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Bayern-Reihe

Bei Herrmanns dahoam: Preißn, wenn ihr diese Tipps beherzigt, seid ihr beim Oktoberfest vielleicht nicht ganz so peinlich

Für den stern erzählt Autorin Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" so zugeht. In dieser Folge erklärt sie Nicht-Bayern, wie sie beim Oktoberfest weniger peinlich auffallen.

Fröhliche Menschen feiern im Bierzelt

Den vermaledeiten Seppl-Hut tragen beim Oktoberfest nur Deppen!

Getty Images

Wiesn geht wieder los! Das ist immer eine lustige Zeit in München. Dann ist zumindest mal was los! Wir fahren auch jedes Jahr einmal auf die Wiesn. Trinken a Maß oder zwei (eher zwei), essen ein Hendl und schauen den Preißen zu, weil Bayern gibt's da eh wenige. Ist trotzdem lustig, was da so rumläuft!

Alle rennen in irgendeiner Pseudo-Tracht rum und machen einen auf bayrisch, obwohl das, was sie anhaben, genauso viel mit einer Tracht zu tun hat wie ein Stück Toastbrot mit dem vierten Kapitel von Goethes "Faust". Das wissen die nur nicht. Die denken, sie haben tatsächlich eine Tracht beziehungsweise etwas Bayrisches an.

Lassen Sie das!

  • Wenn Sie zum Beispiel für zehn Euro an einem der 115 Stände einen "Seppl-Hut" erstehen, hat das überhaupt nix Bayrisches, Sie sorgen nur dafür, dass man Sie schon auf 100 Meter Entfernung als Auswärtigen erkennt.
  • Das gleiche gilt für ein Halstuch – egal welcher Art und egal ob Mann oder Frau. Wir tragen hier keine kleinen viereckigen Halstücher schief zusammengeknotet nah am Kehlkopf. Das einzige Tuch, das zu einer Tracht gehört, ist ein traditionelles Seidentuch und wird ausschließlich von Frauen über dem oberen Schulterbereich getragen.

Basiswissen für die Dame

  • Ein Dirndl hat keinen Tüll, keinen Strass, keine Herzchen und keine Swarowski-Steine! Es ist nicht schulterfrei und hört nicht direkt über dem Arsch auf. Man trägt dazu weder Sneakers noch 15-Zentimeter-High-Heels.
  • Die ganzen Möchte-gerne-C-Promi-Mädels, die vor dem Käferzelt warten, damit sie da irgendwie reinkommen, mögen sich vielleicht recht authentisch finden. Aber wenn man eine riesige Pfauenfeder auf dem halb Hut, halb Fascinator trägt, ist das das Pendant zum Seppl-Hut und passt eher in den Fasching. Der ist aber dann in Köln, soweit ich weiß.

Dresscode für Männer

  • Eine Lederhose, die man beim asiatischen Onlinehändler Alibaba für 22,50 Euro ersteht, hat nicht wirklich viel Ähnlichkeit mit einer richtigen Lederhosn. Eine richtige Lederhose hat handbestickte Träger und kostet mehr als 1000 Euro. Es gibt akzeptable Modelle um die 200 Euro, die als Tracht durchgehen. Aber halt nicht bei Alibaba. Eine Lederhose trägt man in der Regel um die 20 Jahre lang, wenn man noch reinpasst, auch länger. Die Lederhose wird auch nie gewaschen. Es ist okay, wenn sie speckig ist. Das muss so. Tut dem Leder gut.
  • Wir tragen keine Chucks oder Turnschuhe zur Tracht. Es gibt auch bezahlbare Haferlschuhe. Wenn Sie keine Haferlschuhe haben, lassen Sie die Tracht aus und gehen in Jeans und T-Shirt. Das ist weit besser!
  • Zur Tracht wird ein weißes Hemd getragen. Kein kariertes, kein blaues, kein rosafarbenes. Einfach nur weiß mit braunen Hirschhorn-Knöpfen. Auch das ist bezahlbar, zumal Sie dieses Hemd jedes Mal zu der Lederhosn tragen können und es nicht ausgetauscht werden muss.
  • Die Strickstrümpfe, die Sie tragen, können beige, grau oder braun sein. Das kommt auf die Farbe der Lederhose an. Bei uns hat jede Kleinstadt eine eigene Tracht, aber da fang ich jetzt gar nicht erst an, die Unterschiede zu erklären.
  • Sie können einen Hut tragen, aber nur einen braunen mit einem fichtengrünen Band. Ein Gamsbart ist durchaus original bayrisch. Es handelt sich tatsächlich um die Haare von Gämsen, die in einem aufwendigen Verfahren aufbereitet werden. Ein Gamsbart ist teuer. Wenn jemand einen besonders großen trägt, weist dies auf sein Vermögen hin. Allerdings nicht in Form von Porsche und Luxusvilla, sondern in Form von 3000 Hektar Weideland, 4 Eigentumswohnungen, 6 Traktoren, große Landwirtschaftsmaschinen, Baugrund für 6 Doppelhäuser und 140 Milchkühe. Außerdem den obligatorischen Mercedes.
  • Vernünftige Lederhose, weißes Hemd, Haferlschuhe und adäquate Strümpfe reichen für München. Die Strümpfe gehen bis unters Knie. Wenn Sie ein Hänfling sind, der keine Wadln hat, nehmen Sie einen kleinen Gummi um die Strümpfe unterm Knie, damit die nicht runterrutschen, und schlagen die Socken fünf Zentimeter darüber.
  • Tragen Sie niemals diese Wadlwärmer, die gar keine richtigen Socken sind, weil die Knöchel freiliegen!

