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Bayern-Reihe

Bei Herrmanns dahoam: Is wirklich schön hier! Was in Bayern geschieht – auch wenn man es kaum glauben kann

Für den stern erzählt Autorin Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" so zugeht. In dieser Folge geht es ans Eingemachte: im einzig wahren Bayern leben.

Frauen in Trachten, die unglücklich gucken

Der Leonhardiritt in Bad Tölz – eine der schönen bayerischen Traditionen, an denen alle Spaß haben!

Getty Images

Das Dörfchen, in dem ich wohne, ist noch typisch ursprünglich bayerisch. Zehn Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt. München ist für uns das Schicki-micki-humba-humba-tätärä-Pseudo-Bayern. Mit uns hat das nichts zu tun. fängt frühestens bei Wolfratshausen an, das ist da, wo der Stoiber herkommt.

Is wirklich schön hier!

Da geht's nämlich noch brav und sittsam zu – wia imma scho! Bei uns wird nichts geändert, alles wird über Generationen gleich gemacht. Da gibt’s noch Trachtenumzüge, Gebirgschützenfeste und wenn jemand heiratet, wird der Bräutigam vom Burschenverein morgens um vier Uhr mittels unterschiedlicher Schützengewehre "wachgeschossen". Das übrige Dorf auch, aber das tut nichts zur Sache.

Beim Metzger wird das begleitende Kind nicht gefragt, ob es eine will, sondern nur: "Wiener oder Gelbwurst?", weil eh klar ist, dass es eine Wurst bekommt. Im Antwortfall A wird die größte Wiener rausgesucht, die in der Auslage liegt, bei Antwort B eine drei Zentimeter dicke Scheibe Gelbwurst abgeschnitten. Egal wie oft man dort einkauft. Manchmal legt einem die Metzgersfrau eine Cabanossi, Jagdwurst oder ein paar Weißwürste kostenlos bei und sagt sowas wie: "Für 'n Mann / Opa / Schwiegerpapa. Der gfreit sich!"

Wenn bei uns einer umzieht, braucht der sich nicht bei einen Anhänger zu leihen, weil von den zehn angrenzenden Nachbarn acht einen Anhänger haben, der problemlos ausgeliehen werden kann – samt tatkräftiger Unterstützung vom Nachbarn.

Da wir direkt neben dem Skiberg wohnen, haben wir alle zwischen drei und vier Paar Ski im Schuppen oder Keller. Riesenslalom-Carver, Tiefschneeski, die vom letzten Jahr und Tourenski. Bei vier Personen macht das also um die 14 Paar Ski! Ganz normal bei uns.

Parallel dazu haben wir Mädels mindestens drei Dirndl. Ein Waschdirndl, ein Festtagsdirndl und das alte, das aber noch zu gut ist, um es wegzugeben. Unter 30 hat man zusätzlich noch ein kurzes Dirndl.

Porträt Claudia Herrmann

Claudia Herrmann sagt über sich selbst: "Ich bin nicht die beste Mutter und auch nicht die beste Ehefrau. Und ganz sicher nicht die beste Tochter. Perfektion können andere – ich nicht. Ich habe irgendwann beschlossen, dass mir das egal ist. Das klappt am besten mit einer Riesenportion Selbstironie."

Bei manchen ist der Mercedes das Statussymbol, bei uns ist das die Schneefräse. Jemand, der was auf sich hält, hat eine Schneefräse. Dementsprechend hat fast jeder eine. Jeder fräst also die sechs Meter Gehweg vor seinem Haus, trifft sich am Scheitelpunkt mit dem Nachbarn, der auch fräst, hält ein kurzes Schwätzchen und kehrt wieder um. Dass man die sechs Meter auch locker schippen könnte, spielt keine Rolle. Es geht ums Prinzip.

