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Corona in Indien Eine Studentin wollte ihrer indischen Familie helfen, nun sind 400 Kilo medizinische Ausrüstung unterwegs

Ein Wohnzimmer voller Kisten
Nachdem Noors Zimmer im Uni-Wohnheim vor lauter Kisten nicht mehr betretbar war, kamen die Lieferungen mit medizinischer Ausstattung im Haus ihrer Eltern an
© Breath for Humanity / Hersteller
Ein Telefonat mit ihrer Großmutter erschütterte die Familie von Noor Shaik so sehr, dass sie beschloss, etwas gegen die katastrophalen Zustände in Indien zu unternehmen. Eine E-Mail an Noors Uni brachte eine Spendenwelle ins Rollen.

"Vergießen wir ein paar Tränen und machen weiter ODER ändern wir etwas daran?" Mit dieser Frage beginnt Noor Shaik Anfang Mai den Wordpress-Blog Breath for Humanity, in dem sie über ihre Sorge um ihre Oma berichtet. Die 27-Jährige lebt mit ihrer Familie in den USA und fragte sich nach einem Telefonat mit ihrer 83-jährigen Großmutter, wie ihre in Indien lebenden Verwandten den Ausbruch von Covid-19 überstehen sollen. "Während ich mit meiner Familie das Leben in den USA genoss, fürchteten sich dort alle wegen des Lockdowns", beschreibt die Medizinstudentin am Sidney Kimmel Medical College der Thomas Jefferson University in Philadelphia ihre Gefühle. "Ich war sehr traurig und erinnerte mich daran, wie ich meine Großmutter als Kind getroffen hatte. Ich weinte bei dem Gedanken, dass ich sie vielleicht nie wiedersehen würde."

In Indien hatten die Covid-19-Todesfälle seit Februar rasant zugenommen, was sich durch die hohe Übertragung von Virus-Varianten sowie das Fehlen von Impfstoffen, Sauerstoff und anderer medizinischer Versorgung erklärt. Mehr als 4200 Corona-Tote pro Tag wurden gezählt, seit Januar mehr als 24 Millionen Infizierte und laut der Weltgesundheitsbehörde WHO rund 270.000 Verstorbene.

Noor Shaik beschloss zu handeln

Als Ende April die Corona-Krise katastrophale Ausmaße annahm, beschloss Noor, dass etwas passieren muss. In einem P.S.-Anhang an einer Mail an ihren zuständigen Studiendekan, auch ein Mediziner, schrieb sie, wie sehr die Zahlen in Indien in die Höhe geschossen seien und dass sie sich frage, ob er vielleicht von einer Möglichkeit wisse, wie man Schutzausrüstungen sammeln könne, um sie den Einrichtungen vor Ort zu spenden.

Dass diese Anregung dazu führen würde, dass Noor ein paar Tage später aus ihrem Uni-Zimmer einem Raum voller Kisten mit medizinischer Ausrüstung, Masken und Kittel gemacht haben würde, hätte sie niemals erwartet. Die Spenden gehen in Krankenhäuser rund um Bangalore, in der Acht-Millionen-Einwohner-Stadt leben auch ihre Oma und diverse Onkel und Tanten.

Der Studienberater war sofort aktiv geworden

Wayne Bond Lau, Noors Dekan, hatte sich unmittelbar an die medizinischen Ausrüster rund um Philadelphia gewandt und um Unterstützung gebeten. Die Firmen hatten nicht gezögert und direkt geliefert: von tausenden FFP2-Masken bis hin zu Nasenkanülen und Tracheotomie-Sets, über die schwer an Covid-19 Erkrankte mit Sauerstoff versorgt werden.

900 Pounds, das sind rund 410 Kilogramm, an Ausrüstung sind inzwischen unterwegs nach Indien, und es folgen weitere Pakete. "Wir hätten nicht erwartet, dass wir unser ganzes Haus umräumen müssen", schreibt Noor, die im letzten Jahr ihrer Ausbildung ist und Neurologin werden möchte, "aber das machen wir gern. Wir können uns so glücklich schätzen, dass wir hier so viel Impfstoff haben, der sonst entsorgt werden müsste. Auf der anderen Seite der Welt sterben die Menschen und ringen ums Atmen." 

Leben wie in einem Horrorfilm

Noor war sechs Jahre alt, als ihr Vater beruflich in die USA versetzt wurde und die Familie Indien verließ. "Das war damals hart für die ganze Familie", erinnert sie sich. Doch die Familie bleibt in Kontakt, alle zwei Monate telefoniert sie mit der Großmutter. "Dadurch nehmen wir weiterhin am Leben der anderen teil." So erfuhr Noor am 24. April aus erster Hand, wie die aktuelle Lage in Indien ist.

"Meine Großmutter lebt in einem Horrorfilm", erklärt sie. "Am Ende des Tages liegen die Verstorbenen in Reihen nebeneinander. Alle 15 Minuten bringt ein Krankenwagen den nächsten Toten zum Friedhof, es gibt in der ganzen Stadt keine Ruhe mehr. Meine Großmutter erzählte, sie hat noch nicht einen Vogel gehört." Nach diesem Telefonat war es Noors Mutter, die den Satz: "Vergießen wir ein paar Tränen und machen weiter ODER ändern wir etwas daran?" gesagt hatte. Sie hatte auch die Idee, dass Noor sich an ihren Studienberater wenden könnte.

Coroanvirus-Experte Christian Drosten; Krankenwagen in Indien

"Ich bin unglaublich dankbar, das war eine überwältigende Leistung"

"Ich dachte ehrlich, wir bekommen ein paar Kisten Ausrüstung und das war's", bekennt Noor. Doch sie irrte sich. Weil ihr Zimmer im Wohnheim an der Uni plötzlich voller Kisten stand, musste sie erstmal zurück zu ihren Eltern ziehen. Zwei Wochen später stapelten sich auch dort die Kisten bis unter die Decke. Eine Exportfirma aus New York bot der Familie an, die erste Lieferung kostenlos nach Bangalore zu bringen und für den Nachschub nur wenig zu berechnen.

Noch will Noor nicht aufhören zu sammeln. Sie kann sich erst richtig freuen, wenn sie ihre Oma in Sicherheit weiß: "Wenn meine Großmutter eine Impfung erhalten hat und sich wieder sicher aus dem Haus bewegen kann, dann habe ich mein Ziel – und einen Traum – erfüllt."

Quellen:Breath for Humanity bei Wordpress, thelily.com


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