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Seelsorger nach Germanwings-Unglück: "Viele Angehörige sehnen sich nach Gewissheit"

Die Angehörigen der Opfer der Germanwings-Katastrophe durchleiden gerade die wohl schwersten Tage ihres Lebens. Ein Notfallseelsorger erklärt, wie Trauernden nach einem solchen Unglück geholfen wird.

Am Flughafen Düsseldorf hat das Betreuungspersonal sich sofort um die Angehörigen der Opfer gekümmert

Am Flughafen Düsseldorf hat das Betreuungspersonal sich sofort um die Angehörigen der Opfer gekümmert

Es ist eine Nachricht, die ihr gesamtes Leben von Grund auf verändert: Für die Angehörigen der Opfer der Germanwings-Katastrophe ist eine Welt zusammengebrochen. Auch wenn es wohl noch dauern wird, bis Personen identifiziert werden können, ist davon auszugehen, dass niemand der 150 Menschen an Bord überlebt hat.

Die Betreuung der Angehörigen hat am Dienstag direkt am Düsseldorfer Flughafen und am Joseph-König-Gymnasium in Haltern am See begonnen. Doktor Uwe Rieske ist Landespfarrer für Notfallseelsorge im Rheinland. Seine Kollegen sind im Dauereinsatz und versuchen, den Angehörigen zur Seite zu stehen. Im stern-Interview erklärt Rieske, welche ersten Schritte nach einer solchen Tragödie eingeleitet werden und warum das Germanwings-Unglück so viele Menschen berührt.

Herr Rieske, was ist in einer solchen Extremsituation wie der eines Flugzeugabsturzes für die Angehörigen am wichtigsten?
Die Betroffenen suchen zuerst einmal Gewissheit. Sie werden mit der Nachricht von dem Absturz konfrontiert und müssen zunächst klären, war tatsächlich mein Angehöriger, meine Angehörige in dieser Maschine. Auch wenn dies der Fall ist, hoffen viele Angehörige bis zuletzt - selbst wenn die Behörden sagen, dass es nach menschlichem Ermessen keine Hoffnung mehr gibt. Unser Angebot besteht darin, Menschen in dieser für sie sehr belastenden Situation zu begleiten, mit ihnen die Gefühle und Emotionen auszuhalten, die sich einstellen, und zusammen mit den beteiligten Institutionen dafür zu sorgen, dass die Angehörigen zeitnah belastbare Informationen erhalten.

Wie unterscheidet sich die Verarbeitung eines Verlustes nach einer solchen Katastrophe von einem anderen Trauerfall?


Zunächst einmal reagieren Menschen unterschiedlich auf Verlusterfahrungen. Das erleben wir in unseren täglichen Einsätzen in der Notfallseelsorge und das gilt auch für diese Einsätze. Das heißt, es gibt Angehörige, die in ihrem persönlichen Umfeld gut aufgefangen werden und dort viel Unterstützung finden. Doch es gibt andere, die sich alleine fühlen. Was viele verbindet, ist, dass sie in diesen Akutsituationen sehr belastet sind und nicht mehr in ihren normalen Alltag hineinfinden. Und das mediale Interesse, das nach solchen Unglücksfällen natürlich sehr groß ist, verstärkt die Konfrontation mit dem Geschehenen noch. Die Chance, die sich bei solch einem Unglück bietet, bei dem es viele Betroffene gibt, ist, dass wir die Angehörigen zu Angehörigentreffen zusammenführen können und ihnen so die Möglichkeit geben, zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammenzuwachsen.

Ist es für die Angehörigen denn wichtig, dass unter ihnen eine Art der Gemeinschaft entsteht?
Wir haben das nach dem Tsunami von 2004, nach dem Loveparade-Unglück, aber auch nach Flugzeugabstürzen und Busunglücken erlebt, dass Angehörige es als für sie sehr hilfreich empfunden haben, sich zu treffen und über ihre Bewältigungsformen auszutauschen. Nach unserer Erfahrung ist es auch gut, wenn diese Treffen durch Menschen begleitet werden, die den Betroffenen eine Hand reichen und ihnen zeigen können, wie sie das Geschehene in ihr Leben integrieren können.

Angeblich sollen noch in dieser Woche Sonderflüge für die Betroffenen nach Südfrankreich angeboten werden. Wie wichtig ist es für die Trauerarbeit, dass die Angehörigen die Unglücksstelle besuchen?


Viele Angehörige sehnen sich nach Gewissheit. Sie kämpfen stark mit den inneren Bildern, die sich notwendigerweise einstellen. Gewissheit zu finden heißt auch, den Ort aufzusuchen, der für sie die Schwelle vom Leben zum Tod markiert. Eine Realität vorzufinden, mit der sie sich auseinandersetzen können und nicht mehr auf ihre inneren Bilder angewiesen zu sein, ist für viele eine Erleichterung. Es gibt auch Angehörige, die hoffen etwas zu finden, das in Beziehung zu ihrem Angehörigen steht, vielleicht sogar ihn selber, aber zumindest etwas, das ihm gehört hat. Solche Bedürfnisse sind bei vielen Betroffenen sehr stark.

In den sozialen Netzwerken ist die Anteilnahme an dem Unglück enorm. Warum geht vielen Menschen diese Katastrophe näher als andere Ereignisse?


Es gibt ein hohes Identifikationspotenzial. Es wird gegenwärtig viel geflogen, anders als noch vor 20 Jahren ist das Flugzeug ein normales Fortbewegungsmittel geworden und viele Menschen haben einfach den Eindruck, das hätte auch mir passieren können. Ich fliege auf dieser Linie. Ich fliege häufig. Insofern wird es viel darum gehen, herauszufinden, warum dieses Flugzeug abgestürzt ist, um so ein Gefühl von Vertrauen und Sicherheit wiederzugewinnen.

Auch für Sie und Ihr Team sind diese Tage sehr belastend. Wie gehen Notfallhelfer mit einer so extremen Situation um?


Wir arbeiten in Teams und versuchen, uns gegenseitig zu unterstützen. Für mich ganz persönlich ist es wichtig, in meiner Kirche Rückhalt und Wertschätzung zu finden. Aber vor allem müssen wir Nähe und Distanz sorgfältig austarieren. Uns einerseits einfühlsam auf die Betroffenen einlassen, andererseits aber auch eine gewisse Distanz halten, um ihnen so Orientierung und Hilfe anbieten zu können.

Interview: Viktoria Meinholz

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