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Heizkosten-Explosion Selbstexperiment: Wie übersteht man kalte Tage ohne Heizung?

Eine Frau, eingemummelt in eine dicke Decke
Wir wertschätzen die Erfindung von Decken nicht genug
© Julia Gerasina / Getty Images
Muss man jetzt schon heizen? Unsere Autorin glaubt: Nein. Sie möchte das Einschalten der Heizung in diesem Jahr so lange wie möglich herauszögern – aus bekannten Gründen. Ein Erfahrungsbericht.

Also, haben wir nicht all die vergangenen Winter immer wieder gesagt, dass das ja gar keine "richtigen" Winter mehr wären? Kaum Schnee, kaum Eis, so mild, undsoweiter? Dann kann es ja nicht so schwer sein, ein Jahr lang mal nicht die Heizung anzuwerfen – eigentlich. Oder? Angesichts der horrenden Energiepreise derzeit haben mein Mann und ich uns überlegt, dass wir das zumindest eine Saison lang gern so lange wie möglich herauszögern würden. Schließlich leben wir hier nicht in Sibirien, sondern in einer modernen Großstadtwohnung. Und mit ein paar Tricks hält man doch sicher eine Weile durch?

Nun gut, noch haben wir Anfang Oktober. Man könnte das mit etwas gutem Willen noch als Spätsommer bezeichnen, an den besseren Tagen hat es in Hamburg noch bis zu 18 Grad. An den schlechteren bekommt man schon ein Gefühl für tiefsten, trübkalten Herbst. Und da merke ich es zum ersten Mal: Was man mit laufender Heizung nicht hat, ist dieses fiese, klamme Gefühl in der Luft. Das sorgt nicht direkt für Frostbeulen, aber es ist unangenehm. Das Gegenteil von gemütlich.

Ohne Heizung durch den Winter?

Schnell bekomme ich das Bedürfnis, überall Kerzen anzuzünden. Einerseits, um den Gemütlichkeitsfaktor zu erhöhen, andererseits, weil der Anblick der kleinen Flämmchen dem instinktgesteuerten Neandertaler in mir das gute Gefühl gibt, neben einer Wärmequelle zu sitzen. Okay, vielleicht spielt da auch rein, dass ich grundsätzlich im Herbst zum Kerzenfan mutiere und schon zu oft den nahegelegenen Ikea mit einem Kilopaket Duftkerzen verlassen habe, die ich jetzt nicht zwingend gebraucht hätte. Ein kleines bisschen, wenn auch nur fürs Gefühl, hilft das.

Der zweite Trick, auf den ich schnell zurückgreifen musste, war – huch, das kommt jetzt überraschend – mehr Kleidung. Sie müssen allerdings wissen, dass Sie es hier mit jemandem zu tun haben, der seit jeher von seinen Eltern mit dem aus schönstem niedersächsischen Platt entlehnten Begriff "Frösteköttel" bezeichnet wird. Und das völlig zu recht. Während mein Mann im T-Shirt auf der Couch sitzt, habe ich längst die warme Sofadecke aus dem Schrank geholt und plane, mehr Thermo-Leggings zu kaufen.

Kinder, haltet eure Füße warm!

Jeder hat ja einen Körperteil, der ihm zuerst friert. Und der, sobald er kalt wird, für ganzkörperliches Frösteln und Unbehagen sorgt. Bei mir sind das die Füße. Alles an mir kann wohlig warm sein – sobald die Füße frieren, schlottere ich und sage so etwas wie: "Brrr brrr." Das hat tatsächlich physiologische Gründe: Einerseits sind dem Körper die Füße nicht so wichtig wie etwa Herz oder Leber, deshalb gibt er sich weniger Mühe mit der Durchblutung. Andererseits haben kalte Füße tatsächlich Einfluss aufs Immunsystem, und wer sie brav warmhält, bleibt länger gesund. Das muss man mir nicht zwei Mal sagen: Die dicken Wollsocken sind längst im Dauereinsatz.

