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Neustart: Weiblich, 53, und endlich Motorradfahrerin

Kathrin Sadée wollte es ihrem Mann nachmachen und das Glücksgefühl nach Motorradtouren spüren. Mit 53 traute sie sich in die Fahrschule. Ihr Neustart.

Von Andrea Schaper

Vor gut einem Jahr habe ich den Motorradführerschein gemacht, Klasse A - ohne PS-Begrenzung. Davor bin ich nie selbst Motorrad gefahren, war aber als Schülerin zwei Jahre lang Sozia bei meinem späteren Mann auf einer Honda CB 200. 35 Jahre lang war Motorradfahren für mich dann kein Thema mehr. Vor drei Jahren hat sich mein Mann eine schwere Maschine gekauft, traute sich aber nicht mehr, mich hintendrauf zu nehmen - er war ja aus der Übung. Von seinen Motorradtouren kam er immer glücklich nach Hause. Ich wollte auch etwas von diesem Glücksgefühl spüren und war trotz geliebter Gartenarbeit ziemlich frustriert, zu Hause bleiben zu müssen. Immer wieder sagte er: "Mach doch auch deinen Führerschein."

Gemeinsame Unternehmungen stärken die Partnerschaft - auch wenn oder gerade weil sie schon lange besteht

Ein halbes Jahr später war ich dann so weit. Der Fahrlehrer unserer Kinder ließ mich erst mal auf seinen Maschinen Probe sitzen, bevor er sich entschloss, mich zu unterrichten. Die Fahrschüler, alles junge Männer, ließen sich während des Unterrichts nichts anmerken, als eine grauhaarige Frau unter ihnen saß. Ich habe mehr praktische Unterrichtsstunden gebraucht als sie, trotzdem habe ich Theorie und Praxis auf Anhieb geschafft. Nur ein einziges Mal hätte ich am liebsten hingeschmissen: am Ende einer Fahrstunde, als eine Mutter ihren Sohn an der Fahrschule absetzte und mich irritiert ansah, wie ich den Helm abnahm und meine grauen Haare zum Vorschein kamen. Ich war mindestens so alt wie sie.

Voriges Jahr bin ich mit meiner BMW F 800 ST gut 11.000 Kilometer gefahren: Bergisches Land, Gardasee, Kärnten und zurück. Ich finde es einfach nur schön. Manchmal kommt es mir merkwürdig vor, wenn ich unseren erwachsenen Kindern erklären muss, warum ich nicht ans Handy gehen kann: Mutter fährt wieder mit ihrem Moped! Das Tolle am Motorradfahren ist, dass man die Umgebung viel unmittelbarer erlebt als beim Autofahren. Dabei schaltet man ab und vergisst den Alltag. Ich glaube nicht, dass ich ein Einzelfall bin. Schließlich ist nicht jeder Motorradfahrer ein Rocker - vielleicht steckt auch mal eine 56-Jährige unter dem Helm.

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