HOME

Schreiben zum Vorfall in Stanford: Wie der Täter versucht, seinen sexuellen Übergriff zu erklären

Nächster Aufreger im Fall des sexuellen Missbrauchs an der Elite-Uni Stanford: Die "New York Times" hat eine Stellungnahme des Täters veröffentlicht. Darin bedauert der 20-Jährige seine Tat - und vor allem sich selbst.

Ex-Stanford-Student Brock T.

Ex-Stanford-Student und Schwimmer Brock T.: Sein sexueller Missbrauch einer 23-Jährigen und das milde Urteil erregen derzeit in den USA die Gemüter.

"Ich bin von der Party-Kultur und dem risikofreudigen Verhalten, das ich während meiner vier Monate in der Schule für kurze Zeit erlebt habe, zerschmettert worden." Der Satz stammt aus einem Brief des ehemaligen Stanford-Studenten Brock T., der eine bewusstlose Frau hinter einem Müllcontainer sexuell missbrauchte. In dem Schreiben, das der 20-Jährige vor seiner Verurteilung zu sechs Monaten Haft im Gericht verlesen ließ, schilderte er seine Sicht der Falles. Und die lässt verstehen, warum das 23 Jahre alte Opfer des Verbrechens den Täter in seiner eigenen bewegenden Erklärung im Gerichtssaal aufgefordert hat: "Rede nicht darüber, wie schlimm Dein Leben umgestürzt wurde, weil Alkohol Dich dazu gebracht hat, schlechte Dinge zu tun. Finde heraus, wie Du für Dein eigenes Verhalten die Verantwortung übernehmen kannst."

Stanford-Student gibt sich als naiver Mitläufer

In seinem Brief, den die "New York Times" veröffentlicht hat, wird deutlich, wie sehr Brock T. sich trotz des bereits erfolgten Schuldspruchs weigerte zuzugeben, dass er sein Opfer überhaupt attackiert hat. Zwar erklärte der frühere Schwimmstar, dass er einen Fehler gemacht habe, niemanden verletzen wollte und "alles geben würde, um das, was in dieser Nacht passiert ist, zu ändern". Die Schuld an seinem Verhalten gibt er jedoch nicht sich selbst, sondern dem Gruppendruck, der Promiskuität und einer Kultur des Trinkens an der Universität.

Ausführlich beschreibt Brock T., wie er als Kleinstadtbürger bei Kommilitonen, "zu denen ich aufsah", beobachtet habe, wie sie das Partyleben in Stanford genossen und von ihnen ermutigt wurde, mitzumachen. "Ich war ein unerfahrener Trinker und Partybesucher, also akzeptierte ich einfach diese Dinge, die sie mir als normal zeigten." Mehr als zweitausend Meilen von zu Hause entfernt habe er die Mitglieder seines Schwimmteams als Familie betrachtet und versucht, ihr Verhalten nachzumachen.

Brock T., der zur Tatzeit 19 Jahre alt war, gibt sich in seiner Erklärung als naiver Mitläufer. In der Tatnacht hätten seine Freunde entschieden, noch auf die Party zu gehen, wo er das spätere Opfer kennenlernte. Er sei nur mitgegangen. Sogar für sein eigenes Verhalten auf der Feier macht der Ex-Student einen anderen verantwortlich: "Während ich mit dem Kapitän meines Schwimmteams herumhing, ermutigte dieser mich, mehr Spaß zu haben. Seinen Ratschlag annehmend kletterte ich auf einen der Tische und fing an zu tanzen."

Plötzlich fand er sich neben ihr auf dem Boden wieder

Obwohl er bereits wegen sexuellen Missbrauchs schuldig gesprochen wurde, bekräftigt Brock T., dass er nichts gegen den Willen seines Opfers getan habe. Sie habe eingewilligt, mit ihm auf sein Zimmer zu gehen, schreibt der Täter in seiner Stellungnahme. Beide hätten sich von der Party aus zusammen auf den Weg gemacht, und seien dabei einen Hang hinuntergegangen. "Das nächste, das ich bemerke, ist, dass wir beide auf dem Boden nebeneinander liegen, weil sie anscheinend auf dem Hang den Halt verloren hatte und ich mit ihr zu Boden ging." Danach hätten sie gelacht, sich geküsst und er habe ihr ins Ohr geflüstert, ob sie möchte, dass er mit seinen Fingern in sie eindringt. Ihre Antwort sei "Yeah" gewesen.

Schließlich sei ihm wegen des Alkohols schlecht geworden. Er sei aufgestanden und losgegangen, um einen Platz zu finden, an dem er sich übergeben könnte und dabei von einem jungem Mann angegriffen und festgehalten worden, bis die Polizei eintraf.

Im weiteren Verlauf des Briefes berichtet Brock T. ausführlich darüber, wie sehr er unter den Folgen der Ereignisse leidet. "Ich kann nie wieder zu der Person werden, die ich vor diesem Tag war." Er sei kein Schwimmer und kein Student mehr, habe Jobs und seine Chance auf eine Olympia-Teilnahme verloren und der Gedanke, dass er seinem Opfer Leid auferlegt habe, verfolge ihn Tag und Nacht. Brock T. konstatiert auch, dass er nicht nur sein Leben, sondern auch das der 23-Jährigen und ihrer Familie verändert hat. Eines kommt in seiner Erklärung allerdings nicht ein einziges Mal vor: Das Wort "Entschuldigung".

Wissenscommunity