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Nach der Naina-Debatte fordert eine 18-Jährige:: Macht Schule endlich sinnvoll für alle!

Die Lehrpläne müssen dringend um praxistaugliche Kurse ergänzt werden, findet die 18-jährige Alexandra Popilar. Die an Naina gerichteten Beruhigungsversuche des stern hält sie für Unsinn.

Gast-Kommentar einer 18-jährigen Schülerin

Teenager würden gern mehr Praktisches lernen: Die Schule soll bei Miete, Steuern und Versicherungen helfen, forderte die 17-jährige Naina aus Köln. Recht hat sie, pflichtet ihr eine 18-jährige Schülerin aus Norddeutschland bei.

Teenager würden gern mehr Praktisches lernen: Die Schule soll bei Miete, Steuern und Versicherungen helfen, forderte die 17-jährige Naina aus Köln. Recht hat sie, pflichtet ihr eine 18-jährige Schülerin aus Norddeutschland bei.

Dass es sehr gespaltene Meinungen bezüglich des Tweets "Ich bin fast 18 (...)" von Naina gibt, war mir durchaus klar, aber wenn man in letzter Zeit Artikel, offene Briefe oder Kommentare zu dem Thema liest, bleibt mir nichts anderes übrig, als Stellung dazu zu beziehen.

Ich stimme Naina in ihrer (vielleicht etwas überspitzt formulierten) Ansicht zu. Ich sage damit nicht, dass man nur Unnützes in der Schule lernt und ich sage auch nicht, dass man etwas aus den Lehrplänen streichen sollte. Ich bin dafür, dass die Lehrpläne ergänzt werden! Ob man es in ein bereits bestehendes Fach integriert, oder ob man ein neues Fach hinzufügt, ist zunächst einmal egal. Wichtig ist, dass es gelehrt wird! Da sich diese einfache Logik leider vielen nicht erschließt, sollte man sich vielleicht die Argumente der Gegenseite ansehen.

1. Das häufigste Argument

Am häufigsten verwendet wird ein Argument, dass auch stern-Reakteurin Susanne Baller in ihrem offenen Brief an Naina verwendet hat: "Darauf haben dich deine Eltern bestimmt vorbereitet."

Nein. Haben sie nicht. Und können sie auch nicht immer. Wenn man nur darauf vertraut, dass alle Eltern dazu fähig bzw. genügend über Recht informiert sind, schließt man verschiedenste Gruppen der deutschen Bevölkerung vom öffentlichen Leben aus. Es mag sicherlich einige Menschen geben, die sich sehr gut auskennen, was Finanzen, Verträge und Versicherungen angeht, aber viele leider nicht! Man darf nicht vergessen, dass gerade "Beamtendeutsch" für sehr viele unverständlich ist. Kann jeder § 985 BGB "Herausgabeanspruch": "Der Eigentümer kann von dem Besitzer die Herausgabe der Sache verlangen" auf Anhieb vollständig verstehen? Eher nicht. Vielleicht gibt es 18-Jährige, die diese Sprache verstehen, aber sicherlich nicht viele, denn man bekommt so etwas nicht beigebracht. Wenn schon Akademiker Probleme damit haben, wie sollen dann Personen mit einem niedrigeren Abschluss damit zurechtkommen, wenn sie nicht gerade eine Begabung dafür haben?

Was ist mit Migranten? Eine weitere Gruppe der Gesellschaft, die durch diese Auffassung ausgeschlossen wird, ist die der Migranten und Migrantinnen in Deutschland. Auch diese Menschen haben Kinder, die hier zur Schule gehen. Ich gehöre dazu. Man versetze sich mal ihn ihre Lage: Die Sprache ist fremd, das gesamte System ist fremd – und jetzt soll ich meinen Kindern beibringen, wie sie mit Behörden umgehen müssen? Ich weiß meistens doch selbst gar nicht, was die von mir wollen. Natürlich gilt immer: Ausnahmen bestätigen die Regel, aber irgendwo müssen es diese Ausnahmen auch gelernt haben.

