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Proteste gegen sexuellen Missbrauch: Aufschrei auf Brasilianisch

Frauen sind selbst schuld, wenn sie vergewaltigt werden. Das glaubten laut einer Studie 65 Prozent der Brasilianer. Proteste wurden organisiert, die Politik mischte sich ein. Doch die Zahlen lügen.

Von Viktoria Meinholz

Ich verdiene es nicht, vergewaltigt zu werden", hat sich Nana Queiroz auf die Arme geschrieben, mit denen sie ihren nackten Oberkörper bedeckt. Die brasilianische Journalistin hat in ihrem Heimatland eine Kampagne gegen sexuelle Belästigung gestartet. Über Facebook, Twitter, Tumblr und Instagram beteiligten sich bereits Hunderte Männer und Frauen unter dem Hashtag "NãoMereçoSerEstuprada" ("Ich verdiene es nicht, vergewaltigt zu werden") an der Aktion. Auslöser für den digitalen Aufschrei war eine am 27. März veröffentlichte Studie des Statistikinstituts IPEA.

Demnach stimmen 65 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass Frauen, die körperbetonte Kleidung tragen, es verdienen, vergewaltigt zu werden. Mehr als die Hälfte der 3800 befragten Brasilianer waren zudem der Meinung, dass es weniger Vergewaltigungen gäbe, wenn Frauen sich angemessener benehmen würden.

Ein Ergebnis, dass in dem südamerikanischen Land zu hitzigen Debatten führte. Selbst Präsidentin Dilma Rousseff äußerte sich auf Twitter: "Die Forschung zeigt, dass die brasilianische Gesellschaft noch immer viel für die Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen tun muss." Laut der Gesundheitsbehörde werden in Brasilien pro Jahr mehr als 500.000 Frauen vergewaltigt. Rousseff sprach der Initiatorin der Kampagne ihren Respekt aus.

Zwei von drei Brasilianern geben Frauen die Schuld, wenn sie Opfer sexueller Belästigung werden. Ein Wert, der schockiert. Und ein Wert, der nicht stimmt. Peinlicherweise wurden bei der Veröffentlichung der Studie die Antworten zweier Fragen vertauscht. Nicht 65 Prozent, sondern 26 Prozent stimmen der Aussage zu, dass es Frauen in körperbetonter Kleidung verdienen, vergewaltigt zu werden. Ein noch immer viel zu hoher Wert, aber meilenweit entfernt von den zuvor verbreiteten 65 Prozent. Das IPEA entschuldigte sich eine Woche nach der offiziellen Veröffentlichung für den peinlichen Fehler. Zwei Grafiken waren verwechselt worden. Die 65 Prozent Zustimmung gehörten eigentlich zu der Aussage, "dass es Frauen, die von ihrem Partner angegangen werden und bei ihm bleiben, gefällt, Schläge einzustecken". Auch kein Ergebnis, dass den Protest junger Männer und Frauen bremsen wird.

Doch hat Brasilien ein Problem mit sexueller Gewalt gegen Frauen? "Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Viertel der Brasilianer tatsächlich behauptet haben sollte, dass Frauen, die körperbetonte Kleidung tragen, es verdienten, vergewaltigt zu werden", sagt Markus Klaus Schäffauer, Professor für portugiesische Literatur an der Universität Hamburg. Der Brasilien-Experte rät zu Vorsicht bei solchen Studien, da Fragen oft missverständlich formuliert würden. So könnte die diskutierte Aussage auch so gedeutet werden, dass Frauen, die sich "unangemessen" kleiden oder verhalten, wahrscheinlicher Opfer einer Vergewaltigung werden. "Das ist eine Frage der Wahrscheinlichkeit, aus der traurigen Einsicht heraus, dass es Vergewaltigungen gibt, und nicht eine der Moral, aus der stillschweigenden Komplizenschaft heraus, dass die Frauen damit selbst schuld sind", erläutert Schäffauer. "Über 90 Prozent der Befragten waren laut der Studie der Ansicht, dass Männer, die Frauen schlagen, ins Gefängnis gehören. Von einer Befürwortung von Vergewaltigung kann also keine Rede sein."

Für Nana Queiroz fühlt sich die Realität in ihrem Heimatland leider anders an. Für sie macht die Verwechslung der Zahlen keinen Unterschied mehr. Seit dem Start der Kampagne erhielt sie zahlreiche Briefe und E-Mails von Männern, die ihr mit Gewalt und Vergewaltigung drohen.

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