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Hilfe für Eltern in der Krise Damit Väter nicht zu Gewalttätern werden


Wenn Kinder misshandelt werden, ist ihr eigener Vater oft der Täter. Ein Projekt des Jugendamts Stuttgart will präventiv wirken – und Männer lehren, gute Väter zu sein.
Von Ingrid Eißele

Leonie* kam am 24. November 2014 zur Welt, 2860 Gramm, 50 Zentimeter, ein winziger, schutzbedürftiger Mensch. Wenige Tage später wurden ihre Eltern vom Jugendamt zu einem Gespräch gebeten. Um das Paar herum saßen zwölf Experten fürs Kindeswohl: Ärzte, Kinderkrankenschwestern, Mitarbeiter von Kinderschutzbund und Jugendamt. "Sie wollten wissen", so der Vater, "ob unser Kind bei uns leben kann."

Robin Schultz*, 38, und seine Freundin Miriam Müller*, 33, sind Ex-Junkies. Schultz, gelernter Handwerker, konsumierte viele Jahre Ecstasy, Heroin, Kokain, Alkohol, Tabletten. "Ich war zum Schluss ein Tablettenwrack. Die Droge hat zu meinem Leben gehört wie die Luft zum Atmen", sagt er. Auch Miriam Müller hatte jahrelang "so ziemlich alles" genommen, bis sie einen Entzug gemacht hatte. Mit Erfolg. Dann aber, vor fünf Jahren, bekam sie mit einem anderen Mann ihre erste Tochter Sarah* – und wurde rückfällig. Sie fühlte sich mit dem Baby überfordert und gab es freiwillig zum Vater. Sarah lebt seitdem bei ihm.

Drei Kinder sterben pro Woche

Als Leonie geboren wurde, galt ihre Mutter schon seit vielen Jahren beim Jugendamt als kritischer Fall. Sie war zwar im Substitutionsprogramm und verzichtete auf "Bei-Konsum", also auf andere Drogen – aber ihre Betreuer waren unsicher, ob sie in der Lage war, Leonie zu versorgen.

Jede Woche sterben in Deutschland drei Kinder, weil sie vernachlässigt werden. Der dreijährige Alessio aus dem baden-württembergischen Lenzkirch wurde lange Zeit von seinem Stiefvater verprügelt – bis er starb. In Hamburg-Finkenwerder postete ein 26-jähriger Vater kürzlich nur ein einziges Wort auf Facebook: "Stinksauer". Wenige Stunden danach misshandelte er sein zwei Monate altes Baby so sehr, dass es in Lebensgefahr schwebte.

Vorbeugung statt Zwang

Jedes zweite der getöteten Kinder ist jünger als zwei Jahre – die sprachlosen ersten Jahre gelten als die gefährlichsten. Und oft sind es die Väter, von denen die Gewalt ausgeht. Im Jahr 2013 gaben die Behörden mehr als 40.000 Kinder in Pflegefamilien und Heime, 30 Prozent mehr als noch fünf Jahre zuvor. Inzwischen aber werden diese rigorosen Maßnahmen mehr und mehr kritisiert, weil sie teuer und wenig erfolgreich sind. Auch der Kinderschutzbund verlangt: Vorbeugung statt Zwangsmaßnahme.

Ein Ansatz, wie das gelingen kann, wird seit einem halben Jahr in Stuttgart getestet: im Pilotprojekt "Kinder schützen – Eltern unterstützen". Neu an der Arbeit der Experten hier ist die stärkere Konzentration auf die Rolle der Väter. Bisher hätten Jugendämter oft noch eine zu traditionelle Vorstellung von elterlicher Verantwortung, sagt Sozialpädagogin Marina Schmidt, die das Projekt leitet. In der Regel sei es bei gefährdeten Familien die Mutter, die beweisen müsse, dass sie sich kümmere. Der Vater dagegen gelte "nur als Besucher". Das aber werde seiner zentralen Rolle in der Familie nicht gerecht. Denn Väter können auch diejenigen sein, die stabilisieren.

Ersatzdrogen helfen

Auf dem Couchtisch in der Dreizimmerwohnung von Miriam und Robin liegt eine Schachtel Subutex, ein hoch dosiertes Schmerzmedikament, verschrieben vom Arzt. Beide Eltern müssen es morgens und abends schlucken. Die legale Ersatzdroge verhindert nicht die Sucht, aber den Zwang, zum Dealer zu laufen, "wenn man affig wird", wie Robin Schultz die Gier nennt.

Anfang 2014, als Miriam mit Leonie schwanger wurde, war es für Robin und sie "ein Schock". Dennoch entschieden sie sich für das Kind. Und sahen es als Chance für ein neues Leben. Nach der Geburt musste Leonie drei Wochen lang von den Medikamenten der Mutter entwöhnt werden. Eine harte Zeit für die Kleine. "Sie war angespannt, als hätte sie die Grippe", sagt Schultz.

Pilotprojekt – mit Papa

Zunächst konzentrierten sich die Mitarbeiter im Stuttgarter Jugendamt auch bei ihnen vor allem auf die Mutter. Miriam Müller sollte mit Leonie zur Beobachtung in einer Wohngruppe leben, die speziell für Mütter direkt nach der Geburt zur 24-Stunden-Betreuung eingerichtet worden war. Doch Robin wollte dabei sein. Und so fanden sie einen Platz im Pilotprojekt von Marina Schmidt.

