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Neustart: Rechtschreib-Professor aus Leidenschaft

Bereits in der Grundschule hat Christian Stang Grammatiken gelesen - zu seinem Privatvergnügen. Mit 16, damals in der Lehre bei der Post, hat er einen entscheidenden Brief geschrieben.

Christian Stang, 39

Christian Stang, 39

Abenteuerlich sind aus heutiger Sicht jene Hilfsmittel, mit denen ich im Sommer 1991 einen Brief schrieb: mit einem Computer, der keine Festplatte kannte, einer Tastatur ohne Umlaute und Eszett. Ich wies einen ziemlich bekannten Verlag auf ein paar Rechtschreibfehler in einem seiner Rechtschreibbücher hin. Ein paar Tage später bekam ich eine sehr nette Antwort, in der mir der Verlag versicherte, meine "Entdeckungen" natürlich umgehend bei einer Neuauflage zu berücksichtigen.

Die Mitarbeiter des Verlags waren ziemlich erstaunt, als sich bei einem weiteren Briefwechsel herausstellte, dass sich hinter meinen Zeilen kein Oberlehrer mit weißem Bart versteckte, sondern ein 16 Jahre alter Mann, der kurz zuvor bei der Post seine Ausbildung begonnen hatte. Den Verlag störte aber weder mein Alter noch mein Realschulabschluss. Allein mein Wissen auf dem Gebiet der deutschen Sprache, das ich mir schon als Grundschüler durch Lesen von Grammatiken aneignete, überzeugte. Und nein, ich finde das Thema bis heute ganz und gar nicht langweilig! Ich habe Bücher über Rechtschreibregeln geschrieben und werde den Moment nie vergessen, als ich zum ersten Mal mein eigenes, von mir verfasstes Buch in den Händen hielt. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass sich ein einziger Brief so nachhaltig auf mein Leben auswirken würde.

Das Beste im neuen Leben? Dass es Menschen gibt, die auch einem Exoten wie mir eine Chance geben

Orthografie muss nicht trocken sein

Ich habe auch nach meiner Lehre wirklich gern bei der Post am Schalter gesessen, aber es ist auch ein Glück, dass ich mein Hobby - 20 Jahre nach jenen Zeilen an den Verlag - zum Beruf machen konnte. Ich bin noch immer Postbeamter, wurde jedoch an die Universität Regensburg abgeordnet. Dort darf ich nun den Studenten in orthografischen Zweifelsfällen zur Seite stehen, wobei es mir sehr auf das Wörtchen "darf" ankommt.

Ich werde immer wieder gefragt, warum die deutsche Rechtschreibung so einen großen Reiz auf mich hat. Ich kann es leider auch nicht erklären, aber ich versuche in meinen Büchern und in den Workshops, die ich an der Uni abhalte, deutlich zu machen, dass Orthografie überhaupt nicht trocken sein muss. Und dass Satzzeichen tatsächlich lebensnotwendig sind, beweist ja immer wieder der Klassiker: "Wir essen[,] Opa!"

Geschichten vom Neustart finden Sie in jeder Ausgabe von viva!

Aufgezeichnet von Andrea Schaper
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