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Schüler-Typologie: Das Biotop auf meinem Pausenhof

Schüler ist nicht gleich Schüler. Wir stecken uns in Schubladen: Da gibt es Asis, Puppen und Karpfen - und keiner kann dem entkommen, stöhnt die stern.de-Schülerpraktikantin.

Von Lucie Stacy Haase

Für Außenstehende sind wir Schüler alle gleich: Dicke Kopfhörer, Sneakers und enge Jeans - sonst ist kein Unterschied zu erkennen. Für uns Jugendliche sieht das anders aus: Wir haben nicht mehr gemeinsam als die Tatsache, dass wir alle an dieselbe Schule gehen. Dort gehört jeder seiner Gruppe an. davon bleibt keiner verschont. Mit den anderen Spezies an der Schule gibt es eine mehr oder minder freundliche Koexitenz. Auch meine Mitschüler haben mich einfach in eine Schachtel gesteckt. Das scheint ein angeborenes Verhalten zu sein, innerhalb von fünf Minuten werfe auch ich meine Mitmenschen in Schubladen. Und ein zweites Mal schaue ich nie wieder hin.

Die ADS-ler

Wenn alles schweigt und mich Kopfschmerzen quälen, stellen die Hyperaktiven immer irgendetwas an. Sie sind wie eine lebendige Baustelle - mitten im Klassenraum. Sie reißen sich nie zusammen und trommeln mit den Händen auf den Tisch. Kurz: Sie nerven abgrundtief. Die Hyperaktiven sind Sportfanatiker. In der Mannschaft sind sie ein Segen. Immerzu müssen sie sich zwanghaft bewegen, ansonsten drehen sie durch. Bis ihr penetrantes Verhalten Lehrer in den Wahnsinn treibt und sie endlich, zur Erleichterung ihrer Mitschüler, rausgeworfen werden. Aber bevor der ADS-ler das Klassenzimmer verlässt, wird erst mal lautstark diskutiert und Daddys Anwalt eingeschaltet.

Die Elite

Die Klassenbesten sind immer organisiert. Wenn ich einen Streber anspreche und nach einem Blatt Papier frage, antwortet er: "Was für eins denn A3, A4, liniert, kariert, blanco ..?" "Ahhh ja", was soll man dazu noch sagen? Klar, dass kein Mädchen freiwillig mit einem Primus spricht. Wenn man es doch tut, bekommt man auf wirklich alles eine wissenschaftliche Antwort. Unglaublich, dass man solche Leute frei rumlaufen lässt! Sie leben in der Leistungsspitze und da ist es eben einsam. Dafür ist der Abschluss garantiert und die Einladungen der Universitäten häufen sich. Wenn ich als "Normalo" eine Drei schreibe und mich freue, heult der Streber bereits wegen einer Zwei minus rum. Mein Mitleid hält sich in Grenzen: Hilfe, das wird jetzt seine komplett durchgeplante Karriere zerstören! Und ich weiß noch nicht mal, ob ich durchs Abi komme!

Die Gold-Jungs

Bei dieser Spezies edler Pfauen dreht sich alles um Klamotten, Autos und Villen. Sie sind die männliche Ausgabe der Puppe. Gold-Jungs sind die selbsternannten "Coolen" der Schule und niemand holt sie aus ihren Wahnvorstellungen. Wenn ihnen das neueste iPhone runterfällt, höre ich nur: "Ups! Na egal, es hatte eh nur noch 20 Prozent Akku. Nach der Schule kaufe ich mir neue Beats, da kann ich auch noch ein neues Handy holen." Dazu fällt mir nichts mehr ein. Mein Handy bringt immer noch der Weihnachtsmann!

Die Gold-Jungs halten sich für etwas ganz Besonderes und alle müssen die neuen Schuhe bewundern - die Reisen und die Freundinnen sowieso. Um sie herum stehen ihre Fans, denn sie sind die Bonzen. Jeder Underdog versucht, sich bei ihnen einzuschleimen. Sie sehen nichts, außer sich. In der Pause macht der Bonze andere Schüler nieder, aber im Unterricht hörst du dann von ihm: "Ich bin sehr sozial und habe viel Selbstvertrauen!"

