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"Jürgen fotografiert sein Essen" Die Geschichte hinter dem ekelhaften Altenheimessen

Jürgen möchte keine Fotos von sich machen lassen, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er muss auch nicht gefüttert werden, essen kann er allein. Nur das Kauen bereitet ihm Schwierigkeiten, er braucht ein neues Gebiss. (Symbolbild)
Jürgen möchte keine Fotos von sich machen lassen, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er muss auch nicht gefüttert werden, essen kann er allein. Nur das Kauen bereitet ihm Schwierigkeiten, er braucht ein neues Gebiss. (Symbolbild)
© Klaus Rose/Picture Alliance
Mit den Bildern seines Essens hat der 63-jährige Frührentner Jürgen auf Facebook mehr Wirbel ausgelöst als ihm lieb ist. Dauernd wollen ihn Journalisten sprechen  das wird ihm alles zu viel. Der stern durfte ihn in seinem Altenheim besuchen.
Von Susanne Baller, Nürnberg

In der vergangenen Woche hat Jürgen, ohne es zu wollen, eine gewisse Berühmtheit erlangt, nachdem er täglich sein Altenheim-Essen fotografiert und auf Facebook veröffentlicht hatte. "In meinem Freundeskreis sind Gastronomen und Köche. Jetzt, wo die Salatsaison beginnt, präsentieren alle ihre Bildchen mit den neuesten Tellerkreationen, die sie am Abend im Restaurant anbieten. Und man selbst sitzt dann hier", der 63-jährige Frührentner blickt frustriert auf das vor ihm stehende Nachttischwägelchen, auf dem sich die Gerichte bereits stapeln, weil er mit dem Essen nicht hinterherkommt. Er bräuchte neue Zähne. "Ich habe aber niemals behauptet, hier gäbe es Gammelessen oder man würde mich verhungern lassen. Es sind lediglich zu wenig Kalorien." So ganz stimmt das nicht, seine Kommentare enthalten durchaus auch kritische Formulierungen wie "irgendwas zwischen Pengasius und Hackfleisch", "ein Blatt Eisbergsalat" oder ein "Schmeckt heute sogar!". 

Seine Essensbilder wurden von den Facebook-Freunden eifrig kommentiert - zu gruselig sieht die pürierte Pampe aus Variationen in Gelb und Beige auf seinem Teller aus. Das erkannte auch Eva Rußegger, stellvertretende Vorsitzende der österreichischen Spaßpartei Die Partei, und ergriff die Gelegenheit, mit seinen Schnappschüssen eine offizielle Seite zu erstellen: "Jürgen fotografiert sein Essen" nannte Rußegger sie. Die Ekelessen-liebende-Facebook-Gemeinde sprang darauf an und begann, sie zu liken und zu teilen. Glücklich habe die 35-Jährige ihm von der schnell wachsenden Popularität berichtet, erzählt Jürgen. Im echten Leben kennen sich die beiden nicht. Jürgen hatte Rußeggers Freundschaftsanfrage vor geraumer Zeit angenommen, weil sein Facebook-Profil gemeinsame Freunde zeigte. Macht man ja manchmal so. Dieses Mal hatte es Konsequenzen.

Der Ärger geht los

Als der stern Ende Juni online über die Ekelfotos berichtet, bekommt auch Jürgens Heimleiterin, Jeannette Werrmann, Wind davon – und stattet ihm zusammen mit seinem amtlich bestellten Betreuer einen Besuch ab: Wütend habe sie ihm einen Screenshot gezeigt und gesagt, er würde den Ruf des Hauses ruinieren und die Pfleger ihre Arbeitsplätze kosten, erzählt der Frührentner. Jürgen versichert ihr, er habe mit der Seite nichts zu tun, doch es hilft nichts. Sein eigener Betreuer schlägt vor, er könne sich ja binnen acht Wochen eine neue Unterkunft suchen, erzählt Jürgen konsterniert. Und Werrmann forderte: "Keine weiteren Fotos und keine Auskunft über Ihren Gesundheitszustand bei Facebook!", zitiert Jürgen. Er kriegt Panik, befürchtet einen Rauswurf. Tags drauf dementiert der Pressesprecher der Pflegeheimkette jedoch jene Meldungen, in denen steht "Jürgen fliegt aus seinem Heim".

Für Jürgen wiederum, der bei 1,80 Meter Körpergröße nur 45 Kilo wiegt, beginnt eine Horrorwoche. Rußegger, unvorsichtig im Umgang mit seinen Daten in den sozialen Medien, hatte dazu beigetragen, dass Journalisten ihn identifizierten, obwohl sie seine Adresse schon entfernt hatte. Sein Betreuer, unvorsichtig im Umgang mit den schreibenden Medien, hatte bereitwillig die Handynummer seines Schutzbefohlenen herausgegeben. Und das alte Mobiltelefon des kranken Mannes stand nicht mehr still. Extrem belastet und immer noch besorgt über einen möglichen Rausschmiss drängte er Rußegger, ihre Facebook-Seite zu löschen. Rußegger wird sie nun umbenennen. Ihre Intention war, Aufmerksamkeit "für den Pflegenotstand zu gewinnen", hatte sie erklärt. Das hat sie geschafft, ihre Seite hat inzwischen knapp 35.000 Likes. Doch zu dem ganzen Wirbel um Jürgen möchte sie sich nicht mehr äußern. Jürgen selbst hat nach einer Woche Dauerstress nun einen Anwalt, Tilman Schürer, der seinen Fall übernommen hat.

