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Rote Schleife fürs Internet: dotHIV - der digitale Angriff gegen Aids

.hiv statt .de in den Browser tippen und so gegen Aids kämpfen? Die Initiative dotHIV vertreibt Internetadressen mit der Endung .hiv. Wer sie nutzt, unterstützt Hilfsprojekte für Aids-Kranke.

Von Viktoria Meinholz

Über vier Jahre hat es gedauert, bis Carolin Silbernagl und ihr Team mit dotHIV an den Start gehen können

Über vier Jahre hat es gedauert, bis Carolin Silbernagl und ihr Team mit dotHIV an den Start gehen können

Die Idee zu dotHIV ist entstanden, wie viele sehr gute Ideen entstehen: an einem Wochenende unter Freunden, die einfach mal so rumspinnen. In diesem Fall haben sie überlegt, wie man mithilfe des Internets gegen Aids kämpfen könnte. Ihre Idee: Internetadressen mit der Endung .hiv verkaufen und mit dem eingenommenen Geld Projekte gegen Aids unterstützen. Was sich wie eine simple Vision anhört, entpuppt sich als verrückter Plan, doch glücklicherweise sitzen die Freunde an diesem Wochenende im Dezember 2009 auf dem Sofa von Carolin Silbernagl.

Die 33-Jährige arbeitete zu dem Zeitpunkt seit mehr als sieben Jahren im Stiftungswesen, unter anderem für die Robert-Bosch-Stiftung. Außerdem betreute sie Unternehmensgründungen und beschäftigte sich beruflich mit sozialem Unternehmertum. Sie hatte das Know-how, um aus der Idee Wirklichkeit werden zu lassen.

"Am Anfang sind wir da unheimlich naiv rangegangen. Wir dachten, das ist eine tolle Idee, wir rufen da einfach mal an. Vielleicht geben die uns die Endung ja", erzählt die heutige Geschäftsführerin des Unternehmens und lacht. Inzwischen weiß sie, wie kompliziert es ist, eine Top-Level-Domain, wie solche Endungen wie .de oder .com heißen, beim Internetdachverband ICANN zu beantragen. Es dauert Jahre - und kostet sehr viel Geld. "Es heißt in der Szene, dass man eine Million braucht. Bei uns waren es am Ende 'nur' 650.000 Euro." Für eine soziale Initiative eine unglaublich hohe Summe.

Digitale Aids-Schleife

Doch die Gründer hatten Glück und fanden Unternehmen, die bereit waren, sie finanziell zu unterstützen. Denn die Firmen glaubten an ihre Idee. "Unser Ziel ist es, .hiv als digitale rote Schleife zu etablieren. So bekannt und so universell verständlich wie die Aids-Schleife", sagt Sibernagl. Ihr System ist dabei sehr einfach: Seitenbetreiber können zusätzlich zu ihrer normalen Domain noch die Endung .hiv kaufen. Sie funktioniert wie eine zweite Eingangstür zu der bereits bestehenden Webseite. Neben der Aufmerksamkeit, die durch die neue Endung auf HIV gelenkt wird, werden mit den Einnahmen aus dem Verkauf der Internetadressen Projekte im Kampf gegen Aids unterstützt.

Außerdem hat der gemeinnützige Verein dotHIV, den Carolin Silbernagl und ihre Kollegen gegründet haben, das Prinzip eines klassischen Spendenlaufs ins Internet gebracht. "Wir haben die Internetadressen mit einem Micro-Spendenprogramm verbunden, das ist unsere Kerninnovation. Mit jedem Klick auf eine .hiv-Seite löst der User eine Spende aus. Das Geld kommt aus unseren Erlösen. Wie bei einem Spendenlauf, wo man ja auch im Vorfeld als Organisator mit dem Klingelbeutel rumgeht und Geld einsammelt, ist das Geld schon da. Doch erst durch die Läufer, die sich engagieren, kommt es auch wirklich an."

Gegen Aids kämpfen - und ein Baby bekommen

dotHIV war die einzige soziale Initiative weltweit, die sich um eine eigene Domainendung beworben hat. "Es gibt nichts Vergleichbares. Denn HIV ist das einzige weltweite Problem, bei dem drei Buchstaben schon reichen, um eine Botschaft zu transportieren", sagt Silbernagl. Sie und ihr Team brauchten einen langen Atem, bis es am 26. August 2014 mit dem Verkauf der Adressen losgeht. Ein Jahr benötigten sie, um die Bewerbung vorzubereiten. Ein weiteres Jahr sollte es dauern, bis sie starten können - es wurden zwei.

"Das hätte noch ewig dauern können, wir wussten es einfach nicht", sagt Silbernagl. "Ich hatte meinen Job gekündigt und das Geld geht natürlich trotz aller Investoren irgendwann zur Neige. Ich habe dann zwischendrin ein Baby bekommen", sie lacht. Ein sehr mutiger Schritt, mitten in der unsicheren Gründungsphase. "Mein Mann schüttelt auch immer noch den Kopf."

Doch Silbernagl wollte nicht mehr ewig auf den perfekten Moment warten, um Mutter zu werden. "Wenn man selbst gründet, gibt’s den wohl nie. Mein Sohn ist jetzt zehn Monate alt, das erste Jahr war schon hart. Aber das ist es wahrscheinlich bei den meisten Eltern."

Die Kraft einer Idee

Wie begeistert Carolin Silbernagl noch immer von der Idee hinter dotHIV ist, merkt man in jedem ihrer Sätze. "HIV ist ein Thema, das jeden von uns auf der Welt irgendwie betrifft. Jeder hat ein komisches Gefühl, wenn er einen One-Night-Stand hatte und kein Kondom benutzt hat." Heute müsste niemand mehr an HIV sterben, wenn alle Infizierten mit Medikamenten versorgt werden würden. Selbst in Deutschland ist häufig die Scham zu groß, um zum Arzt zu gehen und einen Test zu machen. "Bei keiner anderen Krankheit wird gesellschaftlich diese Moralkeule herausgeholt", sagt Silbernagl. Oft wird HIV-Infizierten das Gefühl gegeben, sie seien selbst schuld an ihrer Krankheit. "Diese Dinge mit ein wenig geradezurücken, das ist mir schon ein Anliegen. Denn am Ende geht es nicht um drei Buchstaben, sondern um Menschen."

Das Internet hat sich für Silbernagl als das perfekte Medium erwiesen, um etwas zu verändern. "Im Netz steckt einfach so unglaublich viel Potenzial. Die Ice Bucket Challence ist da das beste Beispiel. Das geht tatsächlich einmal rund um die Welt. Wie verrückt, dass ein kleiner Anstoß das Potenzial besitzt, die ganze Menschheit zu erreichen. Das macht mir echt Gänsehaut."

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