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Geschlechtslos: Das richtige Leben im falschen Körper

Weder Frau noch Mann, sondern geschlechtslos: ein Gespräch mit dem amerikanischen Model und Stilvorbild Tyler Ford.

Von Nora Gantenbrink

Tyler Ford

Ford lebt zurückgezogen und geht nicht oft zu Partys.

Vor 25 Jahren wurden Sie als Mädchen in einer Klinik in New York geboren. Welchen Vornamen gaben Ihnen Ihre Eltern?
Das möchte ich nicht sagen. Mein Name ekelt mich an.  

Weil es ein weiblicher Name ist?
Ja. 

Das Buch "Die Verwandlung" von Franz Kafka beginnt mit dem Satz: "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt." 
Als ich zwölf Jahre alt war, wünschte ich mir vor dem Einschlafen nichts sehnlicher, als dass ich am nächsten Tag in einem anderen Körper aufwachen würde. Stattdessen bekam ich über Nacht meine Periode. Ein Horror.

Warum?
Ich fühlte mich, so weit ich zurückdenken kann, von jeher in meinem Körper unwohl. Ich wusste: Ich bin kein Mädchen. Also wollte ich auch keine Frau werden. Als meine Brüste wuchsen, dachte ich: So muss es sich anfühlen, wenn man von Krebsgeschwüren befallen wird. 

Wie reagierten Ihre Eltern auf Ihr Verhalten?
Nachdem sich meine Eltern getrennt hatten, zog ich mit meiner Mutter zurück zu meinen Großeltern nach Boca Raton in Florida. Als alleinerziehende Mutter wäre es für sie in New York zu schwierig geworden. Meine Mutter ist Nageldesignerin, damit verdient man wenig Geld. Sie war nicht viel zu Hause, ich war oft allein bei meinen Großeltern. Dennoch fiel ihr irgendwann auf, dass etwas nicht stimmte. Ich war sehr introvertiert, sehr unsicher und schüchtern. 

Viele Kinder sind introvertiert, unsicher und schüchtern.
Das stimmt. Aber bei mir lag es daran, dass ich mich immer schon in meinem Körper falsch fühlte. 

Wollten Sie so aussehen wie ein Junge?
In der sechsten Klasse schor ich mir meine Haare und bat meine Mutter, nur noch Jungssachen tragen zu dürfen. Wenn ich auf einem Geburtstag eingeladen war, wollte ich bei McDonald’s immer das Jungsspielzeug aus der Juniortüte. Es waren am Anfang Kleinigkeiten.

Sehnten Sie sich also danach, ein Junge beziehungsweise ein Mann zu sein?
Ich verliebte mich in ein Mädchen in meiner Klasse, und ich fühlte mich nicht als Frau, deshalb nahm ich zunächst an, dass ich ein Mann sein musste. Meine Rettung war das Internet. Dort las ich das erste Mal von Transgendern. Für mich fühlte sich das an wie eine Befreiung. Es gab ein Wort für mich. Es war richtig, dass ich mich falsch fühlte. Tagelang las ich Foren, schaute mir Youtube-Videos von anderen Transgendern an. 

Mit 20 beschlossen Sie, sich Tyler zu nennen. War das Ihr Coming-out?
Ja. Ich studierte damals an der Universität in Tennessee. Meiner Mutter schrieb ich eine E-Mail, dass ich ein Transgender bin und dass sie sich keine Sorgen machen soll. Es fiel mir leichter, ihr das zu schreiben, als ins Gesicht zu sagen. Ich ging zum Psychologen, nahm Hormone, kleidete mich als Mann, dachte über eine Geschlechtsumwandlung nach. Ich nahm an, dass ich ein Geschlecht haben musste. 

Was passierte dann?
Ich wurde depressiv. Ich fragte mich: Warum bist du traurig? Du müsstest doch jetzt glücklich sein! 

