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Social Freezing bei Facebook und Apple: Weniger planen, mehr leben!

Alles berechenbar: Kinder, Karriere, Zukunft. Könnte man aufgrund der Sozialleistungen im Silicon Valley zumindest glauben. Doch dabei bleiben Spontaneität, Lust und Abenteuer auf der Strecke.

Von Rüdiger Barth

Spontaneität und Abenteuer statt minutiöser Lebensplanung

Spontaneität und Abenteuer statt minutiöser Lebensplanung

Wolf Michel, Familienvater, ein Mann voller Anekdoten, ist Spezialist für künstliche Befruchtungen. In seiner Hamburger Praxis erlebt er täglich Paare, die wegen der Karriere mit dem Kinderkriegen gewartet haben, denen jetzt die Zeit davonläuft, die längst mit ihrem großen Plan von gestern hadern. Schon in den 80er Jahren arbeitete Michel, heute 57, bei den ersten Embryonentransfers in Deutschland mit, er hat Tausenden Frauen zur Schwangerschaft verholfen, und er wundert sich mehr denn je über die Menschen. "Mich verblüfft der ungebrochene Glaube an die technische Machbarkeit", sagt er. "Man erwartet von uns Ärzten Lebensentwürfe auf Bestellung, als seien Kinder auf Kommando möglich. Die Leute trauen uns alles zu."

Natürlich trauen die Deutschen ihren Experten alles zu, das hat sich ja bewährt. Der Aufstieg der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert machte Deutschland wohlhabend, und noch immer ist dies eine Nation der Aufklärung, deren Bürger Fachleute, Rentenversicherungen und Bedienungsanleitungen lieben, mithin den Traum größtmöglicher Kontrolle.

"Ein Irrweg der Gesellschaft"

Also auch den neuesten Clou der Familienplanung: Eizellen einzufrieren, ohne medizinischen Grund. Frauen spritzen sich dafür zunächst Hormone, die die Bildung von Eizellen stimulieren; ein, zwei Dutzend werden entnommen und in flüssigem Stickstoff bei minus 197 Grad schockgefrostet. Noch Jahrzehnte später lassen sich solche Eizellen auftauen, befruchten und einsetzen, auch wenn die Frau ihre Wechseljahre längst hinter sich hat. Das Verfahren kostet 2000 Euro pro Entnahmezyklus - ein Wechsel auf die Zukunft, den die Firma Berliner Samenbank mit dem Slogan "Fruchtbarkeitsreserve als Lifestyle-Maßnahme" bewirbt. Manche Experten nennen die Methode "Vitrifikation" von Eizellen, andere "Social Freezing", soziales Einfrieren, ein merkwürdiger Begriff, warm und kalt zugleich. Er suggeriert, es sei schon okay, über die Entstehung des Lebens nach Belieben zu verfügen.

"Junge Frauen rennen uns mit diesem Wunsch die Bude ein", sagt Reproduktionsmediziner Michel, "nicht selten 29-Jährige mit Burnout, kinderlos, hoch gebildet und mit klarem Plan, ihre Eizellen für den Tag X aufzubewahren, bis der richtige Partner auftaucht." Dem Social Freezing steht der Arzt skeptisch gegenüber, "dies ist ein Irrweg der Gesellschaft", sagt Michel, dennoch bieten das #link;http://www.ivf-hamburg.de/;Kinderwunschzentrum Altonaer Straße#, an dem er beteiligt ist, und die dazugehörige Sperma- und Gewebebank die Dienstleistung an. "Diesen Frauen sage ich trotzdem: Warum wollen Sie das Schicksal überlisten?"

Ein Kind passt eigentlich nie

Heikle Frage. So viele Antworten: Weil es geht. Weil man vorausschauen muss, um nicht das Nachsehen zu haben. Weil die anderen ja auch ihr Leben um den Beruf herumplanen. Weil manche fürchten, als Alleinerziehende sozial abzusteigen. Weil es einfach gerade nicht passt, weil es eigentlich nie passt. Und auch, weil das digitale Zeitalter die Menschen vermuten lässt, dies sei ein Zeitalter exakter Berechenbarkeit: Wo du dich verfranst hast, sagt dir schließlich dein Handy, ob es in drei Stunden regnen wird, die passende App. Die Kommunikation ist rasend schnell und grenzenlos geworden, alte Gewissheiten des Berufslebens gelten nicht mehr. Das Ja-Nein-Prinzip hat die Gesellschaft durchdrungen, die Nutzenmaximierung jede Muße in die Flucht geschlagen. Es geht nur mehr um die 1 oder die 0. Das Pluszeichen im Schwangerschaftstest ist selten noch Überraschung, viel öfter, in den gebildeten Schichten, ein Triumph des Willens.