Eine Bekannte hat mir neulich erzählt, dass sie in München wohnt und sechs Kilometer einfach mit dem Rad in die Arbeit fährt. Sechs Kilometer! Ich mein, ich bin auch sportlich! Aber vor und nach der Arbeit ist das doch echt unpraktisch. Bei Regen und allem. Wir fahren hier jeden Weg mit dem , weil das so unkompliziert ist! Man kann IMMER direkt vor dem Geschäft parken. Frei nach dem Motto "Ist da Weg länger wia da Karrn, werd gfahrn!" Übersetzt heißt das ungefähr: "Ist die zurückzulegende Strecke länger als die maximale Länge des Fahrzeugs, so ist dieses auch zu benutzen!"

Is wirklich schön hier!

Für Menschen, die nicht hier geboren sind, sind manche Sachen vielleicht etwas komisch. Es kann zum Beispiel mitunter sein, dass, wenn Sie nach einem Brötchen verlangen, nicht bedient werden. Sie dürfen sich auch nicht wundern, wenn Sie sofort gedutzt werden. Wir sietzen hier nur die Leute, die wir nicht mögen. Wenn jemand den Dialekt und die heimlichen Botschaften darin nicht versteht, kann es auch mal schwierig werden.

Ein Beispiel: "A so a Hund!" kann zwei völlig unterschiedliche Botschaften beinhalten!

Variante 1: "A so a Hund. Der hod mi beim Schafkopfen bschissen!" Der Person in diesem Sachverhalt wird der Betrug beim Kartenspielen vorgeworfen und deshalb verbal das größtmögliche Maß an Missbilligung kundgetan.

Ganz anders bei Variante 2: "A so a Hund! Hat der den Bauplan bei da Gemeinde durchbracht!" Hier ist die Situation ganz anders. Der Person wird höchster Respekt gezollt – aufgrund seiner Fähigkeit, den schwierigen Bauplan von der Gemeinde genehmigt zu bekommen. Ist nicht ganz leicht, solche Nuancen in der Betonung zu erklären.

Man darf hier als Frau auch nicht zu sehr Emanze sein. Wenn etwa der Handwerker kommt und als Erstes fragt: "Is da Häuptling a do?", hat das nichts mit Ihnen als Person zu tun. Es liegt einfach daran, dass Sie eine Frau sind, Ihnen der Handwerker nicht die nötigen Kompetenzen zuschreibt und er grundsätzlich lieber mit Ihrem Mann reden würde.

Mit besagtem Handwerker gibt es dann gewisse Umgangsregeln, sonst kommt der nie wieder. Am Vormittag wird Kaffee, Wasser und eine Brotzeit angeboten sowie die Möglichkeit, am gemeinsamen Mittagessen teilzunehmen. Ist der Handwerker am Nachmittag da, wird ab 14.30 Uhr Kuchen und Kaffee angeboten mit der Option, beim Abendessen teilzunehmen – bei dem extra etwas Warmes wie Leberkas, Gröstl oder Fleischpflanzerl gekocht wird. Ab 15 Uhr wird besagter Handwerker gefragt, ob er ein will. Aber nicht irgendein Bier! Früher war bei den Handwerkern Hacker Edelstoff die favorisierte Sorte. Heute wird nur noch Tegernseer oder maximal Chiemseer Helles akzeptiert. Falls der Handwerker nach dem Essen sagt: "Des war aber fett!", ist dies keine Kritik an Ihrer Kochkunst, sondern die förmliche Frage nach einem Schnaps. Haben Sie nicht die richtige Biersorte im Haus, wird der Handwerker nicht wiederkommen. Dafür sind die auch sehr ordentlich, die putzen allen Dreck weg, den die gemacht haben und beschädigen nichts. Sie brauchen sich also nur adäquat um Essen und Trinken bemühen, dann ist alles in Butter!

Is wirklich schön hier!

Bis auf ein paar Kleinigkeiten.

Na ja, wenn man hier Kinder hat, ist das manchmal auch ein bisschen schwierig, die korrekt zu erziehen. Wenn der eigene Sohnemann den Kioskbesitzer um die Ecke beim Vornamen kennt, heißt das nicht, dass der Bub so rasend sympathisch / intelligent / charmant auf eben jenen wirkt, sondern dass der ihm, und allen andern Jugendlichen im Dorf, Zigaretten verkauft, obwohl die unter 16 sind.

