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Stolpersteine: Wer legt uns diese Steine in den Weg?

Er heißt Gunter Demnig, und er legt seit 17 Jahren Stolpersteine - Orte der Erinnerung an Menschen, die im Dritten Reich deportiert und ermordet wurden.

Von Anja Lösel

Gunter Demnig bei der Arbeit

Gunter Demnig bei der Arbeit

Leipzig, Eisenbahnstraße, 9.30 Uhr. Gunter Demnig parkt mit seinem roten Lieferwagen vor dem Haus mit der Nummer 97. Steigt aus, guckt auf den graubraunen Putz, die verrammelten Fenster, die Graffiti. Hier also, vor diesem leer stehenden Haus, beginnt heute sein Arbeitstag. Insgesamt 22 Stolpersteine wird Demnig in den nächsten sechseinhalb Stunden verlegen, an zehn verschiedenen Orten der Stadt.

Fast jeder hat sie schon mal gesehen, diese kleinen, quadratischen Messingplatten, eingelassen ins Straßenpflaster. Sie tragen Namen und Daten von Deportierten und erinnern an Menschen, die in Konzentrationslagern ermordet wurden - weil sie Juden waren oder Kommunisten, weil sie gegen Hitlers Unrechtsstaat aufbegehrten oder einfach nur weil sie krank oder geistig behindert waren und man sie loswerden wollte.

Der letzte Wohnsitz

Mehr als 42.000 Stolpersteine hat Demnig schon verlegt, stets vor dem letzten frei gewählten Wohnsitz der Opfer. Seine Botschaft: Nicht in Auschwitz oder Buchenwald begann das Grauen, sondern mitten unter uns.

Ein Trüppchen Menschen wartet schon auf Gunter Demnig: Achim Beier vom Archiv Bürgerbewegung Leipzig, Marion Kunz von der Evangelischen Jugend, ein paar Damen vom Frauenkulturverein, die Historikerin Andrea Lorz. Sie alle sind Stolperstein-Paten, haben in Leipzig recherchiert, organisiert, geplant. Hier in der Eisenbahnstraße ehren sie die jüdische Malerin Sora Sofie Schneider, 1942 deportiert nach Riga.

Beton weg, Stein rein

Die Straßenbahn rauscht vorbei, Leute bleiben stehen, gehen weiter. Rund 15 Minuten kalkuliert Demnig für jeden Termin. Nun gibt es Probleme. Unter dem Pflaster liegt nicht Sand, wie erwartet, sondern Beton. Wird wohl länger dauern diesmal. Demnig holt Presslufthammer und Kabeltrommel aus dem Auto, zapft Strom ein paar Häuser weiter, schleppt Wasserkanister und einen Eimer voller Kies heran. Kurzes Geknatter, Beton weg, Stein rein, fertig. Während zwei schöne junge Frauen Klezmermusik auf Akkordeon und Klarinette spielen, packt er schon wieder zusammen.

65 ist Demnig, 20 Jahre hat er den Stolpersteinen gewidmet. Sie sind zu seinem Lebensprojekt geworden. Die Stolpersteine sind seine Idee, seine Leidenschaft, sein Leben. Mit Cargohose, Schutzhandschuhen und einem Knieschoner rechts sieht Demnig aus wie ein Straßenarbeiter, und irgendwie ist er ja auch einer. Nur der Hut mit der breiten Krempe verleiht ihm einen Hauch von Künstler-Boheme. Dabei ist das Ding nur Arbeitskleidung und als Schutz gegen Sonne und Regen bitter nötig. "Australischer Karnickelfilz", sagt er. "Kostet 220 Euro. Hält ewig und kann pitschnass werden."

18 Steine passen in einen Karton

18 Steine passen in einen Karton

Alles für die Kunst

280 Tage im Jahr ist "der Gunter", wie alle ihn nennen, unterwegs. Quer durch Europa zuckelt er in seinem Kleinbus, 120.000 Kilometer im Jahr, 17 Länder (seit September 2014 sind auch die Schweiz und Frankreich dabei). Immer auf der Straße, jeden Abend an einem anderen Ort, mit anderen Menschen, in einem anderen Hotel. Alles für die Kunst, für seine Stolpersteine, für das Gedenken. Geplant war das nie. Es kam einfach so.

