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Neustart: Von der Musikerin zur Türmerin

298 Stufen muss Martje Salje unter sich lassen, um zu ihrem neuen Arbeitsplatz zu gelangen: Sie steht als Türmerin auf der Lamberti-Kirche in Münster. Als erste Frau bläst sie von dort das Kupferhorn.

Von Heike Hucht

Martje Salje, 33

Martje Salje, 33

Wollen Sie berühmt werden?" Als Martje Salje die Überschrift der Stellenanzeige ins Auge fiel, glaubte sie zunächst an einen Scherz. Dabei war es der Marketingabteilung der Stadt Münster durchaus ernst, die höchstgelegene Dienststelle der westfälischen Domstadt neu zu besetzen.

"Die Vorstellung, als Türmerin über meine Sehnsuchtsstadt zu wachen, hat mich sofort elektrisiert", erzählt die Historikerin und Musikerin. Statt ihre Bewerbung der Post zu überlassen, fuhr sie von Oldenburg nach Münster, um ihre Mappe persönlich abzugeben. Ob das den Ausschlag für die Zusage gegeben hat, weiß sie nicht. Aber sie ist stolz darauf, dass sie sich als Nordlicht gegen echte Mitbewerber aus Münster durchsetzen konnte - als erste Frau. "Weil ich nicht anders kann, diese Stadt und ihre Geschichte so faszinierend zu finden. Das war schon im Studium so." Deshalb sei ihr der Abschied von ihrer Musikerkarriere, um die sich seit 2003 ihr Leben drehte, kein bisschen schwergefallen.

Das Beste im neuen Leben? Der Ausblick von meinem Arbeitsplatz

Ein Blog ist geplant

Statt weiterhin als Sängerin und Bassistin auf Stadtfesten, Mittelaltermärkten oder Hochzeiten zu rocken, mit Folk, Heavy Metal, Jazz und Klassik, schlägt Salje seit diesem Jahr ganz andere Töne an: Auf dem Turm der Lamberti-Kirche, 298 Stufen über dem Prinzipalmarkt der Domstadt, bläst sie von 21 Uhr bis Mitternacht immer zur vollen und halben Stunde in ein Kupferhorn - nach Süden, Westen und Norden. So will es Münsters Türmertradition seit mehr als 600 Jahren. Außerdem hält sie Ausschau nach Bränden. "Von oben sieht jeder Tag anders aus. Bei gutem Wetter kann man bis zum Teutoburger Wald schauen, bei Nebel kaum bis zum Dom nebenan." Ein einsames Vergnügen, ja, aber eine Aufgabe, die ihr genau den Halt im Leben gibt, den sie bisher so vermisst hatte. Dass sie mit dem Verdienst für ihre 21-Stunden-Woche als arm gilt, trübe weder ihre Lebensqualität noch die Begeisterung. Ein Nebenjob? Erst mal kein Thema. Schließlich gäbe es viel zu tun. Martje Salje plant einen Türmer-Blog: Mit Bildern, Texten und vertonter Literatur will sie Geschichte und Gegenwart zusammenbringen. Und so die Welt an ihrem Glück teilhaben lassen.

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