Die Volltrottel

Jeder hat einen Dummschwätzer in der Klasse. Mich bringen sie mit ihrer absoluten Ahnungslosigkeit immer wieder um den Verstand. Sie schaffen es, ernsthaft zu fragen, warum man Hitler damals nicht abgewählt hat oder warum wir Griechenland nicht einfach genug Geld drucken. Alle andere schütteln nur den Kopf, doch sie checken es einfach nicht. Fremdschämen pur! Trotzdem sind sie glücklich. Weil sie nichts wissen, kann sie nichts aus der Ruhe bringen.

Der Dope-Asi

Auf dem Schulhof treffe ich sie nie. In den Büschen ziehen sie einen Joint nach dem anderen durch und erzählen sich stolz, was für einen Kater sie noch haben. Das sind die, denen alles egal ist: "Scheiß auf Schule! Glotz mich nicht so an. Hast mal nen Joint?" Wenn man die Asis dann doch mal im Unterricht antrifft, verschwinden sie bald wieder. Der nächste Schulverweis liegt schon auf dem Schreibtisch des Direktors.

Sind sie Rebellen? Nein. Mich nerven sie einfach mit ihrer Alles-scheißegal-Einstellung. Doch sie werden kein Problem haben, später einen Job zu finden. McDonalds fragt schließlich nicht ohne Grund: "Hast du swag? Dann bist du bei uns genau richtig!"

Die Handtaschen-Schick-Mädels

Diese Handtaschen-Mädchen laufen immer bei mindestens zwei Freundinnen untergehakt rum. Unter einem Trio findet man sie nie in freier Wildbahn, also sind sie nie einsam. Diese Spezies hat - trotz Küsschen und Unterhaken - eine festgelegte Rangordnung, gegen die nie verstoßen werden darf. Muckt ein Girlie auf, weil sie ihre Augen auf den falschen Typen wirft, wird sie knallhart abgehakt. Dann droht der gesellschaftliche Untergang. Bleibt sie in der Spur, muss sie sich um nichts kümmern. Facebook brummt, Whatsapp pfeift und die Party-Einladungen häufen sich: It's a girl's paradise! Männliche Exemplare gibt es - Gott sei Dank - nicht. Ein Toilettengang ohne die Busenfreundin ist dafür ausgeschlossen!

Kommt eine Neue in die Klasse, nehmen die Handtaschen sie sofort beiseite und schleimen sich bei ihr ein. Der Wortschatz reicht von "Ja, der ist so heiß. Du passt perfekt zu ihm" bis "Unglaublich, ich auch!" Ich könnte ebenso gut mit einem Spiegel sprechen, der sagt auch nicht mehr. Unglaublich, wenn ich zu den Handtaschen gehören würde, bräuchte ich eine Therapie!

Die perfekte Puppe

Puppen sind vor allem eins: perfekt! Wenn man mit einem Spachtel ihre Gesichter vom Make-up befreien würde, würden die Puppen vielleicht wie Menschen und nicht wie aus Photoshop aussehen. Ich muss sagen: Sie sind hübsch und alle Jungs vergöttern sie. Das ist ungerecht! Haben die Jungs alle den Verstand verloren? Schularbeiten müssen die Barbiepuppen nie selbst machen, denn es findet sich immer irgendein Streber, dem sie den Kopf verdrehen können. Ihr glaubt es nicht: Aber bei uns geht es zu wie in einer schlechten Highschool-Komödie.

Diese Sorte von Mädchen hat bereits mit 13 Jahren bemerkt, dass ihr alle Männer hinterherlaufen. Daher können sie sich den Intelligenzquotienten einer Strohpuppe leisten. Die Puppen sind davon überzeugt, dass sie später einen reichen und schönen Mann heiraten und in Champagner baden werden. Das Problem: Bei vielen wird es genau so kommen!

Der Kobold

Ihn sollte man einfach vor der Schule anketten. Egal wie alt er ist, er bleibt ein Kind. Schon tragisch: Er merkt irgendwie nicht, dass er zurückbleibt. Denn er hält sich für den geborenen Entertainer. Nicht mal seine tägliche Banane kann er ohne anzügliche Witze essen. Diese Scherzbolde können selbst über den hirnrissigsten Müll lachen. Irgendwann lacht keiner mehr mit, weil alle schon total genervt sind, denn so geht das den ganzen Tag.