Der rote Peugeot Expert mit der Nummer BM-GD 2710 ist seine Heimat geworden. Kratzer und Beulen hat das Auto bekommen, Falten und graue Haare der Fahrer. Im Auto verbringt Demnig mehr Zeit als zu Hause in Köln. Nur selten gönnt er sich ein paar Tage Erholung bei seiner Lebensgefährtin auf Hiddensee, die er natürlich bei einer Stolperstein-Verlegung kennengelernt hat, wo sonst?

Illegal? War ihm gleichgültig

Sein Auto gleicht im Innern einem Lagerraum. Schön verpackt liegen die Stolpersteine in Kartons zu je 18 Stück. Daneben Eimer voll Sand und Kies und jede Menge Werkzeug, falls er Beton aufknacken muss oder einen Poller abschrauben, der ihm den Weg versperrt. Auf dem Armaturenbrett sitzt eine Saatkrähe aus Plüsch. "Sie erinnert mich an den Papagei, der früher in meinem Atelier herumkrakeelte."

Mit dem Vogel auf der Schulter spazierte er in den Siebzigern durch Kassel. Die beiden waren stadtbekannt. Damals studierte er Kunstpädagogik. Er pinselte eine US-Flagge mit Totenköpfen ans Atelierfenster, experimentierte, war unzufrieden. "Malerei hat mich nicht so interessiert. Meine Bilder sahen aus wie Pfannkuchen." Aufrütteln wollte er, etwas bewegen, Menschen ins Gespräch ziehen. Er ging nach Köln und malte eine rote Farbspur aufs Pflaster, die den Todesweg der Sinti und Roma 1940 zum Deportationsbahnhof Deutz markierte. Unendliche Debatten folgten, und plötzlich erkannte er: Das ist es. So will ich arbeiten.

Den ersten Stolperstein legte Demnig 1996 in Berlin-Kreuzberg als Beitrag zur Ausstellung "Künstler forschen nach Auschwitz". Auf öffentlichem Grund, aber ohne Genehmigung des Tiefbauamts. Illegal? War ihm gleichgültig. "Irgendwann hat die Stadt es mitbekommen. Ich musste den Stein um einen Meter versetzen - und damit war er legalisiert."

In vielen Städten gibt es Helfer

Er wundert sich selbst, was aus seiner kleinen Idee geworden ist. "Am Anfang fühlten sich viele Leute vor den Kopf gestoßen. Jetzt hat sich das verselbstständigt. Es ist wie eine Lawine." Immer mehr Menschen fragen an. Es gibt riesige Wartelisten, zwei Jahre kann es dauern, bis man dran ist. Berlin hat rund 5000 Stolpersteine, Hamburg über 4000. In vielen Städten gibt es Helfer, die recherchieren und organisieren. Nur wenige Orte in Deutschland sperren sich. München ist so einer.

Am Anfang fühlten sich viele Leute vor den Kopf gestoßen

Das liegt an Charlotte Knobloch von der israelitischen Kultusgemeinde. Sie wünscht nicht, dass "das Gedenken der Ermordeten mit Füßen getreten wird". Demnig kann das nicht verstehen. "Um die Inschrift zu lesen, muss man sich zu dem Stolperstein hinunterbeugen", sagt er. "Das ist wie eine Verneigung."

Kunst ist, was drum herum passiert

Das Navi leitet Demnig durch Leipzig zum nächsten Stolperstein-Ort in der Neustädter Straße direkt neben einer Baustelle. Bagger, Presslufthämmer, Höllenlärm. Die Arbeiter merken gar nicht, dass es eine kleine Gedenkfeier für Fanny Mann gibt, Jüdin aus Polen, 1938 ermordet. Keiner der Hausbewohner ist gekommen, obwohl alle eingeladen sind. Das ist oft so, Demnig kennt das schon. Im ersten Stock bewegt sich die Gardine. Ein Mann lugt runter auf das Grüppchen um den Stolperstein und zieht sich wieder zurück ins Dunkel der Wohnung. Drei verschleierte junge Frauen schlendern vorbei, gucken, gehen weiter.

