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Hamburger Preis für Flüchtlingshilfe "Die haben den Spirit nicht verstanden"


Geld für die besten Ehrenamtlichen – so könnte man zynisch zusammenfassen, was sich das "Hamburger Abendblatt" und die PSD Bank Nord ausgedacht haben. Die in Facebook-Gruppen organisierten Freiwilligen haben keine Lust auf Konkurrenz untereinander.
Von Susanne Baller

Gemeinsam mit der PSD Bank Nord hat sich das "Hamburger Abendblatt" etwas ganz Tolles ausgedacht: einen 50.000-Euro-Preis für Hamburgs beste Flüchtlingsinitiative wollen sie vergeben. Man möchte "fünf vorbildliche Projekte in der Metropolregion" und damit das Engagement der Ehrenamtlichen auszeichnen, wie das "Hamburger Abendblatt" ankündigte. Bis zum 30. Oktober kann man sich per Post ans "Abendblatt" für den Preis bewerben.
In den Facebook-Gruppen der verschiedenen Hamburger Ehrenamtlichen kommt die Idee bei manchen allerdings gar nicht gut an. "Als würden wir konkurrieren!", heißt es dort entsetzt. "Die haben den Spirit nicht verstanden." Die Hilfsgruppen sind untereinander bestens vernetzt und unterstützen sich gegenseitig. Wo’s brennt, eilen sie zu Hilfe: Wenn frisch eingetroffene Menschen im Bergedorfer Ex-Max-Bahr-Baumarkt untergebracht werden, wo es nach Reinigungsmitteln stinkt und Glasscheiben nicht das geringste Minimum an Privatsphäre bieten, düsen sie los. Und kleben die halbe Nacht hindurch die Fenster ab, organisieren Schlafsäcke, damit die Migranten, die es vorziehen draußen zu schlafen, es warm haben.

Wenn in Eidelstedt in einer kalten Nacht Flüchtlinge am Praktiker-Baumarkt ankommen, verabreden sie sich zu Fahrgemeinschaften, die mit heißem Tee im Gepäck gucken wollen, ob sie helfen können. Auch wenn bereits bekannt ist, dass Hamburgs Unterkunftsorganisator Fördern & Wohnen die Art von Hilfeleistung als hinderlich empfindet: Die Ehrenamtlichen können nicht gemütlich ins Bett gehen bei dem Gedanken, dass andere gleichzeitig leiden.

"Beispielhaftes Engagement"

"Hamburg hat so früh wie keine andere deutsche Stadt eine besondere Willkommenskultur für Flüchtlinge entwickelt. Das ehrenamtliche Engagement Tausender Menschen ist beispielhaft", wird "Abendblatt"-Chefredakteur Lars Haider zitiert. Ob das stimmt, lässt sich schwer überprüfen, in fast allen deutschen Städten haben sich freiwillige Helfer organisiert, an Bahnhöfen gestanden, Wasser verteilt. Und tun es immer noch, der Flüchtlingsstrom reißt ja nicht ab und die Behörden kommen nicht hinterher: Private Unterstützung ist ein wesentlicher Bestandteil der "Willkommenskultur" überall.
Wo die Hamburger vielleicht ein bisschen anders sind, ist im radikalen "Nein, danke"-Sagen. Das Geld wäre sicherlich besser angelegt, wenn es in Unterkünfte, Heizungen und Wolldecken investiert würde. Denn in der Hansestadt wird’s gerade kalt. Und ein Bett haben hier noch lange nicht alle.


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