Erste Veränderungen

Im Heim jedoch hätten sich gleichzeitig wundersame Dinge ereignet, berichtet Jürgen: "Die Blumen auf der Fensterbank stehen erst seit gestern dort", und zeigt auf ein rot-gelbes Gesteck aus einer künstlichen Gerbera und unechten Osterglocken. "Und die Holzkatze daneben", deutet er auf  ein Stück Kunsthandwerk, "das ist auch nicht meine, möchte ich noch einmal betonen." Jürgen, ein politisch höchst interessierter Alt-68er, hätte sich, wenn überhaupt, wohl für andere Deko entschieden. "Gestern wurden mir auch zum ersten Mal nach acht Wochen die Fußnägel geschnitten", sagt er weiter. "Nur bei den Haaren passiert einfach nichts, die sind in der ganzen Zeit noch nicht gewaschen worden." Ein wenig eitel guckt er in seinen griffbereit liegenden Handspiegel und streicht das Haar über seinem Zöpfchen am Hinterkopf zurück.

Kommunikationsprobleme

Während Jeanette Werrmann gegenüber dem stern betont, Jürgen müsse doch nur sagen, wenn er etwas brauche, aber das täte er ja nicht, ereifert sich Jürgen: "Das ist ja genau das Problem! Heute sage ich einem Pfleger, ich hätte gern die Haare gewaschen, aber morgen betreut mich jemand anders. Ich habe als Ansprechpartner immer nur den, der gerade da ist, aber es findet keine Übergabe statt, die gesamte Kommunikation klappt nicht. Das ist nicht die Schuld der Pfleger, die haben sowieso schon zu viel zu tun. Ich habe auch heute erst eine Infomappe über das Heim bekommen. Nach mehr als zwei Monaten! Und die Heimleitung habe ich bei ihrem Besuch mit dem Betreuer zum ersten Mal gesehen." In der Kommunikation zeigen sich Widersprüche. Während der Pro-Seniore-Pressesprecher berichtet, Jürgen würde nahrungsergänzendes hochkalorisches Essen mit den Worten "Geht mir weg mit der Astronautennahrung" ablehnen, sagt Jürgen: "Die ist mir nie angeboten worden."

Wenn Jürgen ins Plaudern gerät, hört er so schnell nicht wieder auf. Obwohl seine körperliche Verfassung nicht zum Besten steht, blicken seine braunen Augen wach und er erzählt voller Elan. Nebenbei schweift sein Blick immer wieder zum Fernseher, auf dem Phoenix läuft. Das führt dazu, dass er seine Geschichten mit Kommentaren unterbricht. Eigentlich will er gerade von der Begegnung mit dem Pressesprecher seines Heims erzählen, da taucht Steffen Seibert im Fernsehen auf: "Das ist doch der Pressesprecher von der Merkeline, dem wiederum geht Raffinesse völlig ab!" Jürgen blickt höchst kritisch auf die Welt hat eigentlich zu allem eine Meinung. Er ist ein typisches Kind seiner Zeit.

Damals

In West-Berlin als Ältester von vier Geschwistern in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen, war Jürgen nie sonderlich verwöhnt. Seine Eltern verlangten von ihm, eine Lehre aufzuschieben und dazuzuverdienen, um die Familie durchzubringen. "Von den 75 Mark, die ich verdient habe, durfte ich 25 behalten. Das Fahrgeld musste ich allerdings auch selbst bezahlen", erinnert er sich. "Irgendwann musste dann auch unbedingt ein Auto her, damit man mal an den Wannsee fahren kann", grinst er. Soll heißen: Die richtige Zeit für eine Ausbildung kam nie. Stattdessen unzählige Jobs als Lagerarbeiter, Gartenbauhelfer, Elektrotechniker, Schmuckverkäufer und schließlich DJ. Für eine solide Altersvorsorge jedoch, hat es nie gereicht. Auf die Frage, wie denn sein DJ-Name damals gewesen sei, antwortet er: "DJ Jürgen, das war Anfang der 80er so üblich."

Altersgerecht wohnen

Für sich selbst wünscht er sich einen Lebensraum, der ihm mit Anfang 60 gerecht wird. Er möchte zwei-, dreimal pro Woche nach draußen, ein bisschen im Rollstuhl herumgeschoben werden. Doch dafür haben die Pflegekräfte in seinem Heim keine Zeit, sagt er. Jürgen lebt in der Pro Seniore Residenz Noris, die ein paar hundert Meter südlich der Nürnberger Altstadt liegt. Traumhaft zentral, nah an Lorenzkirche und Pegnitz, eigentlich. Denn davon hat Jürgen nichts. Er war bisher nicht mal im hauseigenen Garten.

Obwohl auf Pflege angewiesen, ist er mental weit von jenen alten Menschen entfernt, die im Singkreis glücklich werden. Das Heim kann ihm nichts bieten, was ihn unterhält. Nicht mal W-Lan. Und da er sogar die Batterien für sein Hörgerät von den 100 Euro Taschengeld, die er erhält, bezahlen muss, kann er auch nicht mal eben den Internetstick für seinen Rechner ersetzen, der seit Kurzem verschwunden ist. Sein einziger Kontakt nach draußen bleibt sein uraltes Handy.

Ein gutes Ende?

Jürgen stellt sich vor, dass die Facebook-Seite nach all dem unerwünschten Rummel ja vielleicht doch noch für etwas gut sein könnte. Auch wenn er sich offiziell distanziert, liegt ihm am Herzen, dass sich etwas verändert. Dass Pflegekräfte mehr Zeit für ihre Patienten haben, für ein menschliches Miteinander. Dass der Pflegenotstand mehr  Aufmerksamkeit erhält. "Mir geht es um eine gesellschaftliche Diskussion, die so stark wird, dass sie auf die Politik einwirkt", sagt er. 


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