Pflaster aufbrechen, Stein rein, festzementieren - das klappt perfekt, sogar im Winter. Bei Temperaturen unter null Grad schneidet Demnig den Asphalt mit einem Brenner und packt Frostschutzmittel ins Wasser. Wichtiger als der technische Teil ist dem Künstler, was vor und nach der Verlegung passiert: Paten finden, die Nachforschungen in Archiven und Bibliotheken anstellen. Angehörige ausfindig machen, einladen, betreuen, trösten. Manche Paten halten Reden, machen Musik, organisieren Nachbarschaftstreffen, erarbeiten Broschüren zum Leben der Opfer. "Soziale Skulptur" nennt Demnig das. "Nicht der einzelne Stein ist das Kunstwerk, sondern das, was drum herum passiert." Ja, das ist inspiriert von Joseph Beuys, dem Mann, dem er so ähnlich sieht mit seinem Hut.

Lebendiger Geschichtsunterricht

Der nächste Stolperstein: für Feiwisch Kern, einen polnischen Juden. Verwandte sind gekommen, stehen auf der Straße, die Augen voller Tränen. Demnig legt den Stein. Ruhig, wortlos.

Manches ist Routine, klar. Und doch packt es ihn immer wieder. Diesmal überwältigen ihn die Gefühle um 11.15 Uhr. Er sitzt im Auto und kann einfach nicht losfahren. Acht Stolpersteine hat er gerade für die jüdische Familie Berger gelegt. Mutter, Vater und sechs Kinder. Alle ermordet. "Das ist nicht zu fassen", sagt er. "Kinder. Mir geht das sehr nahe."

Fünf Schüler haben die Lebensläufe der Familie recherchiert und lesen sie nun vor. "Die gehen anders nach Hause, wenn sie so eine Gedenkfeier organisiert haben. Das ist lebendiger Geschichtsunterricht."

14.000 Juden wurden allein aus Leipzig deportiert und ermordet. Aber auch für Widerstandskämpfer legt Demnig Stolpersteine. Der Anarchist und Kommunist Arthur Holke wird heute geehrt, ermordet im KZ Buchenwald; der Leipziger Unternehmer und Widerstandskämpfer Walter Cramer, hingerichtet in Berlin-Plötzensee. Und Minna Milda Walther, zu Tode gepflegt in der Psychiatrie. "Krankenmord" nennt Gunter Deming das. Einmal, erzählt Demnig, kamen Neonazis zur Verlegung. Maulten rum, man solle an die Soldaten denken, die im Zweiten Weltkrieg gefallen sind. "Gute Idee", sagte er. "Kümmern Sie sich doch darum, stellen Sie einen Antrag. Ich mache einstweilen mit den Stolpersteinen weiter."

"Ich habe nicht vor, aufzuhören"

Der letzte Termin an diesem Tag ist ein ganz besonderer. Berta Rosenhein, 90, ist aus New York angereist. Als sie 15 war, schickte ihre Mutter sie auf einen Kindertransport nach England. Schweren Herzens. Drei Jahre lang schrieben sie einander innige Briefe, bis die Mutter nach Riga deportiert und ermordet wurde.

Berta lebt. Klein, drahtig, hellwach steht sie in ihrem lindgrünen Kleid auf der staubigen Zschocherschen Straße, die Autos brettern vorbei. "Nach 75 Jahren spreche ich hier in Leipzig von meiner Mutter, an dem Ort, an dem wir Abschied nahmen. Es ist so schwer. Sie hat mir zweimal das Leben geschenkt."

Leipzig, 16 Uhr. Für Gunter Demnig geht ein ganz normaler Arbeitstag zu Ende. Feierabend? Kommt nicht infrage. Nur eine winzige Pause gönnt er sich. Noch am Abend geht es weiter. Auf der Ladefläche: zwölf Kartons voller Stolpersteine für Tschechien, Ungarn und die Slowakei, schwer und glänzend wie Goldbarren. Will er denn immer so weitermachen? Sich nie Ruhe gönnen? "Ich habe noch lange nicht vor aufzuhören", sagt Gunter Demnig. "Irgendwann komme ich vielleicht mit dem Rollator zur Stolperstein-Verlegung. Aber ich werde da sein."

Der Text über Gunter Demnig und seine Stolpersteine erschien in viva! 2/2013. Hier geht's zum aktuellen Heft.

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