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So viel zahlen die Nachbarländer: Erzieher sein lohnt sich nicht

Seit Freitagmorgen streiken die Erzieher in Deutschland, sie fordern mehr Gehalt und Anerkennung. Wie ist ihre Lage im Vergleich? Ein Blick in die europäischen Nachbarländer.

Von Dagmar Seeland und Margharete Bettoni

Es ist nie der finanzielle Anreiz, der Erzieher ihren Beruf ergreifen lässt

Es ist nie der finanzielle Anreiz, der Erzieher ihren Beruf ergreifen lässt

In Italien, Frankreich und Schweden verdienen Erzieherinnen ebenso viel (oder wenig) wie Grundschul-Lehrerinnen. In diesen Ländern werden Erzieher universitär in einem meist fünfjährigen Kurs ausgebildet. In Großbritannien findet eine einjährige Ausbildung an einer Berufsfachschule statt. Wer allerdings aufs College geht, um Nanny zu werden, kann richtig gutes Geld verdienen.

Italien

Fast zwei Drittel aller Einrichtungen sind staatlich. Dabei beginnt die Betreuung der meisten Kinder mit drei Jahren, nur jedes zehnte wird schon im Alter unter drei Jahren betreut. Für die Krippen zahlen Eltern durchschnittlich 309 Euro im Monat, die staatliche scuola materna ab drei Jahren ist kostenlos - und die Plätze sind heiß begehrte Mangelware. Private Kindergärten kosten zwischen 500 und 800 Euro im Monat.

Gehalt:

Von knapp 20.000 Euro Jahresgehalt brutto als Jobanfängerin bis zu 28.000 Euro mit 35 Jahren Berufserfahrung. Grundschullehrerinnen verdienen das gleiche Gehalt, Gymnasiallehrer bis zu 5000 Euro mehr pro Jahr.

Ausbildung:

Für die Krippe reicht ein Abschluss einer höheren Schule mit pädagogischer Ausrichtung. Kindergärtnerinnen müssen ein fünfjähriges Studium der Erziehungswissenschaften absolviert haben.

Frankreich

Die école maternelle besuchen Kinder ab zwei Jahren, sie ist Teil der Schulbildung und gilt als wichtig bei der Vorbereitung auf die Grundschule. Spätestens ab drei Jahren ist jedes französische Kind auf einer école maternelle, meist in einer staatlichen Einrichtung. Der Besuch ist kostenlos, nur Zusatzangebote wie eine längere Betreuung am Nachmittag müssen privat finanziert werden.

Gehalt:

Die instituteurs oder professeur des écoles verdienen so viel wie eine Grundschullehrerin: von 2000 Euro im Monat als Berufsanfänger bis 3200 Euro nach 30 Jahren Berufserfahrung. Eine Tagesmutter erhält als Mindestlohn 2,70 Euro pro Stunde und Kind.

Ausbildung:

Die Lehrer im Kindergarten können auch in der Grundschule unterrichten, während ihres Studiums haben sie meist einen Sonderkurs in Frühpädagogik belegt. Es gibt neben den Lehrern auch Assistenten im Kindergarten, die eine kürzere Ausbildung haben.

Schweden

Für die Kinderbetreuung sind die Gemeinden zuständig, die für jedes Kind von 1 bis 5 Jahren mit berufstätigen oder studierenden Eltern einen Platz anbieten müssen. Und das innerhalb von vier Monaten nach Anmeldung und so nahe am Wohnort wie möglich. 86 Prozent der schwedischen Kinder besuchen eine solche förskolor. Den Elternbeitrag legen die Gemeinden fest, er darf 3 Prozent des Einkommens nicht überschreiten und höchstens 140 Euro im Monat betragen.

Gehalt:

Vorschullehrer verdienen annähernd so viel wie Grundschullehrer: 26.100 schwedische Kronen im Monat (etwa 2800 Euro), das sind etwa 100 Euro weniger als in der Grundschule.

Ausbildung:

Die Förskollärare sind pädagogische Fachkräfte mit einem fünfjährigen Studium. Daneben gibt es Assistenten mit einem Fachabitur in Erziehungswissenschaften. In staatlichen Kindergärten ist das Personal besser ausgebildet als in privaten Einrichtungen.

Großbritannien

Britische Eltern geben weltweit das meiste Geld für Kinder-Betreuung aus: 26,6 Prozent ihres Gehaltes (OECD-Durchschnitt 11,8 Prozent). In den vergangenen fünf Jahren sind die Kosten unter der konservativen Regierung für einen Vollzeit-Platz um 32,8 Prozent gestiegen.

In London bedeutet dies: Ein Vollzeit-Kita-Platz kostet leicht 1625 Pfund (2000 Euro) pro Monat. Und das auch bei staatlichen Kitas - die berechnen 230 bis 400 Pfund in der Woche und haben lange Wartelisten. Für britische Familien lohne es sich nicht mehr zu arbeiten, titelte schon der "Guardian". Erst mit drei Jahren, im letzten Jahr vor Eintritt in die Vorschule, schenkt der Staat jeder Familie 15 Stunden Betreuung in der Woche.

Besonders erstaunlich dabei: Die britische Regierung gibt mehr für die Frühförderung von Kindern aus als Deutschland, Frankreich oder Holland: 9,4 Milliarden Euro pro Jahr. Dies fließt vor allem in Krippenplätze für sozial schwache Familien, denen besondere Mutter-Kind-Betreuung angeboten wird. Und in Großbritannien gilt ein Betreuungsschlüssel von 1:4 - das heißt, auch die teuren Kitas werden bezuschusst.

Gehalt:

Die Preise der Kitas fließen jedenfalls nicht an die Erzieher: Eine ausgebildete Vorschulerzieherin verdient in staatlichen Kitas durchschnittlich zwischen 19.000 und 23.000 Euro pro Jahr. (Grundschullehrer: 29.000 bis 43.000 Euro/Jahr). Im privaten Bereich ist der Verdienst allerdings sehr unterschiedlich. Privat-Institutionen bezahlen leicht bis zu 35.000 Euro/Jahr. Und Nannys werden je nach Empfehlung bezahlt, teilweise mit einem vielfachen dieses Jahresgehalts.

Ausbildung:

Die meisten Kita-Erzieher werden durch Kurse in Berufsfachschulen ausgebildet, die zumeist ein Jahr dauern. Aber wie überall in Großbritannien gilt hier nicht, was, sondern wo man gelernt hat. Wer an einem der beiden renommierten privaten Colleges, Norland College in Bath und The Chiltern College, Reading, seinen Abschluss macht, blickt einer lukrativen Karriere als Kindermädchen der weltweiten superreichen Elite entgegen. Allerdings kostet der Kurs fast 17.000 Euro pro Jahr.

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