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Neustart: Niemand hat einen schlechten Trauerredner verdient!

Er war viele Jahre Journalist, heute hält Karl-Otto Saur Nachrufe auf Beerdigungen und lernt dabei viel. Manchmal etwa, muss man jemanden einfach in den Arm nehmen, auch wenn man ihn kaum kennt.

Mit 68 Jahren habe ich begonnen, was ich mir 20 Jahre zuvor schon vorgenommen hatte: Ich wurde Trauerredner. Ich war damals Redakteur beim "Spiegel" in Hamburg. Eines Abends rief ein Freund aus den USA an und bat mich um einen Gefallen. Ob ich nicht zu seiner geschiedenen Frau fahren könnte. Ich kannte sie kaum, aber es gibt Bitten, die man nicht ablehnen kann: Ihre Mutter war eine Stunde zuvor gestorben, und sie war mit ihrer Tochter hilflos allein in der Wohnung.

Drei Tage später war die Beerdigung. Außer Tochter und Enkelin standen noch eine Nachbarin, ein Trauerredner und ich vor dem Grab. Der Redner hatte, wie üblich, die Tote nicht gekannt. Er schien aber auch keinerlei Interesse an diesem Menschen zu haben. Ich erinnere mich bis heute, dass ich in diesem Moment spürte, dass niemand es verdient hat, so gedankenlos verabschiedet zu werden.

Jedes Leben und jeder Tod hat seine Besonderheit.

Als Journalist gehörten auch Beerdigungen manchmal zu meinem Aufgabengebiet. Starb jemand aus dem Kollegenkreis, trauerten wir vor allem, wenn die Betroffenen in unserem Alter waren. Aber es war meist eine Trauer um uns selbst, die wir unerwartet die eigene Endlichkeit spürten.

Nun besuche ich seit mehr als einem Jahr regelmäßig die Friedhöfe Münchens, um Verstorbene auf dem letzten Weg zu begleiten und Angehörigen ihren Abschied zu erleichtern. Es sind häufig Menschen, die vom Schicksal nicht verwöhnt waren. Aber in den Gesprächen mit den Hinterbliebenen habe ich schnell gelernt: Jedes Leben und jeder Tod hat seine Besonderheit.

Täglich dazulernen

In einem kleinen Wohnzimmer erzählte mir eine 85-jährige Witwe von ihrem Mann. Jeder Ton verriet, wie sehr sie ihn vermisste. 50 Jahre waren sie keinen einzigen Tag getrennt gewesen. Nun war er mit 90 Jahren gestorben. Ich versuchte, ihr die Angst vor der bevorstehenden Trauerfeier zu nehmen. Als ich mich verabschieden wollte, sagte sie: "Am liebsten würde ich Sie umarmen." Ich legte verlegen meine Hand auf ihre Schulter. Im Auto ärgerte ich mich - ich hätte sie wirklich in den Arm nehmen können. Als bei der Trauerfeier der letzte Ton einer Liedertafel verklungen war, ging ich auf sie zu: Wie selbstverständlich umarmten wir uns. Es hat uns beiden gutgetan.

Journalisten werden gern als Besserwisser empfunden. Nach 40 Jahren in diesem Beruf kann ich sagen, dass dies häufig zutrifft, auch auf mich. Ich kann aber zudem bestätigen, dass ich noch nie zuvor in meinem Leben in einem Jahr so viel gelernt habe. Es ist weniger das Fachwissen über das Bestattungswesen. Es ist etwas Besseres. Ich lerne bei dieser Tätigkeit jeden Tag etwas dazu über das Leben und seine Vergänglichkeit. Und über seine Werte.

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Aufgezeichnet von Andrea Schaper

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