Allerdings sind warme Socken allein nicht das Nonplusultra – denn wie beim Kleiden fürs Trekking gilt hier das Zwiebelprinzip. Um fröstelige Füße optimal zu isolieren, braucht es zwei paar Socken. Ein dünnes und ein dickes Paar haben sich da bei mir prima bewährt. Und in der Wohnung sind auch sexy Birkenstock-Schlappen im Einsatz, um Fuß-Boden-Kontakt möglichst zu reduzieren. Vielleicht optisch kein Highlight, dennoch eine herzhafte Empfehlung. Was Sie als Heizskeptiker zudem auf jeden Fall besitzen sollten, sind mindestens zwei warme, flauschige und lange(!) Strickjacken, die gemütlich sitzen. Die kann man sich nach Bedarf an- oder wieder abstreifen.

Decken, Socken, Katzen

Decken jeder Art sind auch eine super Sache. Im Bett sorgt eine dünnere Sofadecke unter der normalen Bettdecke für Extra-Wärme (siehe Socken-Prinzip weiter oben) und wer keine Angst vor Kabelbrand (und keinen unnötigen Stolz) hat, kann mit einer elektrischen Heizdecke noch weiter aufrüsten. In unserem Fall kann ich einen leicht übergewichtigen Kater wärmstens (haha!) empfehlen, denn mangels eingeschalteter Fußbodenheizung sind die anwesenden Menschen plötzlich die wärmsten Objekte in greifbarer Nähe, weshalb das Tier vorwiegend auf selbigen herumliegt und man sich so, Win-Win-Situation, gegenseitig Wärme abgibt.

Ansonsten muss gelegentlich ein bisschen anderweitiger Stromverbrauch die eingesparte Heizenergie ausgleichen: Der Wasserkocher, zum Beispiel. Der ist hier häufig im Einsatz, sowohl für heißen Tee als auch für die nächste Füllung der Wärmflasche, die ich bei Bedarf den ganzen Tag mit mir herumtrage. Und auch eine richtig schöne, heiße Dusche am Abend muss drin sein, wenn man ansonsten schon so tapfer ist. Und während ich "tapfer" schreibe, schaue ich aus dem Fenster auf diesen schönen, 18 Grad warmen Herbsttag mit Sonnenschein und fühle mich ein wenig albern. Noch ist kein echter Winter. Ob wir bei Minusgraden durchhalten – keine Ahnung.

Aber im Normalfall hätten wir die Heizung längst an, ohne groß drüber nachzudenken. Es ist ein ganz gutes Gefühl, dass es bisher auch ohne geht. Nicht nur wegen unseres besorgten Geldbeutels – auch wegen der Umwelt. Andererseits haben viele Menschen in Deutschland gerade gar nicht die Option, doch noch bei Bedarf am Temperaturregler zu drehen – das Geld reicht einfach nicht. Für viele ist das kein interessantes Experiment, sondern bitterer Alltag, selbst bei Familien mit Kindern. Und das ist das Gegenteil eines guten Gefühls. Und warme Gedanken schicken, das ist in diesem Fall einfach nicht genug.

Da ich aber nicht Olaf Scholz bin, sondern bloß eine Hamburgerin mit kalten Füßen, hier noch einmal zusammengefasst meine Tipps zum herausgezögerten Heizen:

  • Wärmt stets den Körperteil, der euch üblicherweise zuerst friert
  • Zwei Schichten sind besser als eine – besonders bei Socken
  • viel heißen Tee (oder Kaffee, oder Kakao)
  • brennende Kerzen wärmen zumindest das Gemüt
  • Wärmflaschen sind eine tolle Sache, nutzt sie!
  • Decken, überall Decken
  • besitzt eine lange, warme, gemütliche Strickjacke
  • Hausschuhe sind nicht sexy, aber praktisch
  • heiße Duschen sind erlaubt, wenn ihr schon ansonsten Energie spart

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