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Rockmusik für Kinder: Am liebsten laut und garantiert blockflötenfrei

Krisenfreie Musik für die ganze Familie: Radau! macht geschmackssicheren Rock, bei dem nicht nur die Kinder hinhören. Wir haben sie getroffen und sprachen über Blockflöten, Beatles und Rolf Zuckowski.

Von Ingo Scheel

Wer einmal im Stau oder auf einer nervenzehrend langen Fahrt zu Oma und Opa den halben Samstag im Auto verbracht hat, weiß, wie hart das elterliche Leben sein kann. Die Fahrbahn ist ein graues Band, weiße Streifen, grüner Rand. Und wenn die letzte Apfelschorle getrunken, der letzte Vollkornkeks ins Polster gebröselt, das letzte Pixibuch unter dem Sitz verschwunden ist, wird es eng mit dem Entertainment.

Glücklich sind dann diejenigen, die mit lockerem Händchen ein Album der Hamburger Band Radau! aus dem Handschuhfach zaubern können. Die nämlich unterhalten nicht nur die Junioren, sondern lassen auch schon mal die Altvorderen zur Repeat-Taste langen. Radau! - das sind Arne, Christian, Olli und Olle und als Band gibt es sie seit Ende der 90er Jahre.

"Wir sind mehr durch Zufall in das Ganze hineingeraten", erzählt Arne. Wir befinden uns im Regieraum des Hamburger Ecopark-Studios, wo die Band gerade mit Stammproduzent Eduardo Garcia an neuen Songs feilt. "In Altona wohnten wir praktisch Tür an Tür und irgendwann, 97, 98, gab es ein Hoffest, wo eine Band gesucht wurde. Wir taten uns zusammen und machten dann Rockmusik - und dabei eben auch Songs für Kinder, nur etwas härter und lauter gespielt. Und das kam aus dem Stand supergut an", erinnert sich der Sänger und Gitarrist. Die Geschichte nimmt Fahrt auf.

In der Folge feilen die vier an ihrem Sound und entwickeln dabei so nach und nach ihren ganz eigenen Stil. Kinderlieder mit typischen Themen, klar, für Kinder: Piraten und Feuerwehr, Flohmarkt und Oma-Besuch, nervige Schlaumeier, Ritter, Hexen, Monster und Vampire. Das aber untermalen die vier mit einem Sound, der so gar nichts mit den anheimelnden Kinderklassikern Marke Wirtschaftswunder oder den bekannten Barden mit der Akustikgitarre zu tun hat.

Also, nichts gegen Rolf Zuckowski, aber ...

"Nichts gegen Rolf Zuckowski, wir finden das super, was er macht, nur wollten wir eine Musik erschaffen, die näher an unseren eigenen Wurzeln ist", erklärt Arne, von Beruf Soziologe in der Erwachsenenbildung, das Credo von Radau!. Aufgewachsen ist er mit den Beatles und Queen, später kam auch einmal eine Punkrock-Phase, heute zählen Bands wie die Red Hot Chili Peppers zu seinen Favoriten. Nimmt man all das zusammen, so kommt man dem Sound von Radau! durchaus nahe.

Er selbst hat im Alter von sieben Jahren mit Akkordeon angefangen, später dann kam das Klavier hinzu. Doch schon mit 14 stellte er sein musikalisches Leben auf eigene Beine und gründete eine erste Band. "Ein Instrument zu spielen - das gehört zum Leben dazu wie Wasser und Sonnenlicht. Das ist essenziell. Selbst etwas lernen, etwas schaffen - das bringt dich voran, das prägt und bildet", sagt Arne und Gitarrist Christian lächelt wissend. Dessen Eintritt ins musikalische Leben begann etwas später, bestimmte seinen weiteren Weg aber ebenso, heute arbeitet er unter anderem mit Lehrern zusammen und lehrt, wie man Musikerziehung lehrt.

Garantiert blockflötenfrei!

Musikmachen ist also lebenswichtig - da sind wir uns einig. Könnte das nicht auch die klassische Hausmusik mit den Eltern liefern? "Mittelfristig vielleicht", ist Arne skeptisch, "aber auf lange Sicht will man weg davon. Es ist ja auch eine Art Revolte, das Besetzen eines eigenen Claims. Autonomie und Abnabelung." Da macht es Sinn, das eine Formel die Philosophie der Band ganz simpel auf den Punkt bringt: Garantiert blockflötenfrei! Stattdessen atmen Songs wie "Am liebsten laut", "Stuntman" oder "Es geht los" den Geist der oben genannten Bands.