In einer Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts "Mikrozensus 2013" wurde festgestellt: "Im Jahr 2013 lebten rund 16,5 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) auf Basis des Mikrozensus 2013 weiter mitteilt, entspricht dies einem Bevölkerungsanteil von 20,5 %." Man verwehrt also diesen 20,5 Prozent die Sicherheit, dass ihre Kinder hier in Deutschland, anders als sie selbst, auf jeden Fall zurechtkommen werden. Am wichtigsten ist aber, dass es bei der ganzen Diskussion nicht nur um Steuern oder Miete geht. Es geht um eine rechtliche Grundausbildung! Und wie viele Eltern, die nicht in diesem Bereich ausgebildet worden sind oder dort arbeiten, wissen so genau Bescheid?

Ein paar Beispiele: Ein 19-Jähriger, der seit einem halben Jahr alleine wohnt, bekommt eine Mahnung für eine gefakte Rechnung. Was ist zu tun? Er hat ja nichts bestellt, also ignoriert er sie – und das ist ein Fehler! Sobald er nicht reagiert, ist sie vollstreckbar und er muss zahlen! Er hätte sich ja im Netz informieren können? Dazu muss er erst einmal dafür sensibilisiert werden, dass es hier für ihn überhaupt zu einem Problem kommen kann. Die Eltern fragen? Wie viel Prozent der Eltern hätten ihm denn sagen können, dass er auch bei "irrtümlichen" Mahnungen widersprechen muss, um die Rechtskraft zu verhindern?

Und welcher 19-Jährige weiß, welche Versicherungen wichtig und welche überflüssig sind? Die kaskoverliebten Eltern, die ihr Haus in Hügellage gegen Hochwasser versichern oder jene Eltern, die Versicherungen eh nicht trauen, weil "die ja doch nur kassieren und nie zahlen"? Der Versicherungsberater, der pro Police bezahlt wird? Welcher 19-Jährige kann prüfen, ob er sein Konfirmationsgeld sinnvoll in einem Immobiliendachfonds anlegen kann, wenn er das Wort noch nie gehört hat? Den Banker fragen? Das Internet?

2. Argument

"Dabei kannst du dir die Antworten ganz einfach ergooglen!"
Nein, kann man nicht. Ja, mag sein, dass man mehrere hunderttausende Ergebnisse erhält, aber wie brauchbar sind diese? Und wird man nicht immer vor der Unzuverlässigkeit des Internets gewarnt? Zwischen den ersten Ergebnissen wird stets Wikipedia zu finden sein. Die Seite, die in der Schule noch nicht einmal als Quelle gilt. Im Internet hat jeder die Möglichkeit, seine Ansichten zu verbreiten, anonym und ohne Belege. Und wenn man dann irgendwo eine seriöse Seite gefunden hat, wird sie von einer Behörde sein, womit wir wieder beim Beamtendeutsch wären. Nicht umsonst gibt es für Beamtendeutsch eigene Duden und Übersetzer. Und wenn man sich durch das ganze Beamtendeutsch gequält hat, landet man bei irgendwelchen Paragraphen, die man noch weniger versteht.

3. Argument

"Wenn da noch Fächer dazukämen, die eigentlich gar nicht gelehrt werden müssen, sondern nur etwas Selbstständigkeit erfordern, hättest du überhaupt keine Freizeit mehr."
Fächer??? Nein! Nur ein Fach! Ein Fach, das auch nur als Wahlfach eingeführt werden kann, nur zwei Stunden in der Woche und auch nur, wer möchte. Es ist ja nicht so, dass wir Abiturienten nur zwei Stunden in der Woche Freizeit hätten. Und wenn auch nur ein Schüler darüber informiert werden will, sollte er das auch! Es wird ein Französischkurs eröffnet, selbst wenn nur ein Einziger eine Abiturprüfung machen möchte. Wenn das möglich ist, dann sollte das auch für ein finanz- und versicherungstechnisches Fach gelten.

