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Neustart: Kinder aus dem Haus - ab auf die Intensivstation

Was tun, wenn die Kinder aus dem Haus sind? Petra Nowacki-Denker entschied sich für ehrenamtliche Arbeit auf einer Intensivstation.

Von Andrea Schaper

Ich habe Sozialpädagogik und einige Semester Psychologie studiert und lange als Familienberaterin in einer Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie gearbeitet. Aber dann kamen drei Kinder, das Haus, der Hund - der Job on top wurde einfach zu viel. Mein Sohn spielte auch noch in einer Auswahlmannschaft Tennis, so habe ich gefühlte zehn Jahre im Auto verbracht und ihn zum Training oder zu Turnieren kutschiert. Mit 18 fuhr er schließlich selbst, auch die anderen Kinder wurden immer unabhängiger.

Das Wichtigste, das ich richtig gemacht habe? Sich zu Beginn einer neuen Herausforderung nicht entmutigen zu lassen

Ich wollte meine neu gewonnene Freiheit sinnvoll nutzen. Ein Halbtagsjob bot sich nicht an, weil ich mich auch noch um meine demente Schwiegermutter kümmere. Als ich vor zwei Jahren die Anzeige der Uniklinik in Hamburg sah - "Ehrenamtliche Mitarbeiter" für die Intensivstation gesucht - dachte ich gleich: Das passt. Jetzt kümmere ich mich einmal in der Woche um jene Menschen, die nicht wissen, was sie erwartet, wenn sie einen Angehörigen auf dieser Station besuchen. Die Frau, die ihren Mann nach einem Verkehrsunfall sehen will, der Bruder, der angeschossen wurde, der Sohn, der nach jahrelangem Krebs hier behandelt werden muss. Diese Besucher begleite ich auf die Station, erkläre ihnen, warum sie vielleicht lange warten müssen, biete ihnen ein Gespräch an, wenn sie es denn möchten. Und auch in dem Moment, wo jemand verstirbt, bin ich als Ansprechpartner da.

Manchen fällt es einfach leichter, jemand Fremdem etwas zu erzählen. Diese Arbeit fordert und erfüllt mich, hier kann ich etwas von meinem Wissen weitergeben. Dabei reicht es nicht aus, einfach nur nett zu sein, ich fühle mit ihnen. Vorgespieltes Mitleid wird schnell entlarvt. Die lange Rückfahrt aus der Klinik brauche ich, um mit diesen Geschichten abzuschließen, sie aus meinem Kopf zu bekommen. Warum ich mir so etwas Belastendes antue, fragen mich Freunde. Mir geht es gut. Ich habe drei gesunde Kinder, einen tollen Mann, ein abgesichertes Leben. Zeit also, etwas von diesem Glück zurückzugeben.

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