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Graphic Novel "Der Araber von morgen" Wie ein blondgelockter Junge die arabische Welt erlebte

Riads Mutter ist Französin und hat ihren Mann in Paris kennengelernt. Als er ein kleiner Junge ist, zieht seine Familie nach Syrien. Riad Sattouf zeigt die Welt seiner Kindheit als Graphic Novel.
Von Susanne Baller

Er war ein Kind, das alle Erwachsenen besonders fanden: lange blonde Locken und ein engelsgleiches Aussehen - ungewöhnlich für einen Jungen. Und erst recht für den Sohn eines syrischen Vaters. Der französische Cartoonist und Filmemacher Riad Sattouf erzählt aus der Kinderperspektive, wie er seine Welt sah - in Europa, Libyen und Syrien. Er kam zwar in Paris zur Welt, verbrachte aber seine Kindheit größtenteils im Nahen Osten.

Meistens bewundert Riad seinen klugen Vater, der alles zu wissen scheint. Der Sunnit, der mit Bildung und Panarabismus den "Der Araber von morgen" erziehen möchte. Der aber emotional und unreflektiert wird, sobald es um Schiiten geht oder ihm sein beruflicher Werdegang verbaut wird. Parallel zu den Kinderaugen geben Reden, die aus dem Fernseher dringen, Propagandatexte auf Plakaten, die Gespräche der Erwachsenen sowie Erzähltexte den politischen Überblick. Sattouf schafft es, dem Leser seiner - in Frankreich preisgekrönten - Graphic Novel die Fremdheit des Nahen Ostens näherzubringen.

Der arabische Frühling begann im Dezember 2010 und hat eine immense Flüchtlingswelle ausgelöst. Wie es in Libyen und Syrien zuvor zuging, welche Stimmung in den Ländern herrschte, bevor der Islamismus zum größten Problem wurde, verrät Sattoufs Blick in die 1980er Jahre. Das ist die Zeit, als Klein-Riads Vater beschließt, eine Dozentenstelle in Tripolis anzunehmen, von Paris fortzuziehen und nach Libyen zu gehen. Der krasse Schnitt, den der Umzug für die Familie bedeutete, wird in der Graphic Novel von einer neuen Farbwelt unterstützt: Auf das französische Atlantik-Blau folgen wüstengelbe Seiten für Libyen, später wird noch Rosa als dominierende Farbe für den Boden Syriens hinzukommen.

In Libyen herrscht neben Muammar al Gaddafi auch große Armut. Während sein Vater zunächst noch begeistert ist, registriert Riad die Unterschiede zu seinem vorherigen Leben. Auf frische Lebensmittel zum Beispiel muss er komplett verzichten, zu kaufen gibt es lediglich Essen in Dosen: Corned Beef und Bohnen. Dazu etwas Reis, Salz und Zucker. Kommen mal Bananen in den Handel, sind sie entweder grün und hart oder schon matschig. Die Lebensqualität anhand von Lebensmitteln deutlich zu machen, gelingt dem Autor in jedem Land. Mit Witz, Charme und der scheinbaren Naivität eines Kindes registriert er, dass Propaganda und Wirklichkeit in krassem Gegensatz zueinander stehen. Und sich mit dem Länderwechsel auch das Verhalten seines Vaters gegenüber der Mutter verändert - gleichberechtigt ist sie nicht mehr.

1982 heißt es Adieu, Libyen. Der Vater fürchtet das neue Gesetz Gaddafis, das für berufliche Gleichberechtigung zwischen Arbeitern und Intellektuellen sorgen soll, außerdem erwartet die Familie das zweite Kind. Es geht zurück nach Frankreich - und bald darauf nach Syrien - wo bereits der nächste Diktator wartet: Hafez al Assad.

Auf 160 Seiten und mit satirischem Augenzwinkern schaut Sattouf auf die Missstände in der arabischen Welt. Nicht weniger schonungslos geht er jedoch auch mit den Eigenheiten der Franzosen um. Durch den aufgeschlossenen Blick des Zeichners erfährt der Leser viel über die geschichtlichen Zusammenhänge in einer Welt, die Europäern zunächst fremd ist - und derzeit vielen Angst macht. Sattouf arbeitet bereits an Teil zwei, man kann ihm nur mit großer Vorfreude entgegensehen.


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