Aber das waren Sie nicht?
Nein. Erst dachten die Ärzte, meine Stimmungsschwankungen kämen von den Hormonen, dann fanden wir heraus, es war etwas anderes: Ich war mir eben einfach nicht sicher, ob ich ein Mann war. Ich hörte deshalb auf, Hormone zu nehmen. Es dauerte drei Jahre, bis ich endlich Gewissheit hatte: Ich bin ein Agender, also weder Mann noch Frau. 

Ein geschlechtsloses Wesen?
Ja. 

Was muss man sich darunter vorstellen?
Ich trage Röcke, Hosen, Kleider, lackiere mir die Fingernägel, flechte mir Zöpfe. Aber ich bin keine Frau. Und eben auch kein Mann. Ich weiß nicht, was ich bin, also lebe ich genau das. Ich bin quasi eine Untergruppierung von Transgendern. 

Mittlerweile zählt die Polizei 29 ermordete Transgender allein in diesem Jahr in den USA. Erleben Sie selbst, dass man Ihnen mit Abscheu begegnet? Werden Sie bedroht?
Morde sind leider an der Tagesordnung. Besonders schwarze Transgender, wie ich es bin, werden gejagt. Wer mich attackiert, befriedigt ja auf einen Schlag gleich zwei widerliche Wesenszüge: Homophobie und Rassismus. Ich bin in dieser Logik das perfekte Opfer. 

Also gibt es Situationen, in denen Sie in Gefahr sind?
Ich würde es nicht direkt Gefahr nennen. Aber ich fühle mich oft unwohl. Nachts in der U-Bahn zum Beispiel. Oder wenn mich Wildfremde fragen: "Hast du einen Penis oder eine Vagina?" 

Wie reagieren Sie auf solche Fragen?
An guten Tagen sage ich: "Warum fragen Sie mich nicht erst mal, wie es mir geht oder wie ich heiße?" An schlechten strecke ich meinen Mittelfinger aus. Es geht niemanden etwas an, ob ich einen Penis oder eine Vagina habe. 

Die Suizidrate unter Transgendern ist hoch.
So hoch wie in sonst keiner Gruppe. Sie liegt bei fast 50 Prozent. Viele bringen sich um, weil sie den Druck, weil sie sich selbst nicht aushalten. Auch die Arbeitslosenquote ist erschreckend. Die Armut. Die Obdachlosigkeit. Warum ist das so? Weil Menschen, die sich zu einer anderen Sexualität bekennen, immer noch ausgegrenzt werden. 

Dennoch scheint Amerika anderen Ländern weit voraus zu sein. Für die Rolle als transsexuelle Gefangene in der Serie "Orange is the new black" wurde der Transgender Laverne Cox für einen Emmy nominiert. New Yorks Bürgermeister plädiert dafür, das Geschlecht auf Geburtsurkunden ohne operative Umwandlung ändern zu können. Den Besuchern des Weißen Hauses steht neuerdings eine "genderneutrale" Toilette zur Verfügung.
Es geht voran, das stimmt. Und Amerika hat sicher eine Vorreiterposition. 

Wenn Sie auf die Toilette müssen, benutzen Sie dann das Damen- oder das Herrenklo?
Ich vermeide öffentliche Toiletten, wann immer es geht, weil ich keine Anfeindungen provozieren möchte. 

Wie bringen Sie es fertig, kaum öffentliche Toiletten zu benutzen? Wenn Sie auf eine Party gehen zum Beispiel, da muss man doch irgendwann mal pinkeln.
Das mag seltsam klingen, aber ich gehe kaum auf Partys. Ich trinke keinen Alkohol. Nehme keine Drogen. Small Talk verabscheue ich. Ich bin eine sehr ruhige Person und lebe zurückgezogen. Am liebsten sitze ich alleine in Parks und beobachte Vögel oder Streifenhörnchen und schreibe Gedichte. Menschliche Exzesse sind mir fremd.

Aber Sie sind mit Miley Cyrus befreundet. Dem Inbegriff des extrovertierten Partygirls.
Sie zwingt mich ja nicht, mitzufeiern. Miley ist ein toleranter Mensch. Sie hat mir sehr geholfen. Ein Freund von mir stellte uns vor. Sie hat ein gutes Herz. Mit ihrer Stiftung hilft sie obdachlosen Jugendlichen und setzt sich für die Rechte von Schwulen, Lesben und Transgendern ein. 