Die Arrangements sind einfallsreich, die Backing Vocals mit Liebe zum Detail ausgearbeitet, Sounds und Effekte erweitern das Klangspektrum. Und auch textlich gibt es hier Dinge zu entdecken, die nicht auf Niedlichfaktor, Backe-backe-Kuchen oder geschlechtsspezifischer Rollentrennung zwischen rosa Tü-Tü und Werkzeugbank basieren, sondern auch einmal den Finger auf die kleinen Wunden legen, dabei ganz neue Blickwinkel öffnen. Das Lied von der lästigen Zahnspange etwa dreht den Spieß einfach um: "Ich wünsche mir schon so lange - eine silberne Zahnspange", heißt es da. Klar, dass man als Zehnjähriger so gewappnet mit stärkerem Selbstbewusstsein den Gang zum Kieferorthopäden antritt. Zahnspange? Glänzt doch cool. Will ich auch.

Dass dieses ausgefuchste Musikkonstrukt nicht mal so eben nebenbei entsteht, liegt auf der Hand. "Klar ist es wichtig, dass wir in unseren Familien supportet werden. Das ist großartig, dass wir uns darauf verlassen können", sagt Arne, selbst Vater von drei Kindern. Proben sind zeitaufwendig, die Arbeit im Studio fordert ihren Tribut und auch wenn das typische Tourleben etwas anders aussieht als das einer "normalen" Rock-'n'- Roll-Band, so sind hier doch Leidenschaft und Engagement von allen gefragt. "Es kann schon mal sein, dass wir zum Beispiel in Schwerin vormittags auf einem Kinderfest spielen. Dann heißt es zuweilen 4.30 Uhr aufstehen, eine halbe Stunde später auf der Autobahn", erzählen Arne und Christian grinsend. Backstage-Partys? Kneipenzüge? Nicht wirklich. Das normale Leben ruft.

Kinder sind knallhart - die gehen einfach

Und die Auszeichnungen, auf die Radau! blicken können, dokumentieren ihren Erfolg: Ein halbes Dutzend Alben ist mittlerweile erschienen. Diverse erste Plätze in den WDR Kinderradio-Charts, der Sieg beim Geraldino-Kinderliederwettbewerb, ein 1. Platz im WDR Kinderliederwettbewerb stehen zu Buche, um nur einige zu nennen. So toll diese Preise auch sind, die Wahrheit liegt auf der Bühne. Der Lackmus-Test für die Songs sind immer die Konzerte, bei denen die Band stets mit dem Publikum interagiert, die Kinder zum Mitspielen auffordert, Quatsch macht und natürlich: rockt. Am liebsten laut. "Einfach so abliefern geht nicht. Als 'normale' Band kannst du an einem Abend mal routiniert so runterzocken. Mit Kindern als Publikum geht das nicht. Wir haben es erlebt und den Preis dafür bezahlt", lacht Arne. "Die gehen dann einfach!"

Engagiert sein und am Ball bleiben - das ist die Devise, wenn man ein Publikum mit so feinen Sensoren hat. Apropos am Ball bleiben - am Ende des Studiobesuchs gibt Produzent Eduardo, der wichtiger Teil des Radau!-Sounds und ebenso mit vollem Herzen dabei ist wie die Musiker selbst, einen kurzen Ausblick auf anstehende Projekte, Stichwort Fußball-WM. Der Studiorechner wird hochgefahren, die Datei lädt - einer neuer Song, noch nicht ausproduziert, aber schon als typischer Radau!-Kracher erkennbar, schallt aus den Boxen. Edu grinst, Christian liest die Zeilen mit, die er gleich in der Gesangskabine mit zweiter Stimme anfetten will. Und Arne trommelt den Takt mit, schon ziemlich zufrieden mit dem bisherigen Ergebnis: "Da, jetzt hör mal hin - diese Verschiebung von Dur nach Moll. Klassisch Beatles!", erklärt er. Und fürwahr. Altona und Liverpool - so weit voneinander entfernt ist das zuweilen tatsächlich nicht.

Ingo Scheel

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