"Die vom Jugendamt dachten, da kommen zwei Kaputte, die nur an ihre Sucht und nicht an ihr Kind denken", sagt Miriam Müller. Zwölf Tage dauerte das "Clearing", die Begleitung der Familie in einer vom Jugendamt eingerichteten Wohnung – Tag und Nacht, immer wieder auch mit Videokamera. "An den ersten beiden Tagen war es komisch, wenn jemand mit Stativ und Videokamera hinter einem stand und filmte", sagt Schultz.

Bedürfnisse verstehen lernen

"In einem Gespräch mit dem Jugendamt kann sich jeder gut verkaufen", sagt Betreuerin Marina Schmidt, "nicht aber, wenn man zwölf Tage lang unter Beobachtung steht. Da erkennt man, wann Eltern ihre Grenzen erreichen." Spätestens am dritten Tag, so Schmidt, zeige sich, wie sie ihr Kind wirklich behandeln. Robin Schultz brauchte eine Weile, bis er begriff, dass die Betreuer ihn und seine Familie nicht belauern, sondern ihm dabei helfen wollten, die Bedürfnisse seiner Tochter besser zu verstehen. "Ich war erschrocken, als ich mich später auf Video beim Wickeln von Leonie sah – das wirkte, als stünde ich bei Daimler am Fließband. Ich habe sie abgefertigt, schnell, schnell, und kaum mit ihr gesprochen. Leonie gab mir Zeichen, dass sie das nicht so prickelnd fand, sie ruderte mit den Armen." Im Lauf der zwölf Tage verstand er, dass es nicht darum geht, perfekt zu wickeln – sondern um das innige Zwiegespräch mit seiner Tochter.

Gute Väter, sagt Marina Schmidt, müssten in der Lage sein, die Bedürfnisse ihres Kindes zu erkennen und die eigenen zurückzustellen. Väter müssten verstärkt als "Ressource" für Kleinkinder gesehen werden, wenn die Mutter ausfällt, etwa weil sie schwer depressiv ist und nicht wahrnimmt, wie ihr Kind leidet. "Väter kuscheln weniger, aber sie zeigen Präsenz, spielen mit ihrem Kind, und sie fühlen genauso mit. Wir schauen, ob der Vater das kann, und falls ja, welche zusätzliche Hilfe er braucht. Dann machen wir ihn fit."

Vorbilder fehlten

Bei Robin Schultz war schnell klar: Er kann es, geht feinfühlig mit seiner Tochter um. "Wenn Sie Leonie wären, was würden Sie sagen?", fragte Marina Schmidt ihn immer mal wieder. "Dann konnte er sich sofort in seine Tochter versetzen."

Aber er war ängstlich. Ihm fehlten die Vorbilder. "Ich kannte das nicht, Familie. Als Kind fühlte ich mich oft schlecht", sagt er. Er wuchs ohne Vater auf, der Stiefvater gab ihm das Gefühl, nichts wert zu sein.

Risiko des Rückfalls

Aus dem Nebenraum hört man ein leises Meckern. Zwei Köpfe fahren herum. Miriam Müller holt Leonie. Robin Schultz bettet sie auf seine Knie. Und sie wird ruhig und schaut ihren Vater aufmerksam an.

Was aber, wenn das Verlangen nach Drogen plötzlich wieder stärker wird? Würde er dann alles stehen und liegen lassen? "Das Risiko eines Rückfalls ist immer da", sagt Robin. "Aber wenn ich mir die kleine Maus anschaue, weiß ich, es gibt keinen."

Alles also eine Frage des Willens? Ja, sagt er. Und der Bereitschaft, Hilfe anzunehmen. Manchmal wurde Miriam während des Fütterns von Leonie fahrig, sie schwitzte, sie brauchte ihre Tabletten. Man habe zusammen "ein Zeitmanagement erarbeitet", sagt Marina Schmidt, damit Leonie rechtzeitig versorgt war. Gemeinsam machten sie einen Tagesplan.

Regelmäßiger Besuch

Mit dem Programm würden sich auch Misshandler wie der Stiefvater von Alessio besser enttarnen lassen, glaubt Marina Schmidt. "Denn gerade solche Menschen geraten schnell an ihre Grenzen." Wichtigster Indikator: das Baby selbst. Seine Alarmsignale. Meidet es Körperkontakt, überstreckt es sich, verweigert es das Fläschchen, ist es einfach nicht zu beruhigen?

Einmal pro Monat besuchen die Leute vom Jugendamt die Familie und schauen, wie es Leonie geht. Sie ist jetzt siebeneinhalb Monate alt, wiegt 7300 Gramm. Schultz hat nach jahrelanger Arbeitslosigkeit wieder einen Job gefunden.

"Man kann nichts für die Ewigkeit sagen", sagt Marina Schmidt. "Aber ich sehe, dass das Kind für die beiden das Wichtigste ist. Die Mutter hat eine Seelenruhe, der Vater lässt sich voll auf Leonie ein. Sie würden nichts vertuschen. Und das Wichtigste ist: Sie sind offen für Hilfe." Schultz hält Leonies Hand, langsam sinken ihre Augenlider, dann schläft sie ein. Die Mutter nimmt sie behutsam auf den Arm und trägt sie ins Bett. 

*Namen von der Redaktion geändert


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