Tyler Ford mit Miley Cyrus

Tyler Ford gemeinsam mit Freundin Miley Cyrus auf einer Gala in New York

Andy Warhol machte ab Ende der 60er Jahre die Transgender-Schauspielerin Candy Darling durch seine Filme berühmt. Ist Miley Cyrus eine Art Andy Warhol des 21. Jahrhunderts?
Sie ist ein Idol. Und in dieser Funktion kann sie Menschen helfen. Ich weiß das, weil es mir so unglaublich geholfen hat, im Internet andere Transgender zu finden. Es klingt banal. Aber es hat mir gezeigt: Ich bin nicht allein. 

Trotzdem klingt Ihr Leben einsam.
Vielleicht ist es das. Aber ich bin trotzdem dankbar. Ich bin glücklicher als damals. 

Sie sprechen von sich selbst in der dritten Person Plural. Sie nennen sich nicht "er" oder "sie", sondern "sie" im Plural, auf Englisch "they".
Ich finde, das ist eine zumutbare Belastung. Leute, die mich kennen, verwenden gerne das von mir gewünschte Pronomen – aus Respekt. Und von der Frau an der Supermarktkasse oder der Sprechstundenhilfe erwarte ich es ja gar nicht. 

Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen mussten Sie viel Zeit darauf verwenden, zu erfahren, wer Sie sind. Macht Sie das traurig oder wütend?
Beides nicht, weil es das einzige Leben ist, das ich kenne. Hätte man mir etwas geraubt, wäre ich vielleicht wütend und hegte Groll. Aber man kann ja nur vermissen, was man kannte. 

Mit welchem Geschlecht gingen Sie bislang Partnerschaften ein? Mit Frauen oder Männern?
Mit keinen von beiden hatte ich Sex. 

Sie hatten noch nie in Ihrem Leben Sex?
Nein. Ich bin asexuell. 

Woher wissen Sie, dass Sie asexuell sind, wenn Sie nie Sex hatten?
Woher wissen Sie als Frau, dass Sie heterosexuell sind, wenn Sie noch nie mit einer Frau geschlafen haben? Weil Sie kein Verlangen danach haben. 

Neben Ihren Jobs als Model und Schauspieler halten Sie auch Vorträge an Schulen. Was raten Sie Eltern, die merken, ihr Kind ist ein A- oder Transgender?
Ich rate ihnen, ihr Kind nicht als ein Problem zu betrachten. Wenn ein Mädchen keine Mädchensachen tragen möchte, sondern kurze Haare, dann sollten die Eltern diesem Wunsch nachgeben. Und sie sollten das nicht widerwillig tun, sondern ihrem Kind das Gefühl geben: Das ist okay so. Du bist nicht krank. Du bist gut so, wie du bist. 

Katharina Poblotzki fotografierte Tyler Ford für den stern in Los Angeles.

Katharina Poblotzki fotografierte Tyler Ford für den stern in Los Angeles.

Aber das Kind wird voraussichtlich in der Schule gehänselt werden.
Das Kind wird mehr darunter leiden, sich verkleidet zu fühlen, als von den anderen ausgelacht zu werden, glauben Sie mir. In einer besseren Welt würde ein Mädchen in Jungenkleidern zur Schule gehen, und niemand würde es hänseln. Meine Mutter hat gesehen, dass ich gelitten habe und wie sehr es mich belastet hat, mich auf ein Geschlecht festlegen zu müssen. Seitdem ich das nicht mehr tue, bin ich glücklich. Und meine Mutter auch. 

Von dem Philosophen Theodor Adorno stammt der Satz: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Würden Sie dem zustimmen?
Absolut. 

Ist Gott männlich oder weiblich, was denken Sie?
Ich hoffe beides. 

Wenn Sie heute vor dem Schlafen die Augen schließen, was wünschen Sie sich dann?
Dass ich aufwache. Nicht als Frau, nicht als Mann, nicht als Ungeziefer. Als der Mensch Tyler.  

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