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Gefühlte Lage Die Luft ist raus: Während Corona hatten wir noch Lust auf Neuanfänge, jetzt ist die Stimmung nur noch schlecht

Ein nachdenklicher junger Mann
Feierlaune? Nicht wirklich
© Finn Hafemann / Getty Images
Die Krise dauert nun fast drei Jahre. Lange versuchten wir, das Beste draus zu machen. Das klappte manchmal. Jetzt nicht mehr. Was hat sich geändert, und wo ist unsere Zuversicht hin?

Vermutlich klingt das erst einmal komplett absurd. Auch zu Hochzeiten der Pandemie 2020 und 2021 hatten wir doch eher nicht die beste Laune! Das stimmt, natürlich, in großen Teilen. Besonders, wer gesundheitlich vorbelastet ist oder sich um liebe Menschen mit Vorerkrankungen sorgte, hatte viele Monate lang Angst. Oder wer um das Überleben seines kleinen Betriebes kämpfte.

Aber gehen wir mal von einigermaßen gesunden, einigermaßen jungen Menschen in einigermaßen sicheren Angestelltenverhältnissen (oder Studiengängen etc.) aus. Die hielten wacker durch, doch sobald mit dem Sommer niedrigere Zahlen und angenehmere Außentemperaturen kamen, flammte die Lebenslust auf wie eine Benzinlache, die Bekanntschaft mit einem brennenden Streichholz machte.

Man traf sich in Parks, zu Spaziergängen, draußen in Cafés, man wagte sich sogar glückselig wieder auf Open-Air-Konzerte. Einen Herbst lang poppten in den Städten plötzlich zur Freude der Passanten "Glühwein-Kioske" auf.

Jedes bisschen Ausbruch aus der Pandemie-Monotonie wurde zelebriert, jedes vorsichtige Zusammensein, man spürte: Auch monatelanges Zuhausesitzen konnte uns nicht gänzlich die Zuversicht und den Spaß am Leben nehmen.

Lange hatten wir noch Zuversicht

Dazu kam, dass einige Entwicklungen durchaus Lust auf eine  – hoffentlich irgendwann coronafreie – Zukunft machten: Die Pflicht zum Homeoffice zeigte etwa in vielen Betrieben auf, dass es gar kein Problem ist, wenn Mitarbeiter von zuhause oder von anderswo arbeiten. (Klar, das funktioniert für viele Berufe nicht. Für viele aber schon!)

Plötzlich eröffneten sich für Eltern ganz neue Optionen für die Kinderbetreuung, viele Menschen konnten sich Haustiere zulegen, die sie mit einem Achtstundentag außer Haus nicht hätten haben können. Manch einer dachte darüber nach, aus der Stadt mit ihren hohen Mieten raus aufs Land zu ziehen, ein altes Haus zu renovieren, eine Waldhütte zu kaufen. Solange es Internet gäbe, wäre Leben plötzlich überall möglich.

Doch nach und nach zerplatzen all die Hoffnungen, Ideen und Neuerungen. Auch, weil immer mehr Arbeitgeber auf Biegen und Brechen ihre Mitarbeiter wieder im Büro sehen wollen. Zähneknirschend werden ein, zwei oder drei Homeoffice-Tage zugestanden, die aber natürlich dem Haus auf dem Land, dem Kind oder dem Hund nicht reichen.

Statt einer neuen, besseren Welt blicken wir auf eine, die mit Gewalt wieder die alte sein möchte – nur, dass plötzlich ein Krieg in Europa und eine Energie- und Wirtschaftskrise alles noch viel schwerer und dunkler und zäher machen.

Zuviele Krisen auf einmal

Wir sind müde und resigniert. Wir haben Angst. Wir wissen nicht, was kommt. Die Zuversicht, die wir uns in den vergangenen zwei Jahren nicht haben nehmen lassen, ist binnen weniger Wochen verpufft.

Und wer kann es einem verübeln? Im Supermarkt kosten plötzlich Grundnahrungsmittel das Doppelte. Wir trauen uns kaum, die Heizung einzuschalten. Am Ende des Monats ist das Konto mehr als leer. Und in den Nachrichten wird über die Möglichkeit eines Atomkriegs diskutiert.

Trotz steigender Coronazahlen fahren wir im überfüllten Bus ins Büro. Mieterhöhungen drohen. Das Klima droht zu kippen. Ärzte und Pflegekräfte sind völlig überfordert und streiken. Die schlechten Nachrichten hören und hören einfach nicht auf. Wie soll man da noch an eine gute, helle Zukunft glauben?

Wir stecken in einem emotionalen Sumpf, der viele völlig rationale Gründe hat. Und eine Lösung dafür weiß ich leider nicht. Solange Wladimir Putin nicht endlich seine wahnwitzigen Pläne aufgibt, sich die Weltwirtschaft beruhigt und ein Corona-Impfstoff entwickelt wird, der zu 100% vor allen vorhandenen Virusvarianten schützt, wird wohl keine Leichtigkeit einkehren.

Und ja – das dürfte noch eine ganze Weile dauern. Selbst dann ist nicht alles einfach "wieder gut". Dann nämlich ist der Punkt erreicht, an dem wir am System rütteln müssen, um dafür zu sorgen, dass wir dieses Jahrzehnt besser zu Ende bringen, als wir es begonnen haben.

Wurde uns nicht eine bessere Welt versprochen?

Menschen sind gut im Durchhalten, egal wie schwer die Zeiten sind (und ja, natürlich geht es vielen Menschen auf der Welt derzeit viel schlechter als uns, und auch in der Vergangenheit ging es Menschen sehr viel schlechter als uns. Dieses Wissen nützt aber niemandem konkret etwas). Sie brauchen bloß etwas, auf das sie hoffen oder warten können. Und das ist uns gerade abhanden gekommen, oder? Die Hoffnung, dass es besser wird, dass es leichter wird. Dass wir irgendwann wieder sorglos(er) sein können.

Schon lange war es nicht mehr so schwer, die kommenden Monate vorauszusagen oder gar zu -planen. So bleibt uns nur, was die meisten von uns sowieso schon seit Wochen tun: Tief durchatmen, den Nachrichtenkonsum im Zaum halten, das Geld zusammenhalten und – abwarten.

Abwarten, einen weiteren frustrierenden Winter hindurch, und vielleicht in genau dieser Unvorhersehbarkeit ein bisschen Hoffnung finden: Wenn alles mögliche passieren kann, dann kann auch etwas Gutes passieren. Versuchen wir es noch einmal mit dem Durchhalten. Blicken wir dem Frühling mit einem Hauch Optimismus entgegen: Vielleicht ist die Krise irgendwann vorbei. Und vielleicht ist dann nicht mehr alles wie vorher sondern – besser.

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