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Teenager in Freiburg: "Wir gehen im Dunkeln nur noch in Dreiergruppen raus"

Machen sich Jugendliche in Freiburg Sorgen um ihre Sicherheit, seitdem dort eine Studentin ermordet wurde? Nein, sagt ein 17-jähriger Schüler. Aber vorsichtig sind sie trotzdem. 

Blick auf Freiburg

Sich in Freiburg unsicher zu fühlen, wäre "komplett lächerlich", sagt der 17-jährige John

John B. geht auf eine internationale Schule in Freiburg und lebt auch dort, mit 200 Jugendlichen aus zahlreichen Nationen. Vor der Schule fließt die Dreisam, dahinter beginnt der Schwarzwald. Es ist ein idyllisches Fleckchen an der Stadtgrenze, in dessen Nähe sich in den vergangenen vier Wochen zwei Morde an jungen Frauen ereignet haben. Die Medizinstudentin Maria L. war in der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober mit dem Fahrrad auf den Weg nach Hause und am nächsten Morgen tot in der Dreisam gefunden worden. Am 6. November starb die 27-jährige Carolin G. aus der nahe Freiburg gelegenen Stadt Endingen, nachdem sie zum Joggen in die Weinberge aufgebrochen war. Zwei Vergewaltigungen, zwei Morde innerhalb von nur drei Wochen. Keiner der Fälle ist bislang aufgeklärt. Der stern wollte von John wissen, wie sehr die Ereignisse das Leben der Teenager beeinflussen.

Der erste Mord geschah an der Dreisam, wie weit war das von eurer Schule entfernt?
Etwa 300 bis 400 Meter, schätze ich. Die Dreisam fließt ja genau vor unserer Tür entlang.

Wie habt ihr davon erfahren?
Unser Schuldirektor hat uns eine E-Mail geschickt und geschrieben, wir sollen vorsichtig sein. Und als vor ein paar Tagen eine zweite Frau gefunden wurde, 30 Kilometer von unserer Schule entfernt, gab es eine zweite Mail von ihm mit der Bitte, sehr, sehr vorsichtig zu sein. Zum Beispiel sollen wir abends nur noch in Dreiergruppen rausgehen und in abgelegenen Gebieten besonders aufpassen.

Sprecht ihr auf dem Schulhof oder in kleineren Runden darüber?

An dem Tag, als wir die Mail bekommen haben, war das schon ein Thema. Da fragt man sich, was denn nun plötzlich los ist. Interessanterweise haben ein paar Leute aus den lateinamerikanischen Ländern gesagt: "Das ist doch ganz normal." Aber für uns Westeuropäer ist das natürlich nicht normal. Vorgestern, als ich mit einer Freundin laufen gegangen bin, habe ich zu ihr gesagt: "Ich begleite dich mal lieber, ich will nicht, dass du jetzt alleine laufen gehst." 

Sprecht ihr auch mit den Lehrern darüber?
Ja, wenn wir darüber reden wollen, machen wir das. Aber sie schneiden das Thema nicht von sich aus an. Aber dass unser Schuldirektor uns überhaupt eine Mail schreibt, ist schon etwas Besonderes. 

Habt ihr Angst?
Nein, ich könnte niemanden benennen, der wirklich Angst hat. Aber hier wird es ja schon um fünf Uhr dunkel und wenn man dann unterwegs ist, denkt man schon mal "Oh, shit, hier wurde vor ein paar Tagen jemand umgebracht". Das ist schon ein befremdlicher Gedanke.

Gibt es Mitschüler, die jetzt nicht mehr joggen gehen?
Alleine geht keiner mehr joggen. Ein richtig schöner Weg ist entlang der Dreisam oder im Schwarzwald. Und das sind beides Gegenden, wo gar nichts los ist. Als wir letztens im Schwarzwald waren, hat die Freundin, mit der ich laufen war, gesagt: "Lass uns lieber nicht den Weg um diese eine Hütte nehmen, da wird mir mulmig." Da haben wir dann einen Umweg genommen. Aber das hätte sie vielleicht auch gesagt, wenn nichts passiert wäre. Weil der Weg generell düster oder gruselig ist. Man macht sich die Angst ja auch selber. Ich würde mich davon nicht beeinflussen lassen, was aber vielleicht auch nicht besser ist.

Habt ihr noch weitere Verhaltensregeln bekommen?
Es droht ja jetzt nicht permanente Gefahr, wir haben schon noch unseren normalen Alltag. So stark beeinflusst uns das nicht. Wir sind ja hauptsächlich auf dem Campus.

Du fühlst dich also jetzt nicht generell unsicher in Freiburg?
Nein, das wäre komplett lächerlich. Wir haben hier Leute aus Krisengebieten, in deren Nachbarschaft deutlich schlimmere Dinge passiert sind. Man sollte deswegen jetzt nicht den Verstand verlieren.

Aber das war ja nicht deine Realität.
Das stimmt. Und mich hat das schon kurz beschäftigt, aber nicht, weil ich gedacht habe, das hätte auch ich sein können. Sondern weil ich gedacht habe, wie schrecklich, dass eine unschuldige Frau ermordet wurde. Die arme Familie, der arme Freundeskreis. Und das in dieser friedlichen Stadt.


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