Wo ist die Langeweile der Siebtklässler geblieben? Verregnete Nachmittage ohne Pflicht? An denen man sich verabreden konnte, durch die Gegend streifen. Dahin. Das Gymnasium ist in acht Jahren zu absolvieren; im Studium formt sich nicht mehr die Persönlichkeit, sondern das Bewerberprofil. Durch Praktika suchen junge Leute im Job Fuß zu fassen, vernachlässigen Freunde und Hobbys, da ständig die Arbeit ruft, verschieben den Nachwuchs auf morgen - und merken gar nicht, dass sie das Heute verpassen. "Leben ist, was dir passiert, während du fleißig andere Pläne schmiedest", sang John Lennon, und es war noch nie so wahr wie heute.

Es lässt sich nicht alles berechnen

Aber kann das überhaupt glücken, in dieser aufgedrehten Welt: weniger getrieben sein, sich mehr treiben lassen? Es muss dafür nicht mal alles anders werden. Nur das Denken. Nur: das Denken. Denn, kleiner lässt es sich nicht sagen, es ist nunmehr Zeit für eine zweite Aufklärung. Diese neue Aufklärung beginnt damit - muss damit beginnen -, die erste zu entzaubern. Das Selbstbewusstsein des im ursprünglichen Sinne aufgeklärten Menschen gründet sich von jeher auf der Annahme, das Weltgeschehen als Abfolge von Ereignissen zu begreifen, die nicht gottgewollt sind, sondern bei denen Wirkung auf Ursache folgt. Isaac Newton sah den Apfel fallen und schloss auf die Gesetze der Schwerkraft. Und seitdem, schreibt der libanesische Philosoph Nassim Taleb, schien "das Universum wie eine Uhr; wir konnten in die Zukunft projizieren, indem wir uns die Bewegung der Teile ansahen". Ein epischer, folgenreicher Selbstbetrug.

Dabei staunen Wissenschaftler heute, Newtons Nachfolger, vor allem darüber, was sich alles nicht berechnen lässt. Gewiss, wenn die Datenlage üppig ist und die Bedingungen linear, dann können Computer mittels Algorithmen präzise Prognosen erstellen. Dies gilt, rasend spannend, zum Beispiel für den Stromverbrauch einer Volkswirtschaft oder den Alterungsprozess einer Gesellschaft. Nicht jedoch für so komplexe Themen wie die Klimaveränderung - oder den Erfolg von Talentförderung. Physiker scheitern schon daran, die Bewegungen eines schnöden Doppelpendels zu verstehen, und je tiefer sie in die Quantenmechanik einsteigen, desto unschärfer wird das Ergebnis. Der Zufall spielt, das ist längst unstrittig, in den Konstruktionsplänen der Natur eine überwältigende Rolle. Unter welchen Umständen befruchtet sich eine Eizelle, unter welchen nicht? Warum bekommen manche Menschen eine tödliche Krankheit?

Die Formel der Lebenserwartung, wie sie von Versicherungen angewandt wird, zeigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person mindestens k Jahre alt wird

Die Formel der Lebenserwartung, wie sie von Versicherungen angewandt wird, zeigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person mindestens k Jahre alt wird

Experten geben vor, die Zukunft zu kennen

Wer wagt da gar vorherzusagen, wie sich ganze Gesellschaften entwickeln, voller "verrückter sozialer Wesen", wie Taleb in "Der Schwarze Schwan" schreibt, "die möglicherweise mit freiem Willen ausgestattet sind"? Nun, Chefökonomen oder Versicherungsmakler leben prächtig davon. Die Bürger des Westens sind umstellt von solchen Experten, die vorgeben, die Zukunft zu kennen, auf deren Mutmaßungen Politiker Gesetze begründen - und viele Menschen ihre Lebensentwürfe.

