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Polemik: Warum ich Weihnachtsmärkte immer noch bescheuert finde

Mit seiner Polemik gegen Weihnachtsmärke hat Kester Schlenz vor zwei Jahren ordentlich polarisiert. Inzwischen hat er weitere Erfahrungen gesammelt - und legt noch einmal nach.

Weihnachtsmarkt

Der Weihnachtsmarkt in Darmstadt ist typisch für viele andere: Hier gibt's vor allem Glühwein.

Vor zwei Jahren habe ich hier geschrieben, warum ich Weihnachtsmärkte ätzend finde. Selten habe ich auf einen Artikel mehr Reaktionen bekommen. Vor allem negative. Ich wurde als Linker, Vaterlandsverräter, Abnormer, Lügen-Presssack, Hassprediger und Idiot beschimpft. Ich habe mich daraufhin streng geprüft und bin noch einmal auf zwei Weihnachtsmärkte gegangen. Im Folgenden fasse ich nun zusammen, was ich damals gegen diese klebrigen Veranstaltungen einzuwenden hatte und ergänze diese Kritik durch neue, knallharte Recherche vor Ort.

Also: Für mich sind Weihnachtsmärkte noch immer das nackte Grauen. Es ist kalt. Es ist eng. Es ist nass. An zahllosen Glühweinständen stehen dick eingemummelte Passanten und löten sich systematisch die Birne mit billigstem Fusel aus der Kategorie "Chateau Migraine" zu. Irgendwann torkeln sie hilflos zwischen "lichtdurchwirkten Tannengirlanden" umher. Der meiste Glühwein müsste mit folgender Zusatzinfo ausgestattet werden: "Von deutschen Händlern mit Zucker auf Trinkstärke herabgesetzt. Auch zum Abbeizen von Möbeln geeignet."

Triefendes Fettgebäck wird auf allen Märkten zu überhöhten Preisen feilgeboten. Verkohlte Würste und Fleischspieße müssen im Stehen runtergewürgt werden. Gigantische Schwenkpfannen an Eisenketten über offenem Feuer, in denen Bratkartoffeln und sehnige Fleischbatzen kokeln, simulieren mittelalterliche Gemütlichkeit. Allüberall preisen Leute mit roten Mützen auf dem Kopf Tinnef an, der dann nach dem Glühwein-Genuss von willenlosen Sedierten für Unsummen erstanden wird. Zuhause steht man kopfschüttelnd vor dem chinesischen "Kunsthandwerk aus dem Erzgebirge", den klobigen Kerzen, den rüschigen Rauschgold-Engeln und dem Christbaumschmuck zum Eierabschrecken. Gut, dass man den entfesselten Glasbläsern und Bernsteinschleifern noch entkommen ist. Aber halt – was piekst da in der Tasche? Misteln aus dem Elsass. Gute Güte, was mag man noch alles im Suff erstanden haben!

Irgendwo steht immer ein armer Student 

Karussells mit frierenden Kindern drehen sich, denen von der vielen Zuckerwatte, den "Zyklopen-Fleischspießen" und den schmiedeeisernen Waffeln schon schlecht ist. Und irgendwo steht immer ein armer, frierender Student und bläst "Leise rieselt der Schnee" in ein Saxofon. Nicht weit davon schüttelt ein Zirkusmann rhythmisch fordernd eine Spendendose und bittet um milde Gaben für das Winterfutter seines träge neben ihm äpfelnden, dicken Ponys. Und über allem schwebt wie eine Abgaswolke der Sound grauslich-kitschiger Weihnachtsmusik. Und in jedem Song - in jedem! - hört man das enervierende Geräusch dieser Jingle Bells am Schlittens von Santa Claus. Apropos Santa Claus - es stehen und torkeln  ja unzählige Weihnachtsmänner auf diesen Märkten herum. Wie sollen unsere Kids denn an den Typen glauben, wenn der in Hundertschaften öffentlich unterwegs ist?

Aber immer, wenn man sich über Weihnachtsmärkte beschwert, dann sagt einer: "Aber der in (tragen Sie hier den Namen irgendeiner malerischen Stadt in Ihrer Nähe ein), also der soll wirklich schön sein." Und dann lässt man sich überreden, fährt da hin, parkt auf einem gigantisch teuren Parkplatz, steigt aus dem Auto - schreitet durch lichtdurchwirkte Tannengirlanden, steht vor der mittelalterlichen Schwenkpfanne und hört die Jingle Bells, den lustlos blechblasenden Studenten und das Gelalle der Glühwein-Benebelten. Na, dann: Prost!

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