Zum Punkt der Selbstständigkeit. Zum einen gehört doch wohl Selbstständigkeit dazu, sich überhaupt erstmal dafür zu interessieren und Informationen darüber zu fordern. Weitere häufig genannte Alternativen zu den Eltern sollen VHS-Kurse sein. Das Problem dabei ist, diese Kurse müssen zunächst einmal existieren und dann auch noch bezahlt werden. Also werden nun auch noch Schüler aus ärmeren Verhältnissen ausgeschlossen, denn in jeder Schulform gibt es Kinder von Eltern aus schlechteren Verhältnissen und niedrigeren Lebensstandards. Und selbst wenn man das Geld hätte, ich würde es nicht einsehen, für etwas so Essenzielles zu bezahlen.

4. Argument

"Du wirst genau wissen, wonach du gucken musst, wenn du dein Abi erstmal gemacht hast".
Dieses Argument ist vollkommen gegenstandslos, denn zum einen wird im weiteren Verlauf nicht erwähnt, wonach man denn gucken muss und zum anderen: Wo soll das Wissen nach dem Abi denn herkommen? In der Abiturprüfung eingefallen? Über Nacht im Traum erschienen? Göttliche Erleuchtung?

5. Argument

"Und wenn du mal auf die Nase fällst, macht das auch nichts."
Also wenn deine Eltern reich und bereit sind zu zahlen, wenn du in eine Abofalle tappst oder dich bei einem gefaketen Mahnbescheid falsch verhältst, dann "macht das auch nichts." Wenn nicht. Tja. Und vor allem, warum Menschen in solche Fallen tappen lassen, wenn man es doch vorher verhindern kann? Da stehen dann schon wieder irgendwelche Lobbys (Notare, Steuerberater, Rechtsanwälte und Bänker) auf dem Teppich, die verhindern wollen, dass die Menschen zu gut informiert sind.

Und abschließend noch diese Aussage

"Und doch gibt es auch 18-Jährige, die fragen sich: 'Was soll das?' 'Was bringt mir das für mein Leben?' Arme Kinder. Die sehen nicht. Die ahnen nicht, "wie viel Gärung der Jugend" (Helmut Schmidt) in den Experimenten der Moderne steckt. Die interessieren sich plötzlich für Steuern, für Miete und Versicherungen. Mein Gott, wie traurig!" von #link;(" http://www.stern.de/familie/kinder/nach-naina-debatte-schule-lernt-wichtigeres-als-alltag-2166697.html;stern-Autorin Ulrike Posche.#
Mal ganz abgesehen davon, dass man diese Aussage zuerst für einen Scherz hält, ist ganz deutlich zu sagen, dass man sich auch für mehr als nur eine Sache interessieren kann! Ich habe selbst Kunst als Leistungskurs belegt UND interessiere mich für eine rechtliche Grundausbildung, also für "Steuern, Miete und Versicherungen". Wäre Helmut Schmidt jemals Bundeskanzler geworden, wenn er sich nicht auch dafür interessiert hätte? Außerdem leben wir in einer Gesellschaft, in der Finanzen und Leistung an oberster Stelle stehen. Es bringt mir also nichts, die Energie in einem Bild zu fühlen, wenn ich wegen einer fehlerhaft abgeschlossenen Versicherung nicht die finanziellen Mittel habe, den Eintritt fürs Museum zu zahlen.

Mein Fazit aus der ganzen Debatte:

Bildung MUSS jedem zugänglich sein und das geht nur durch allgemeinbildende staatliche Schulen, die sich jeder leisten kann. Denn es bringt mir nichts, alles studieren zu können, wenn ich nicht weiß, mit welchen Möglichkeiten ich das finanzieren kann, über wen ich versichert bin und wie BAFöG funktioniert! Es ist schließlich heutzutage schon fast unmöglich, das richtige Bahnticket zu ziehen - wenn das schon so kompliziert ist, wie soll man dann den Rest schaffen?!

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