Der amerikanische Blogger und Statistiker Nate Silver, angestellt bei der "New York Times", wurde bei der jüngsten Präsidentenwahl für die Genauigkeit seiner Tipps gefeiert: In allen 50 Bundesstaaten hatte er den richtigen Sieger prophezeit; 2008 war ihm dies bei 49 von 50 Staaten gelungen. Silver gilt nun als Guru, aber sein jüngst erschienenes Buch "The Signal and the Noise" ist von Demut und Zweifel geprägt, es trägt den Untertitel "Warum die meisten Vorhersagen scheitern, aber einige nicht". Vorhersagen nennt er "Ideen"; sie seien wichtig, schreibt Silver, "sie verknüpfen die subjektive mit der objektiven Realität". Aber er fährt fort: "Was uns innehalten lassen sollte, ist, dass die wenigen Ideen, die wir geprüft haben, sich nicht so gut schlagen." Die Finanzkrise lasse sich am besten begreifen als "katastrophales Versagen der Vorhersagen".

Der Intuition vertrauen

Trotzdem akzeptieren Wirtschaftsgelehrte nur zögerlich, dass sich ihr Menschenbild, der rational handelnde "Homo oeconomicus", als realitätsfernes Konstrukt erwiesen hat. Ignoranz kommt in diesem Modell ebenso wenig vor wie Hysterie oder Gier. Das Verhalten des Menschen aber ist widersprüchlich, von Fehlschlüssen geleitet, kurzum: nicht vorhersehbar.

"Wage zu denken", das war der Wahlspruch der ersten Aufklärung, doch jetzt muss es ergänzend heißen, so angriffslustig wie versöhnlich: Wage zu fühlen.

Wage zu fühlen!

Diese Zeilen mögen als Plädoyer verstanden werden für diese notwendige zweite Aufklärung, die Menschen skeptischer und wacher macht, robuster gegen Pseudoexperten und Heilsversprechen aller Art. Pläne fußen auf Entscheidungen; es geht um die Art, wie Entscheidungen getroffen werden. Es gilt, das wissenschaftliche Prinzip von seinem Thron zu holen, damit der Verstand nicht mehr das Gefühl unterjoche. Die Menschen dürfen stattdessen lernen, ihrer Intuition genauso zu vertrauen, wie sie ihrem Verstand stets vertraut haben. Die besondere Kraft des Bauchgefühls zu erkennen und zugleich dessen Grenzen.

Sich vom Glauben an die Allmacht des Wissens befreien

Wieder steht bevor, sich aus einer selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien. So wie sich der Mensch im 18. Jahrhundert vom Glauben an die Allmacht des Glaubens abwandte, so ist es nun an der Zeit, sich vom Glauben an die Allmacht des Wissens zu befreien. Diese Haltung, die auch der Herrschaft des digitalen Denkens den Weg ebnete, durchdringt alle Lebensbereiche, und sie erzeugt nicht nur Spekulationsblasen, sondern auch Menschen, die zwar 1000 Freunde auf Facebook haben, aber keine Ahnung, wem sie ihre Sorgen anvertrauen sollen und wie das ginge. Den Zugang zum Gefühl haben diese Leute verloren oder womöglich niemals erlernt - manche schrecken davor zurück, sich auf andere einzulassen, andere setzen Quantität über Qualität.

Wie anfällig der Mensch für den Selbstbetrug ist, die Zukunft für ermessbar zu halten, damit beschäftigen sich seit ein paar Jahren namhafte Neurobiologen, Verhaltensökonomen und Psychologen - sie alle vereint eine bemerkenswerte neue Sicht auf die Welt, die Statistiken, Modellen und historischen Analysen misstraut. Ihre Erkenntnisse nachzuvollziehen bedeutet zunächst, über das Wesen des Menschen nachzudenken. Und zu erkennen, dass er sich selbst in eine Falle gelotst hat. Weil er so ist, wie er ist.

