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Graphic Novel "Rohrkrepierer": Wie Kalle damals auf St. Pauli groß wurde

Kalle wächst mitten im Milieu auf, im Hamburger Stadtteil St. Pauli, in der Nachkriegszeit. Sein Vater ist vom Krieg traumatisiert, als es ihm besser geht, fährt er zur See. Währenddessen wird Kalle langsam erwachsen – und entdeckt die Mädchen.

Von Susanne Baller

Rohrkrepierer sind eigentlich Geschosse, die schon im Geschütz hochgehen. Murksi, ein brutaler Bursche aus Kalles Nachbarschaft, nennt so die Ratten, die er mithilfe eines Rohres fängt – um sie anschließend umzubringen.

Rohrkrepierer sind eigentlich Geschosse, die schon im Geschütz hochgehen. Murksi, ein brutaler Bursche aus Kalles Nachbarschaft, nennt so die Ratten, die er mithilfe eines Rohres fängt – um sie anschließend umzubringen.

Um es gleich vorwegzunehmen: "Rohrkrepierer" erzählt die Geschichte eines Jungen, doch deswegen unterhält sie nicht nur Männer. Sie spielt auf St. Pauli, ist aber nicht nur für Hamburger spannend. Sie handelt von der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, das heißt aber nicht, dass sie nur für alte Menschen interessant ist. "Rohrkrepierer" ist eine Graphic Novel, doch muss man kein Comic-Nerd sein, um dieses Bilderbuch zu lieben.

Drei Jahre lang hat Isabel Kreitz daran gearbeitet, den gleichnamigen autobiografischen Roman von Konrad Lorenz (nein, nicht der mit den Enten) in eine illustrierte Geschichte zu verwandeln. Kreitz hat alte Fotos gesichtet, die Gesichter, die Haltung und die Kleidung in der Nachkriegszeit studiert. Den Zustand der Häuser, die Namen der Straßen, die Details des Hafens. Alles, was sie an Optik brauchte, hat sie zusammengesucht, denn für den Rest hatte sie Lorenz' Buch, in dem der Autor auf eindrückliche und sehr unterhaltsame Weise beschreibt, wie es war, damals mitten im Rotlichtviertel aufzuwachsen. Was die Kinder gespielt, gesammelt, gesucht und gefunden haben. Mit welchen täglichen Sorgen sie sich plagten, in jener Zeit, als die meisten Menschen kaum Geld und nur wenig zu essen zur Verfügung hatten. Und sie hatte Konrad Lorenz, der auf alle offenen Fragen der Zeichnerin eine Antwort hatte.

Von Kalle zu Konrad

Zu der Lesung in der St. Pauli Kirche in Hamburg war im Oktober ein sehr gemischtes Publikum erschienen. Jung und Alt studierten die Ausdrucke, die vergrößerte Panel zeigten, also Einzelbilder aus der Graphic Novel. Die meisten Anwesenden erkannten die Ecken, die es heute noch gibt, und erfreuten sich daran, viele leben selbst ganz in der Nähe. Comics in der Kirche vorlesen, wie soll das gehen? Mit Beamer und dem Protagonisten Kalle, Konrad Lorenz himself. Zu herrlich klang es, wie er im breitesten Hamburgisch aus seiner eigenen Kindheit las. Oder erzählte, wie er als Kind unter dem Vorwand, seinen Vater zu suchen, in Kneipen ging. Tatsächlich aber hoffte er, ein paar Blicke auf die Damen zu erhaschen, die sich dort vor dem nächsten Gang auf den Bordstein aufwärmten. Zuhörer und Zuschauer waren hingerissen von dem Duo: der muntere, aufgeschlossene Lorenz und die zarte, ein wenig schüchtern wirkende Kreitz. 

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St. Pauli gestern und heute

Auf St. Pauli zu leben, war damals ein Abenteuer. Es galten immer schon andere Moralvorstellungen in dem Viertel, in das die Seeleute einkehrten, wenn sie nach langen Reisen Lust auf ein Mädchen hatten – und auf große Mengen Bier. Dennoch war es auch ein bisschen spießig zu jener Zeit, denn was Erwachsenen erlaubt war, durften Jugendliche noch lange nicht. Zutritt zu Kneipen oder ein Zimmer im Hotel waren legal nicht drin, also musste man kreativ werden – und zum Beispiel "achtern Diek" ausweichen, hintern Deich nach Altenwerder.

Die Probleme der Nachkriegszeit waren dieselben wie überall: abwesende oder traumatisiert zurückgekehrte Väter und überlastete Mütter, die durch Strenge versuchten, ihrem Alltag Sicherheit zu geben. Kinder, die sich oft selbst überlassen und dadurch diversen Gefahren ausgesetzt waren.

Bestes Geschenk

"Das war das beste Geschenk, das ich meinem Vater je gemacht habe", erzählt meine Kollegin  begeistert. "Er hat meine Mutter gebeten, ihm ein Lesezeichen zu besorgen, damit er weiß, wo er ist, falls ihn jemand bei der Lektüre stört." Sophie war auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk, als sie "Rohrkrepierer" in der Redaktion entdeckte. Sie hat sich von unserer Schwärmerei anstecken lassen und das Buch für ihren Vater gekauft. Von älteren Herren bekommt es also auf jeden Fall ein "Gefällt mir".

Für uns hat Isabel Kreitz ihren Protagonisten Kalle stern-lesend aufs Klo gesetzt. ♥ 

Ein von @susba gepostetes Foto am



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