Der Kobold versucht, sich bei jedem Mädchen einzuschleimen und das ohne jeden Erfolg. Wir wollen einen Mann (oder zumindest jemanden, der mal ein Mann sein könnte) und keinen Clown. Außerdem macht sein Unfug ihn jünger - und das ist in meinem Alter kein Kompliment! Da könnte ich mich auch gleich auf einen Elfjährigen einlassen und der wäre noch vernünftiger!

Die Underdogs

Ich habe zwar eine soziale Ader, jedoch scheitert sie bei den Underdogs auf voller Linie. Sie sind die Unberührbaren an der Schule. Gerade darum laufen sie einem immer hinterher und verstehen nicht, wenn ich sage, dass ich meine Ruhe haben will.

Ich will niemanden runtermachen, schließlich will ich nicht als Arschloch dastehen. Ich behandele sie daher wie Luft, das scheint mir am unkompliziertesten. Schön ist das nicht, aber ich kann nicht anders. Die Außenseiter mischen sich nur selten in die Gespräche von uns anderen ein. Eigentlich sind sie ganz nett, aber sie sind eben unberührbar. Ich weiß auch nicht, was bei ihnen schiefgelaufen ist, aber bei uns ist jedenfalls alles zu spät für sie. Ich kann ihnen nur raten, auf einer anderen Schule einen Neuanfang zu starten.

Die Karpfen

Von den Karpfen nehme ich nur Notiz, wenn sie von den Lehrern direkt angesprochen werden und nach sechs Minuten immer noch keine Antwort kommt. Leichte Konversation kann man mit ihnen vergessen. Aufgerissene Augen und Münder sind ihr Beitrag! Daher weiß niemand mehr über die Karpfen als den Namen, Klasse und mit Glück das Alter. Tun sie mir leid? Eigentlich nicht, mich treiben sie zur Weißglut. Frage ich höflichkeitshalber: "Und, wie waren deine Ferien?", löst das einen Schock aus. Keine Antwort. Warum setzen die sich nicht gleich den ganzen Tag ins Aquarium, da wären sie bei Gleichgesinnten.

Die Übermotivierte

Sie sitzt immer in der ersten Reihe und macht Zusatzaufgaben bis zum Geht-nicht-mehr. Nebenbei lernt sie noch Japanisch. Wenn der Lehrer eine Frage stellt, schnellt blitzschnell der Finger in die Luft und mit Jagdgeschrei versucht sie, alle anderen zu übertönen: "Hier, Hier! Herr Möller, ich weiß es!!!"

Das weiß Möller doch, sie ist sowieso immer schon drei Bücher weiter. Bewundernswert ist das Lernvermögen. Wie andere Leute Brot essen, so stopfen die Übermotivierten den Lernstoff in sich hinein. Leider haben sie auch ein ungesundes Konkurrenzverhalten entwickelt. Wenn mich der Lehrer drannimmt, knurren sie gefährlich, weil sie übergangen wurden. Unglaublich! Im 18. Jahrhundert wäre ich vergiftet worden.

Und ich?

Wenn ich es jetzt lese, frage ich mich: Warum finde ich eigentlich immer etwas Nervtötendes und so wenig Positives? Ich bin jung und habe den Kopf voll - nur was nervt, fällt mir auf. Außerdem: Ist es nicht immer schwerer zu wissen, was richtig ist, und sehr viel leichter festzustellen, was falsch ist?

Es ist ja schön, dass ich alle anderen einsortieren kann, aber wozu gehöre ich? Zu mir und meinen Freundinnen kann ich nur sagen: Wir sind immer fröhlich! Wir können total albern sein, ohne uns zu blamieren! Wir sind immer für einander da (BFF)! Weil wir Freunde sind, darum finden wir auch noch mitten im größten Grauen eine positive Beschäftigung. Und wenn es drauf ankommt, können wir ganz ernst sein und alles zusammen lösen!

Und das Negative? Da müssen Sie eine andere Schulhof-Spezies fragen. Meine Mitschüler übernehmen das gern.

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