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Neustart Die Erfindung eines Fahrradrollstuhls machte ihn unabhängig


Eine feste Anstellung kam für Peter Messerschmidt nie infrage. Die Erfindung des Fahrradrollstuhls "Rollfiets" ermöglichte es ihm, seinen Traum zu verwirklichen.

Schon während meiner Ausbildung zum Feinmechaniker hatte ich mir geschworen, nie wieder als Angestellter zu arbeiten. Ich studierte Industriedesign, machte mich selbstständig. Ein Freund, der mit Behinderten arbeitete, beklagte sich bei mir, dass er mit seinen Schützlingen keine Ausflüge unterneh­men könne, weil sich Rollstühle nur ein paar hundert Meter schieben ließen.

Der Gedanke hat mich nicht losgelassen, sodass ich eine Art Rikscha aus Fahrrad und Rollstuhl gebaut und als Patent angemeldet habe. Ich stellte das Gefährt sogar 1986 auf der Weltausstellung in Vancouver aus. Schließlich fand sich ein junger Wirtschaftsingenieur, der den "Rollfiets" welt­weit vertrieb. Plötzlich verdiente ich das erste Mal richtig Geld - mit 40. Und dieser Geld­segen sollte der Grundstock sein für meinen späten Neuanfang.

Ich hätte viele Dinge nicht gewagt, wenn ich nicht relativ blauäugig an sie herange­gangen wäre

1994 zog ich vom Münsterland nach Lübeck, weil mir die Stadt gefiel. 2005 stieß ich auf die alte Essigfabrik mitten in der Stadt. Schon da­mals spukte die Idee in meinem Kopf, ein ehe­maliges Firmengelände zu kaufen. Ich wollte eine Art Kulturzentrum schaffen, Galerist wer­den. Kunst hat mich immer interessiert. Aber das Gebäude war total zerfallen. Schaffe ich das, ohne depressiv zu werden, fragte ich mich. Aber ich halte es mit Winston Churchill. Der sagte mal: "Erfolg ist die Fähigkeit, von einer Niederlage zur nächsten zu schreiten, ohne die Begeisterung zu verlieren."

Ruhestand? Auf keinen Fall!

Also habe ich einfach angefangen, die Fabrik zu sanieren und auszubauen. Erst eine Ferienwohnung, damit Geld in die Kasse kam. Danach habe ich in Eigenarbeit die Werkstätten und die Galerie ausgebaut. Eine Silberschmiedin wurde meine erste Mieterin. Und zur Museums­nacht 2010 war die Galerie fertig.

Die Essigfa­brik beherbergt inzwischen unter anderem ein Café, eine Silberschmiede, ein Glas-­ und ein Schmuckatelier. Ich veranstalte Lesungen, stelle aus. Gerade hatten wir eine Künstlerin, die Werke von Hundertwasser gestickt hat. Ruhestand? Daran denke ich nicht im Traum. Arbeit war für mich immer Spaß. Und davon will ich auch weiterhin jede Menge haben.

Viva-Titel Juli/August 2015

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Aufgezeichnet von Kerstin Herrnkind

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