem Wissen wieder zurückkehren und das sozialistische Mosambik aufbauen." 

In der Praxis entpuppte sich diese Theorie jedoch als Illusion: Junge Leute mit Volksschulabschluss, die also lesen, schreiben und rechnen konnten, wurden angeworben. Nach ihrer Ankunft in der DDR und einem dreimonatigen Deutschkurs sind sie in Betriebe verteilt worden. "Die ersten zwei Durchgänge haben noch eine richtige Ausbildung erhalten, die anderen sind oft einfach in Fabriken ans Band gestellt worden oder in den Kohleabbau, Straßenbau, an Häfen, je nachdem, wo Bedarf war", so Weyhe. Ob sie die erlernte Tätigkeit in ihrem Land später brauchen konnten, spielte keine Rolle mehr. 

"Sie mussten vier Jahre lang arbeiten, über den Zeitraum gingen die Verträge, dann sollten sie zurückgeschickt werden." Doch relativ schnell wurde klar, dass das zu aufwendig war, denn es dauerte eine Weile, bis sich die Arbeiter daran gewöhnt hatten wie Deutschland tickt. Was ein Winter ist, wie Pünktlichkeit funktioniert und welche kulturellen Codes es gibt. "Also durften sie verlängern und sind nur zurückgeschickt worden, wenn sie Randale gemacht oder nicht ordentlich genug gearbeitet haben", erzählt Weyhe. In den 1980er Jahren hatte sich der Bürgerkrieg in Mosambik extrem radikalisiert, dadurch war es für viele Männer keine Option, nach Hause zurückzukehren. Sie wären sofort eingezogen worden.

Was ist Heimat?

Was ein Schneemann ist, muss "Toni" erst lernen

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Birgit Weyhe hat in Mosambik viele Gespräche mit ehemaligen Vertragsarbeitern geführt und aus all den Interviews drei fiktive Protagonisten geschaffen, zwei Männer und eine Frau, anhand derer sie die Schicksale schildert. Über allem stand für sie auch die Frage: Was ist Heimat? Selbst in München geboren, aber in Uganda aufgewachsen, kann sie gut nachempfinden, was es bedeutet, anders als die anderen zu sein. "Meine Mutter hat mich dort in den Kindergarten gegeben, was mir die erfreuliche Erfahrung eingebracht hat, ohne Sprache als einziges weißes Kind in einen schwarzen Kindergarten zu kommen. In einen ugandischen, der sehr streng war", erinnert sie sich. "Ich hatte aber immer noch die Bindung an München, weil mein Vater dort gelebt hat. Deswegen bin ich alle Jubeljahre mal dorthin geflogen und habe ihn und auch meine Oma, seine Mutter, besucht."

Die Madgermanes hadern mit ihrem Schicksal bis heute

Den Namen Madgermanes erklärt Birgit Weyhe so: "Einmal sind sie wütend auf die Deutschen – mad on Germanes –, aber auch Made in Germany. Ursprünglich kommt es aus dem Changana, das ist der Dialekt, der auch in Mosambiks Hauptstadt Maputo gesprochen wird. Es bedeutet "Die, die aus Deutschland zurückgekommen sind".

Weyhe war mehrmals vor Ort. "Ich fand es sehr tragisch, in Maputo zu sehen, was sich da an Wut und Bitterkeit aufgestaut hat und wie sehr sich die Madgermanes dadurch im Kreise drehen." Noch heute treffen sie sich jeden Mittwoch in Maputo und demonstrieren., denn einen Teil ihres Lohnes hätten die Vertragsarbeiter bei ihrer Rückkehr nach Mosambik erhalten sollen. Doch was die DDR dorthin überwiesen hatte, haben sie nie bekommen. "Manche, mit denen ich gesprochen habe, meinten, das sei so eine Art moderner Sklavenhandel gewesen", berichtet Weyhe. "Sie sind auf eine traurige Weise steckengeblieben in diesem Protest. Sie konnten sich dadurch nicht auf eine Zukunft konzentrieren, sondern verharren in ihrer Wut – was ich zwar verstehen kann, womit sie sich aber auch selber verbaut haben, wieder anzukommen in ihrer Heimat."

Andere Rückkehrer erinnern sich an die Zeit in Deutschland als die beste ihres Lebens. Sie waren damals jung und haben auch schöne Erfahrungen gemacht, zum Beispiel auch Freundschaften zu Deutschen geschlossen. "Zudem hat Mosambik noch mit ganz fundamental rudimentären Problemen zu kämpfen wie Bildung, Krankenversorgung, Strom, Wasser, das sind alles keine Selbstverständlichkeiten. Insofern schimmert natürlich die DDR auf einmal golden und nicht irgendwie grau", sagt Weyhe. "Und, was ich jetzt auch erst gelernt habe: Der Rassismus, den die Mosambikaner von ihren Kolonialherren erfahren hatten, den diese Generation noch absolut intus hat, war ganz extrem. Mosambik hat ein Zwangsarbeitersystem gehabt, die schwarzen afrikanischen Mosambikaner mussten sich registrieren lassen, jeder musste Dienst an der Nation leisten, unter recht unerfreulichen Bedingungen. Das gab es so in der DDR nicht, sie sind als Kollegen gekommen." Manche Mosambikaner sind deshalb in der DDR geblieben, sie leben bis heute in Deutschland und fahren nur nach Mosambik, um ihre Familie zu besuchen. 

Nach der Wende

Plötzlich brennen die Wohnheime und Neonazis marschieren gegen Ausländer 

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Die meisten Mosambikaner allerdings wussten nicht, dass sie nach der Wende bleiben können. "Es gab, genau wie bei den vietnamesischen Vertragsarbeitern und anderen, die Möglichkeit, den DDR-Vertragsarbeiterstatus mit rüberzunehmen in die BRD und dort umwandeln zu lassen. Man konnte sich auszahlen lassen oder bleiben, für Letzteres musste man nachweisen, dass man einen Job hat. Das ist aber bei den Behörden überhaupt nicht kommuniziert worden. Deswegen haben die meisten diese, ich glaube, es waren 3000 Mark, bekommen und konnten ihren Container packen und gehen."

Deutsche Historie, die so spannend ist, dass sie eine große Bereicherung für den Geschichtsunterricht wäre. Birgit Weyhe hat für diese Arbeit den Max & Moritz Preis 2016 als bester deutschsprachiger Comic erhalten. 


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