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Nach Paris-Anschlägen: Jetzt müssen wir erst recht ausgehen!

Wir dürfen jetzt nicht aufhören zu feiern, zu lachen und zu tanzen. Als eine Hommage an unseren freien, europäischen Lebensstil. Sonst haben die gewonnen. #ParisIsAboutLife

Ein Kommentar von Henriette Hell

Der Karikaturist Joann Sfar hat Tausenden Menschen aus der Seele gesprochen

Der Karikaturist Joann Sfar hat Tausenden Menschen aus der Seele gesprochen

"Friends from the whole world, thank you for #prayforparis, but we don't need more religion! Our faith goes to music! Kisses! Life! Champagne and joy!", fordert der französische Karikaturist Joann Sfar auf Instagram. Seine Worte klingen in meinen Ohren erlösend, weil sie lebensbejahend und voller Stolz sind. Auf unseren europäischen Lebensstil, der die schönen Dinge unseres Menschseins zelebriert. Und damit werden wir jetzt, verdammt nochmal, nicht aufhören.

Samstag habe ich das, zugegeben, noch nicht ganz so deutlich gesehen. Da waren vor allem Fassungslosigkeit und auch Furcht. Wie ein Zombie hing ich den ganzen Tag vor dem Fernseher, tappte mich durch Sondersendungen zum Thema "Terror in Paris" und checkte alle paar Minuten die neuesten Posts zum Thema auf Facebook. Jeder, der in jenen Stunden Selfies oder Schnappschüsse von seinem Mittagessen postete, outete sich in meinen Augen als pietätloser Trampel. Aber irgendwann holte es mich selbst wieder ein, mein ganz normales Leben. Gegen 19 Uhr poppte auf meinem Handy eine Benachrichtigung von Facebook auf: "Nicht vergessen: Freund XY hat dich zu Konzert XYZ auf der Hamburger Reeperbahn eingeladen."

Mist, dachte ich. Heute noch raus? Zum Feiern?! Auf ein Konzert?!?!

Und dann auch noch auf dem "sündigen" Kiez? In einem angeblichen Bekennerbrief des Islamischen Staates hieß es immerhin, Paris sei "erst der Anfang" und, dass man sich Paris u. a. als Ziel ausgesucht habe, weil sie "die Hauptstadt der Unzucht und Laster" sei. Und was ist dann bitte die Reeperbahn?!

Ich schreibe meinem Kumpel eine Nachricht, in der ich meine Bedenken äußere. Er antwortet prompt: "Fang nicht so an. Dann darfst du nie wieder rausgehen. Sterben kannst du immer und überall. Wenn schon, dann lieber in einer Kneipe bei Bier und guter Musik als zu Hause an einer Erdnuss in der Luftröhre." Er hatte natürlich Recht. Die Terroristen wollen, dass wir ein Leben in Angst führen! "Wenn du jetzt zu Hause bleibst, dann haben die gewonnen", schrieb mein Freund noch hinterher. "Los, komm, wir gehen raus und feiern das Leben!"

Also zog ich mich an und lief los

Zu einem ähnlich gut gebuchten Konzert wie das der Eagles of Death Metal am Freitagabend im Bataclan Theater (die sich selbst schon mehrfach live gesehen habe), wo sich laut IS "Hunderte Heiden zu einem Konzert von Prostitution und Sünde zusammenfanden" und "Sprengstoffgürtel in den Massen der Ungläubigen gezündet" wurden. Im Bekennerschreiben der IS hieß es zudem: "Dieser Überfall ist nur der erste Tropfen Regen und eine Warnung." Terrorexperten schätzten das Risiko weiterer Anschläge als "sehr hoch" ein. 

Klar ist, es kann jeden treffen, jederzeit, überall. Vor allem in den Großstädten. "Ist es wirklich Glück oder Zufall, dass bei uns noch kein größerer Anschlag stattgefunden hat? Ist nach gestern alles anders?", fragte Jan Böhmermann zeitgleich in seinen "100 Fragen zu Paris und Terror" in einem Post auf Facebook. Die beste: "Warum habe ich vor diesen Typen keine Angst?"


Auch die Hamburger fürchten sich nicht

Rund 9000 Menschen zogen am Samstagnachmittag (das Timing war Zufall) unter dem Motto "Refugees welcome – heißt gleiche Rechte für alle" durch die Innenstadt. "Vor dem Hintergrund des Terrors in Paris ist ein Zeichen der Solidarität und des Zusammenhalts nun noch wichtiger geworden", erklärte eine Organisatorin.

In Paris hielten sich am Samstag viele Bewohner an die Empfehlung der Behörden, zu Hause zu bleiben. Doch nicht jeder hat Lust darauf – schon aus Protest: "Wir dürfen jetzt nicht klein beigeben, dann hätten die Terroristen gewonnen", äußerte sich etwa ein Rentner gegenüber der "FAZ". Auch das Kaufhaus Galeries Lafayette hatte geöffnet – "denn es geht gerade darum, als Zeichen gegen den Terror Normalität zu demonstrieren", erklärte ein Sprecher.

Auf der Reeperbahn tobte das Leben

Normal ging es am Samstagabend auch auf dem Hamburger Kiez zu. Die S-Bahn in Richtung Reeperbahn war, wie immer, zum Bersten gefüllt. Die Kneipen? Platzten aus allen Nähten. Die Schlangen vor den Clubs? Waren lang. Die Junggesellenabschiede? Waren so vulgär und laut wie eh und je. Unterwegs sah ich einen britischen Bräutigam in spe in einem überdimensionalen Penis-Kostüm. Seine Freunde zwangen ihn, mit Eierlikör zu gurgeln, damit es so aussah, als würde er abspritzen. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Das war einfach zu dämlich.

Ich nehme an, die britischen Jungs hatten ihren Trip nach Hamburg lange geplant und wollten sich jetzt nicht den Spaß verderben zu lassen. Nicht vom IS. Auch in dem lauschigen Club, in dem das Konzert stattfinden sollte, war die Stimmung ausgelassen. Ein angetrunkener Niederländer knallte zweimal nacheinander vom Barhocker. Der ganze Laden lachte ihn lauthals dafür aus. Er selbst lachte ebenfalls. Ich fand es schön, dass gemeinsam gelacht wurde. Und noch schöner, als später zur Musik der Band auch noch getanzt wurde. Weil wir es jetzt erst recht krachen lassen müssen.

Mutige Madonna

So wie Madonna, die am Wochenende bei einem Konzert in Stockholm zu einer Schweigeminute für die Opfer von Paris aufrief. Sie wollte ihren Auftritt wegen der Terroranschläge zuerst absagen, erzählte sie ihrem Publikum – doch dann habe sie gedacht: "Warum sollte ich ihnen (den Terroristen) das zugestehen? Warum sollte ich ihnen erlauben, mich, uns, zu stoppen?" Sie weinte und sagte, dass sie sich zerrissen fühle. "Während ich singe und tanze und Spaß habe, trauern andere um ihre Liebsten." Es habe sie den ganzen Tag verfolgt. Doch genau das sei es, was die Terroristen wollten: "Sie wollen uns mundtot machen." Das lasse sie nicht zu. "Niemand hat das Recht, uns davon abzuhalten, zu tun, was wir lieben." Damit hat mir Madonna aus dem Herzen gesprochen. Ihr Mut hat mich zutiefst beeindruckt. Denn Liebe ist stärker als Hass.  

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