Im Bierzelt überleben

  • Falls Sie in ein Bierzelt kommen (das ist nicht sicher), bestellen Sie mit Sicherheit eine Maß! Deswegen ist man ja am Oktoberfest, oder? (Übrigens heißt es Maß! Nicht Maaaaas.)
  • Wissen Sie eigentlich was Sie da trinken? Das ist ein Helles! Ich kann schon Ihr fragendes Gesicht sehen. Nein, kein helles Weißbier. Ein Helles! Ein helles Bier! Kein dunkles! Jenseits von Stuttgart kennt das nämlich kein Mensch, habe ich festgestellt. Bei uns gibt's Weißbier, Pils, dunkles Bier und helles Bier.
Porträt Claudia Herrmann

Claudia Herrmann sagt über sich selbst: "Ich bin nicht die beste Mutter und auch nicht die beste Ehefrau. Und ganz sicher nicht die beste Tochter. Perfektion können andere – ich nicht. Ich habe irgendwann beschlossen, dass mir das egal ist. Das klappt am besten mit einer Riesenportion Selbstironie."

Wenn man fragt: "Host du a Biar do?“, bringt der Gefragte ein Helles. Sonst hätte der Fragende nach einem Weißbier oder Ähnlichem verlangt. Ein Starkbier ist ein dunkles Bier mit einer hohen Stammwürze. Ein Helles mit einer hohen Stammwürze wird oft Export, Edelstoff oder dergleichen genannt. Das Bier, das Sie im Maßkrug bekommen, ist also immer ein Helles mit einer normalen Stammwürze. Alles verstanden? Also, ehrlich gesagt, wissen das bei uns schon die kleinen Kinder.

Bitte bestellen Sie das Essen nicht auf Österreichisch!

Im besagten Wiesn-Zelt wollen Sie ja dann sicher etwas essen.

  • Bestellen Sie keine "Jause". Den Begriff gibt’s bei uns gar nicht. Das ist ein Brotzeitbrettl.
  • Eine Weißwurst wird folgendermaßen bestellt: "Chefin! I hätt gern zwoa Weißwiascht!" Die georderte Weißwurst wird dann entweder gezuzelt oder Sie essen sie alternativ mit dem Messer. Das ist ok. Dazu schälen Sie die Weißwurst, schneiden sie in kleine Stückchen, spießen die Stückchen mit der Messerspitze auf, rein in den Senf (süßer Senf!) und ab in den Mund. Die Gabel ignorieren Sie.
  • Es gibt keinen Angebatzten! Es gibt bloß an Obatzdn.

Kleine Gesellschaftskunde zur schmerzfreien Kommunikation

Im Bierzelt ist es sehr gesellig. Sie werden also mit Sicherheit jemanden kennenlernen. Hier ein paar Hilfestellungen zu Abklärung der Namen und Sitten.

  • Der Wiggal ist in Wirklichkeit der Ludwig. Der Bäda ist der Peter. Der Fonsi wurde Alfons getauft und des Mirli, ist die Miriam.
  • Wenn Sie mit Ihren neu gewonnenen Freunden mit Ihrem Maßkrug (mit dem Hellen drin) anstoßen, halten Sie den Maßkrug ausschließlich am Henkel. Der Henkel zeigt zu Ihnen. Falls Sie den Maßkrug mit der umschlossenen Hand greifen, werden alle Personen mit denen Sie anstoßen, versuchen, Ihnen mit dem eigenen Maßkrug auf die Knöchel zu prosten. Tut schon a bisl weh. Warum die das tun? Aus Prinzip – so hält man keinen Maßkrug.
  • Irgendwann sind Sie dann vielleicht etwas betrunken. Im Bayrischen können Sie das kundtun als: I glaub, i hob an kloin Suri! – oder, wenn's mehr ist: bsuffa, voll, dicht, hacke, ogschdocha und zua.
  • Wenn Ihr Gegenüber Ihnen erklärt, dass sein Kumpel für heute die "finale Grätsche" gemacht hat, so heißt das, dass dieser für heute wahrscheinlich nicht mehr mittrinken beziehungsweise mitfeiern kann.

Wenn Sie sich an all das halten, gehen Sie vielleicht halbwegs als Bayer durch. Ach ja: Gehen Sie nicht in das Weinzelt. Das können Sie bei der Franken-Rundreise machen, aber bitte nicht am Oktoberfest! An alle Mädels: Affektiert Prosecco trinken in Chi-Chi-Dirndl und den Glitzerpumps ist überhaupt nicht cool, sondern peinlich.

Ach ja, und nun noch eine todsichere Methode, wie wirklich jeder, selbst auf weite Entfernung erkennt, dass Sie nicht aus Bayern stammen, ohne dass Sie ein Wort gesagt haben: Tragen Sie irgendwas Rot-weiß-Kariertes!

Dirndl-Ausschnitt auf dem Oktoberfest

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