Der Mensch entgeht den Gefahren

Der Homo sapiens, der vernunftbegabte Mensch, setzte sich in der Evolution auch deswegen durch, weil er Ziele verfolgen kann. Nur wer Holz sammelt, vermag ein Feuer in Gang zu halten. Nur wer Vorräte zurücklegt, wird den harten Winter überstehen. Die Natur belohnt den, der Szenarien entwirft, sie im Geiste durchspielt und so Gefahren aus dem Weg geht. "Einer der Vorteile dabei ist", schreibt Nassim Taleb, "dass wir unsere Vermutungen an unserer Statt sterben lassen können."

Menschen haben sich selbst konditioniert, ihrem Verstand zu folgen, nicht ihren Trieben. Dem Plan zu trauen, nicht dem Impuls.

Schon Vierjährige können sich selbst überzeugen, dass es sich auszahlt zu warten, mithin seine Impulse zu beherrschen. Der Psychologe Walter Mischel spürte dieser Gabe in berühmt gewordenen Experimenten nach: Er ließ ein Kind allein in einem Zimmer mit einer Glocke. Läutete das Kind die Glocke, kehrte der Testleiter zurück mit einem Marshmallow. Verkniff es sich das Läuten, bis er von selbst zurückkehrte, bekam es zwei Marshmallows. Verstand kämpft in einem solchen Konflikt gegen Trieb; die Forschung spricht von "Selbststeuerung". Jahre später zeigte sich: Jene Kinder, die auf raschen Genuss verzichten konnten, waren als Erwachsene sozial kompetenter, beruflich erfolgreicher, resistenter gegen Frust.

Es ist unmöglich, Dinge vorherzusehen

Der helle Verstand will zudem lernen. Dafür fahndet er unentwegt in der Vergangenheit nach Mustern, die sich in die Zukunft fortschreiben ließen. Der Mensch sehnt sich nach Gründen, aber die Natur braucht keine. "Nachdem etwas passiert ist, verstehen wir es", sagt der Nobelpreisträger Daniel Kahneman, ein Psychologe. "Und wenn wir es verstehen, glauben wir, dass wir es hätten vorhersehen können. Wir lernen nicht, dass es unmöglich ist, Dinge vorherzusehen." Buchautor Taleb nennt die Methode "narrative Verzerrung": Menschen liebten Geschichten, und deswegen bastelten sie ständig Kausalketten, wo womöglich gar keine zu finden seien. Taleb erzählt die Geschichte einer Weihnachtsgans, die Tag für Tag gemästet wird und mehr und mehr davon ausgehen darf, dass es die Menschen gut mir ihr meinen. Bis sie geschlachtet wird. "Aus der Sicht der Gans ist Weihnachten ein Ausreißer des normalen Ablaufs mit verheerenden Konsequenzen, der unmöglich aus der Vergangenheit abgeleitet werden konnte."

Die Formel der Bruttoreproduktionsrate wird von Bevölkerungswissenschaftlern gebraucht. Sie gibt an, wie viele Töchter eine Frau durchschnittlich in ihrem Leben zur Welt bringen kann.

Die Formel der Bruttoreproduktionsrate wird von Bevölkerungswissenschaftlern gebraucht. Sie gibt an, wie viele Töchter eine Frau durchschnittlich in ihrem Leben zur Welt bringen kann.

10.000 spontane Entscheidungen am Tag

Sich die erschütternde Ahnungslosigkeit des Menschen einzugestehen, die Unmöglichkeit, die Zukunft zu sehen, gehört zum ersten Schritt. Der Zusammenbruch der Türme des World Trade Centers; der Domino-Effekt der Lehman-Brothers-Pleite; der Dreifachschlag aus Erdbeben, Tsunami und Reaktorkatastrophe in Japan: All das schien vor seinem Eintreten so unvorstellbar wie etwa auch die Erfindung des Internets.