Überhaupt wird hier mit sowas wirklich locker umgegangen. Bei jedem Kirtag, Schützenvereinfest, Gautag, Trachtenvereinjubiliäum, Volksfest und im Fasching sitzen da 15-Jährige und trinken ihr Bier! Neben ihren Eltern! Das Jugendschutzgesetz zum Thema Alkohol ist bei uns nicht angekommen. Ich hab noch nie gesehen, dass hier im Dorf im Festzelt der Ausweis verlangt wurde. Wenn man dann die Eltern diesbezüglich anspricht, bekommt mal als Antwort: "Wieso? Des ist doch bloß a Biar!"

In einer Münchner Schule war das Abi-Motto: "KohlrABI – macht Euch vom Acker!" Bei der Kleinstadt zehn Kilometer nördlich von uns war das diesjährige Abiball-Motto: "Caribian Dream". Bei uns war das Motto: "15 Hoibe statt 15 Punkte!" Nur mal so zum Vergleich.

Die Mathe-Lehrerin rügt bei der vergessenen Hausaufgabe: "Des gibt an ganz großen schwarzen Fleck auf deiner weißen Seele, Bua!" Oder beim Schüler, schimpfen in der schlimmsten Form: "Bazi aber auch!" (zusammengesprochen). Ich bin mir nicht ganz sicher, wie hoch das Niveau hier ist, im Vergleich zu anderen Schulen ...

Letztens waren Chris und Niko zu Besuch bei unserem Maxi. Chris frägt Niko: "Warst du letzen Samstag auch auf der Party? Oida, die war so geil. Host echt was verpasst!" Daraufhin Niko recht trocken: "I war a do! I war der, demst auf die Schuah kotzt hast!"

"Oida!" ist die Standardanrede der unter 25-Jährigen.

Is wirklich schön hier!

Bis auf das, was Mist ist.

Zum Beispiel Allerheiligen. Gott, wie mich das nervt! Da müssen alle zum Grab rennen und dann 45 Minuten vor dem Grab stehen und irgendwelchen Bläsern lauschen. Das ist Anfang November, wo es meistens echt fies kalt ist. Man kann sich dafür nicht bei der Familie entschuldigen, weil, was würden denn die Nachbarn sagen?! Danach gibt es traditionell den ersten Glühwein der Saison und spätestens gegen 19 Uhr sind 90 Prozent der Familie leicht angetrunken. Wenn man dann gehen will, wird man mit den Worten aufgehalten: "Was bist'n du jetzt so ungmiatlich!"

Weihnachten das gleiche.

Oder der pseudo-freiwillige Mitgliedsbeitrag für die Freiwillige Feuerwehr, Jugend des Trachtenvereins, katholische Landjugend und den Skiklub im Wert von insgesamt 450 Euro im Jahr, den man berappen muss, um im Dorf anerkannt zu sein.

Es ist auch egal, ob man gläubig ist oder nicht. Man ist in der katholischen Kirche! Evangelist zu sein, ist schon oberpeinlich. Atheist bedeutet den Ausschluss aus den gemeindlichen Kreisen.

Politisch wird erwartet, dass man geschlossen die CSU wählt.

Keiner hier ist FC-Bayern-Fan, wir sind alle TSV 1860 – egal welche Klasse die grad so rumkrebsen. Ois wia imma!

Is wirklich schön hier!

Mein Mann ist Unternehmer, Radler, Golfer und gebildet, meine Tochter ist ein intelligenter atheistischer Heavy-Metal-Freak mit blauen Haaren, mein Sohn ist ein kiffender Freigeist, der sich einen Dreck um die Dorfgepflogenheiten schert und ich bin eine alles infrage stellende Mutter im Kleidchen und Stöckelschuhen.

Wir passen super hierher.

Horst Seehofer und seine Frau Karin

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