Die neue Aufklärung fordert Demut: Das Leben ist nicht linear, der Zufall launisch. Aber, das ist die gute Nachricht, man kann sich wappnen. Das Bauchgefühl, sagt der Hamburger Chaosforscher Jens Braak, "leistet Dinge, die sind unvorstellbar". Wer seine Intuition lesen kann, befreit sich vom zwanghaften Bedürfnis, alle Eventualitäten zu durchdenken. Geschätzte elf Millionen Impulse bedrängen die Sinne in jeder Sekunde, und weil der Mensch überfordert wäre, nimmt er die meisten nicht einmal wahr - das Unterbewusste saugt wie von selbst auf, sondiert, verarbeitet. Bis zu 10.000 spontane Entscheidungen fällt ein Mensch am Tag, ohne dass ihm dies bewusst ist. Auf der Autobahn die Spur wechseln, auf den Flirt eingehen oder nicht, all dies entscheidet der Bauch, ehe der Verstand einsetzen kann. "Die Situation liefert einen Hinweisreiz", erklärte der Sozialwissenschaftler Herbert Simon, "dieser Hinweisreiz gibt dem Experten Zugang zu Informationen, die im Gedächtnis gespeichert sind, und diese Informationen geben ihm die Antwort. Intuition ist nicht mehr und nicht weniger als Wiedererkennen." Unter zwei Bedingungen seien "Intuitionen vermutlich sachgerecht", schreibt Daniel Kahneman, und auf ihnen fußende Prognosen wahrscheinlich zutreffend: "Eine Umgebung, die hinreichend regelmäßig ist, um vorhersagbar zu sein. Und eine Gelegenheit, diese Regelmäßigkeiten durch langjährige Übung zu erlernen."

Dem Gefühl vertrauen

Aus der Improvisation heraus gute Entscheidungen zu treffen ist demnach etwa an der Börse nicht zuverlässig möglich - sie funktioniert nicht nach berechenbaren Regeln. Wohl aber beim Schachspiel; indem man Stellungen wieder und wieder durchdringt. Erfahrung lässt Feuerwehrleute am Brandort zurückweichen oder einen Skirennfahrer sich im Moment des Sturzes zusammenrollen. Hoch qualifizierte Neonatologen im Hamburger Marienkrankenhaus wissen um die kostbare Gabe der Säuglingsschwestern: Die Instrumente zeigen nichts Auffälliges an, doch eine seltsame Färbung der Haut, ein ausbleibender Schrei der Frühchen kann dafür genügen, dass die Schwestern Alarm schlagen und die Ärzte herangesprintet kommen. Wenn man die Schwestern hinterher fragt, zucken sie die Schultern. Es war so ein Gefühl, sagen sie dann. Ein Gefühl, gewonnen aus intensiver Routine.

Das so beeindruckend leistungsfähige Unterbewusste reagiert allerdings empfindlich auf Störungen: Golfprofis lassen in ihrer Präzision deutlich nach, wenn sie sich auf ihren Schwung konzentrieren, Handballspieler wählen nachweislich unter Zeitdruck bessere Alternativen als in Ruhe. "Den Gegner zum Nachdenken bringen" ist eine wirksame Strategie von Leistungssportlern - ihm die Sicherheit zu nehmen, die sich aus der Intuition speist. "Paralyse durch Analyse" nennt es der amerikanische Psychologe Jonathan W. Schooler. Den emotionalen Erfahrungsschatz gezielt zu öffnen, das ist eine erlernbare Kunst. Wer sie beherrscht, wird besser improvisieren können, gekonnter mit Zukunftsängsten umgehen.

Zwing dich zum Nachdenken!

Intuitionen sind mächtig, aber auch mächtig trügerisch; wer sie nicht auf ihre Tauglichkeit überprüft, kann schnell in die Irre geführt werden. Es geht zunächst darum, die Signale des Unbewussten wahrzunehmen - wage zu fühlen. Aber anschließend gilt: Zwing dich zum Nachdenken! Denn dem Verstand obliegt die Qualitätskontrolle. Was dabei im Gehirn abläuft, schildert Kahneman in seinem Mammutwerk "Schnelles Denken, langsames Denken". Er unterscheidet zwei Denkarten des Gehirns, die das Handeln steuern. "System 1" läuft unbewusst und automatisch ab; es ist emotional, neigt zum Übertreiben und sendet subtile Signale, etwa schwitzende Handflächen, Kribbeln im Magen, ein Kloß im Hals. Mit anderen Worten: die Intuition. "System 2" bezeichnet das bewusste, kontrollierte Denken. Von der Forschung wird dies im Stirnhirn verortet, während die Intuition mit dem Limbischen System verknüpft ist, dem Ursprung der Gefühle.

"Das System 1 ist nicht imstande zu ermessen, wie groß die Sprünge sind, die es beim Folgern macht", schreibt Kahneman. "Seien Sie gewarnt. Ihre Intuitionen liefern Vorhersagen, die zu extrem sind, und Sie werden dazu neigen, ihnen allzu großen Glauben zu schenken." Die Wächterfunktion hat demnach System 2 inne - wenn es nicht aus Faulheit oder Ignoranz in Tiefschlaf versunken ist. Es lässt sich, verblüffend, aber wahr, bereits durch Stirnrunzeln in Gang setzen; die Pupillen weiten sich umgehend, die Gedanken fokussieren sich auf das Problem. "Die meisten Denkfehler ergeben sich daraus", sagt Nassim Taleb, "dass wir System 1 benutzen, aber glauben, wir würden System 2 verwenden."

Erwiesenermaßen lässt sich die Präzision von Intuition stärken, indem man Ablenkungen vermeidet. Die Macher der Castingshow "The Voice of Germany" setzen dies konsequent um: Dass die Juroren in der ersten Phase mit dem Rücken zu den Sängern sitzen und nur deren Stimme hören, stärkt gewiss den Showeffekt - fördert aber vor allem die Güte ihres Urteils.

Dem Zufall nicht ausweichen

Zur neuen Aufklärung gehört schließlich eine Einstellung, die man in aller Gelassenheit als Gelassenheit bezeichnen darf. Der Wunsch nach Perfektion lähmt viele Menschen. Aus Angst vor der Absage bewerben sie sich erst gar nicht; aus Angst vor einem Korb sprechen sie andere erst gar nicht an. Die Ratgeberindustrie brummt auch zu diesem Thema, aber nicht viele Buchautoren nähern sich ihm so entspannt wie der Chaosforscher Jens Braak. Man brauche erst gar nicht zu versuchen, dem Zufall auszuweichen, das sei ein aussichtsloses Unterfangen. Ratsam sei vielmehr, sagt der Innovationsberater, sich ihm bewusst auszusetzen - "sich breit aufstellen, Kontakte aufbauen, Erfahrungen sammeln, Ideen fortspinnen. Immer neue Chancen erzeugen und damit die Wahrscheinlichkeit, vom Glück erwischt zu werden."

Braak plädiert dafür, "dass Scheitern immer eine Option ist", schließlich sei die Zukunft im Wesentlichen unkalkulierbar. Für den Alltag empfiehlt er Pragmatismus: "Ich suche nie die in zehn Jahren vielleicht richtige, sondern stets die stimmige Entscheidung, die jetzt und hier kraftvoll ist", sagt er, "das entlastet kolossal." Oh ja, er liebe Pläne, die aufgehen. Ziele hartnäckig zu verfolgen gebe dem Leben Richtung, "aber genauso brauche ich die hohe Bereitschaft, meinen Plan von gestern schon heute in die Tonne zu treten, mit der ganzen Souveränität eines erwachsenen Menschen". Diese Souveränität entsteht für Braak durch die Zuversicht, stets neue Wege zu finden, und zugleich durch das Zutrauen zur eigenen Intuition.

"Warum gehen Sie nicht raus und leben einfach?"

Es fällt nur vielen so schwer. Ihre Ansprüche sind so hoch, die Furcht so groß, sie nie zu erfüllen. Der Reproduktionsmediziner Wolf Michel fragt manche Patientinnen geradeheraus: "Warum gehen Sie nicht raus und leben einfach?" Dem Leben planlos zu begegnen, in Risiken Chancen zu sehen, auf sein Bauchgefühl zu setzen - das wäre für viele ein Abenteuer. Den Lohn wird erst ernten, wer es besteht: Plötzlich sind diese Menschen in der Lage, nicht mehr daran zu verzweifeln, was im eigenen Leben fehlt. Sondern zu sehen, was da ist. Jetzt, in diesem Moment. Wie viel da ist.

Zeit bleibt leider kaum, diesen Moment auszukosten. Die Gegenwart, wie Menschen sie wahrnehmen, dauert nicht mehr als drei Sekunden: die schmale Schwelle zwischen eben noch und gleich sofort, der Augenblick, der die Vergangenheit von der Zukunft scheidet. Es ist alles so schnell vorbei. Eins. Zwei.

Der Artikel zum Thema Lebensplanung und Social Freezing erschien in der stern-Printausgabe Nr. 2 am 3.1.2013.

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